Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 20 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ahfheit Redaktion u. Slduiiiiisti ation: Wien, II/, Novaragasse 27 Telephon Nr. der Druckerei 153VS. Juteraie rl> Hell. ver NouvareiUc-Zcile. AboniiemeutSu. Juiertiousbeträge sind iu Wie» zahlbar und klagbar. Unabhängige Heitfchrift für jüöifche Zniere^en-. Erscheint jeden Kr eilag. Motto: „Das Siegel Glottes ist Wahrheit!* jj Kezngsvireis:!| Ganzjährig . . . ft.! Halbjährig . ft rt - Für Cnltnsbeaiiire: Ganzjährig . . . ft. 10 — Für Ausland: Ganzjährig . . . 6 Mark Ü Rubel oder l« Fc« Ur. 20. Wien, 23. Mai 1906. Inhalt: Eine Betrachtung zum Offenbarungsfeste. — Adolf Ritter von Sonnenthal. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Kaiser!. Rat 1 Moriz Hirsch. — Aus dem Leben des berühmten Orientalisten Johann Buxtorf — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Jsaac Heymann. — Zur Abwehr. Eine Setrachtnng mm Offenbarnngsfefte. Von Rabb. M. Stark-Prag—Weinberge. Göttlich und doch menschlich, himmlisch und doch irdisch ist das unschätzbare Kleinod, das kostbare Geschenk, das Gott in seiner unendlichen Güte und Gnade Israel am Sinai gegeben. Die Thora ist göttlich nach ihrem Ursprünge, denn sie ist eine Offenbarung Gottes, der Ausdruck seiner Gedanken und seines Willens, „ein Werk von ihm." Und doch ist sie auch menschlich! Menschlich ihrem Inhalte nach. Ihre Lehren und Vorschriften, ihre Gesetze und Gebote beziehen sich auf die Menschen, haben den Zweck, ihnen Aufklärung über sein eigenes Wesen zu geben, > eine Richtschnur für sein Tun und Lassen zu erteilen, seine Gefühle und Gesinnungen zu veredeln, sein Denken und Streben auf das Hohe und Erhabene zu lenken, ihn zu bestimmen, sowohl sich selbst als auch anderen gegenüber wahr und gerecht, menschlich und liebevoll zu sein. Die Thora stammt vom Himmel, ist von Gott, verwirklicht aber kann sie uns werden auf Erden, von dem Menschen während seines irdischen Daseins. Unsere alten Weisen, gewohnt ihre Ideen und Gedanken in anschaulichen Bildern und lebensvollen Schilderungen zum Ausdrucke zu bringen, drücken das in folgender Weise aus: Als Mose, sagen sie, im Himmel erschien, um dort die Thora in Empfang zu nehmen, da entstand eine Bewegung unter den Engeln und Serafim. Alle himmlischen Scharen riefen voll Erstaunen: ..Was will ein Staubgeborener unter uns?" Und da Gott, der Herr ihnen sagte, Mose sei gekommen, die Thora zu holen, da entgegneten sie: Deinen kostbaren Schatz, den du seit undenklichen Zeiten als das teuerste Gut des Himmels bewahrt hast, an dem du selber dich täglich ergötztest, willst du einem sterblichen Menschen übergeben, „was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, der Erdensohn, daß du sein achtest", laß doch deinen Glanz und dein Licht wie bisher, nur im Himmel erstrahlen." Nun forderte Gott Mose auf, selber den Engeln auf ihren Einspruch zu erwidern. Und Mose, dem Trone Gottes sich nähernd, Hub an und sprach: „Was stehl denn eigentlich in der Thora, die auf die Erde Hinabkommen und vor Israel empfangen werden soll, geschvieben? So viel mir bekannt ist: Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus Egypten geführt; du sollst keine anderen Götter haben! Nun denn, sind etwa die Engel von Pharao bedrückt oder aus dessen Knechtschaft erlöst worden? Öder ist vielleicht zu befürchten, daß die heiligen Serafim ihren himmlischen Lybgesang, ihr dreimaliges „Heilig" zu Ehren anderer Götter anstimmen werden? Oder wird vielleichtim Himme Handel getrieben, jagen auch die Engelscharen nach Gewinn, herrscht auch unter ihnen Neid und Mißgunst, Herrsch- und Habsucht, böse Begierde und Leidenschaft, daß ihnen das Falfchschwören, der Ehebruch, der Diebstahl, das Gelüsten, u. s. w. verboten werden müßte; oder haben sie Vater und Mutter, daß ihnen die Ehrfurcht vor diesen eingeschärft werden mußte? Nein, daß alles paßt nicht für sie, kann unter ihnen, im Himmel überhaupt nicht verwirklicht werden, sondern nur auf Erden unter den Menschen; dahin gehört daher die Thora." Die Engel fanden auf diese Ausführungen keine Erwiderung, sie sahen deren Richtigkeit ein und stimmten ihnen zu, denn sie waren eben Engel und keine Menschen, die oft einen Streit gegen die bessere Ueberzeugung fortsetzen, um nur nicht einzugestehen, daß sie im Jrrtume oder Unrechte gewesen sind. Jeder der Engel, sogar der Todesengel, gab vielmehr Moses als er mit der Thora auf die Erde niederstieg, noch irgend eine heilsame Lehre mit. Aus diesem sinnigen Zwiegespräche, das die alten Lehrer Mose mit den Engeln vor der Offenbarung führen lassen, leuchtet der eine Gedanke hervor, daß die Thora die Bestimmung habe, dem Menschen sein Menschentum, seine Menschenwürde zum Bewußtsein zu bringen, ihn über sich selbst, über sein Verhältnis zu Gott, zur Welt und insbesondere zu seinem Nebenmenschen zu belehren. War aber zu diesem Zwecke, könnte man fragen, wirklich erst eine himmlische Offenbarung nötig? mußte dem Menschen erst von oben verkündet werden, was er hier auf Erden zu tun habe, um gut, um ein Mensch zu sein und nicