Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 20 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 20. der menschlichen Natur Gegebenes erscheint. Denn ebenso wie > leibliche Beschaffenheiten von Geschlecht auf Geschlecht, von Eltern auf die Kinder sich vererben, vererben sich auch -geistige! und moralische Fähigkeiten. Anschauungen und Meinungen, j Was uns jetzt als in der Menschennatur gelegen erscheint, das ist eben erst durch die vor 3000 Jahren stattgefundene Verkündigung am Sinai dazu geworden, ohne Offenbarung wären „die Gebilde des Menschenherzens böse geblieben," wie sie es in ihrem Ursprünge waren. Diese Umwandlung und Veredlung des Menschenherzens hatte eine schweren Kampf gekostet und ist auch jetzt noch nicht vollendet. Selbst bei Israel, das der unmittelbaren göttlichen Offenbarung gewürdigt wurde, dauerte es fast ein Jahrtausend, bis auch nur der erste Teil der sinai- ' tischen Lehre von der absoluten Einheit und Geistigkeit Gottes j feste, unausrottbare Wurzel in seiner Mitte fassen konnte, i Während der ganzen Zeit seines ersten Aufenthaltes in Palästina j fanden heidnischer Götzendienst, heidnische Laster und Vori stelluugen bei ihm Eingang. Und doch stammte Israel von Abraham, Isaak und Jakob, von Männern ab, welche, von j Gotteserkenntnis und Sittlichkeit durchdrungen, alles Heidnische und ^Schlechte abgestreifl hatten und zu erhabenen Vorbildern wahren und echten Menschtums geworden sind. Wie wenig die Natur der anderen Völker, welche keine solche durch Tugenden hervorragenden Stammväter wie Israel hatten, mit den am Sinai verkündeten Lehren im Einklang stand, bringen sie uns u. a. Worten in folgender Erzählung zum Bewußtsein. Wie Israel, sagen sie, wollte Gott schon damals auch den anderen Völkern die Thora geben, aber diese fragten vorerst immer, was denn in der Thora geschrieben stehe. Als nun die .Söhne Esaus hörten, daß in der Thora gesagt wurde: „Du 'ollst nicht morden!" da riefen sie, eine solche Lehre paßt für uns nicht, sie widerstrebt unser ganzen Natur, schon unser Stammvater lebte von seinem Schwerte, von Raub und Mord, diese sind eine Bedingung unserer Existenz, ohne sie würden wir aufhören, Nachkommen Esaus zu sein, wir können doch nicht unseren Ursprung, unsere Nationalität verleugnen; ein gleiches gaben die Söhne Moabs und Amons zur Antwort, als sie hörten, in der Thora stehe: ..Du sollst nicht unzüchtig sein! denn ihre Stammväter waren in Blutschande geboren worden; die Jsmaeliten wiederum fanden das Verbot: „Du sollst nicht stehlen!" mit ihrer Natur und ihrem Nationalcharakter unvereinbar, da es schon von ihrem Stammvater heiße, er werde ein gewalttätiger Mensch sein, der seine Hände auf alles legen werde. Nur Israel, an das Gott zuletzt sich wandte, fragte nichts, sondern rief noch vor der Verkündigung: „Alles, was Gott sagen wird, werden wir tun!" Seit jener Zeit haben sich große Wandlungen und Veränderungen innerhalb des Menschengeschlechtes vollzogen. Die Lehre vom Sinai hat auch bei jenen Völkern, welche damals von ihr nichts wollten, Eingang gefutlden. Neue Religionen sind entstanden, aber bei der Aufstellung ihrer Sittenlehre griffen sie alle auf das am Sinai verkündete Sittengesetz zurück. Besseres, Edleres, Erhabeneres und Menschen Beglückenderes vermochten sie eben nicht zu finden. Die Menschheit ist dadurch im allgemeinen vorgeschritten, gesitteter und besser geworden, aber ganz angepaßt hat sie sich den Zehnworten vom Sinai noch immer nicht. Die warten noch immer der Verwirklichung im Leben der Menschen und Völker; sie stehen zwar in Millionen von Büchern, fehlen aber auf. den Tafeln des Herzens. Das haben uns wieder einmal die tiefbetrübenden Ereignisse gezeigt, welche sich in diesem Jahre in einem große Reiche zugetragen, das sich den Charakter der Heiligkeit beilegt und im Besitze des rechten Glaubens zu sein vorgibt. Die daselbst an den Nachkommen derer, welchen Gott seine heiligen Worte am Sinai verkündete, und von welchen sie der Menschheit übermittelt worden sind, verübten Greueltaten haben leider nur zu deutlich gezeigt, wie weit wir noch von jener Zeit entfernt sind, wo die ganze Menschheit, wo alle Völker, auch die des Ostens, mit Israel das Offenbarungsfest werden feiern können. Die Mordtaten, die Grausamkeiten, die Schändungen und Beraubungen, die in Rußland an unseren dortigen Glaubensbrüdern verübt worden sind, übertreffen bei weitem das, was Edom, Moab und Jsmael je nach dieser Richtung hin geleistet. Und doch hatten diese die Zehnworte vom Sinai abgelehnt und nicht fromm und heuchlerisch die Angen verdreht, während man im genannten Lande seit mehr denn lausend Jahren nicht allein zu den Zehnworten vom Sinai sich bekennt, sondern auch deren strengster Hüter zu sein vorgibt. Wie alles andere, wie Kultur und Fortschritt, Bildung und Gesittung in jenem Staate nur äußerer Schein sind, so ist es dort auch mit der Religion der Fall. Auch diese wird nur zur Täuschung und Irreführung, zur Aufreizung und Verhetzung der verschiedenen Volksklassen gegen einander mißbraucht. Der Jude wird als Ketzer, als ein von Gott verdammter, als Gesetzesverächter und Menschenfeind schon vor die Kinder in der Schule hingestellt; es müßten daher Wunder geschehen, wenn denn nicht die rohe, ungebildete Menge den Juden wirklich nicht als ein Wesen anderer Art, als es die anderen Menschen sind, betrachten und behandeln würde. Vielfach aber fälschlich wurde behauptet, daß das Gebot der Nächstenliebe in der Thora sich nur auf die eigenen israelitischen Volks- und Glaubensgenossen beziehe, obgleich die Juden in iihrer Gesamtheit immer und überall in ihrem Verhalten Nichtjuden gegenüber die gegenteilige Auffassung bekundet haben. Würden die Juden die nichtjüdische Nächstenliebe nach dem beurteilen, was ihnen noch gegenwärtig in Rußland und in früheren Jahrhunderten auch in den anderen europäischen Ländern widerfahren, dann müßten sie sich nicht allein von dieser Nächstenliebe ausgeschlossen halten, sondern auch die Ueberzeugung haben, daß auch die Zehngebote bei den andern Völkern in Bezug auf sie eine Verminderung erlitten haben. Wir aber wollen das Verhalten der nominellen Bekenner einer Religion und einzelner ihrer Lehrer nicht mit dieser selbst verwechseln,- zumal in einer Betrachtung über die sinaitische Offenbarung wollen wir das nicht, denn „die Stimme, die da ertönte, teilte sich in siebzig Stimmen und die Worte wurden in siebzig Sprachen vernommen." Darum hoffen wir, daß sie einst ungekürzt im Herzen aller Menschen und Völker feste Wurzel fassen werden und das Prophetenwort sich erfüllen wird: „die Erde wird erfüllt sein von der Erkenntnis Gottes, wie die Gewässer den Meeresgrund bedecken." Adolf Kitter von Sonnenthal. Wenn wir die Ruhmeshallen der Kunst und Wissenschaft im Geiste durchschreiten, begegnen wir überall Männern jüdischen Stanunes, deren Wirken und Schaffen die Palme der Unsterblichkeit errungen hat. Und besonders die deutsche Schauspielkunst ist reich an Koryphäen jüdischen Ursprunges und jüdischen Glaubens und einer der bedeutendsten aller Zeiten ist Adolf Ritter von Sonnenthal, der am 1. Juni d. I. das Jubiläum seiner fünfzigjährigen künstlerischen Wirksamkeit am Wiener Burgtheater begeht. Es wäre bei diesem Anlässe gewiß lohnend und lockend, dem Meister Sonnenthal, der wie jeder echte Künstler nie stille stand und aus sich selbst heraus sich zu den höchsten Höhen der Kunst emporgerungen hat, auf dem ansteigenden Wege seiner künstlerischen Entwicklung zu folgen und auf die vielen herrlichen Gestalten hinzuweisen, die er auf der Bühne geschaffen hat. Aber, schon mit Rücksicht darauf, daß bereits bei früheren Anlässen seine rühmliche Tätigkeit von berufenerer Seite vielfach gewürdigt' wurde und auch zu dem bevorstehenden Jubeltage eine besondere Festschrift geplant ist, wollen wir diesen Lockungen gerne widerstehen und nur einige Erinnerungen auffrischen, die die künstlerische Persönlichkeit Sonnenthals mit seinem Judentum in eine gewisse Beziehung bringen. Eine der Glanzrollen Sonnenthals ist bekanntlich der Uriel „Uriel Acosta", den vor ihm Josef Wagner im Burgthealer spielte. Am 16. September 1863 stand nun das Gutzkowffche Drama mit Wagner als Uriel auf dem Zettel des Burgtheaters. Als Sonnenthal, der bisher am Burgtheater zumeist nur als jugendlicher Liebhaber beschäftigt war, an diesem Vormittag zufällig ins Theater kam, trat plötzlich Direktor Laube in sichtlicher Aufregung auf ihn zu und fragte ihn: „Haben Sie schon den Uriel gespielt?" — „Vor sieben Jahren i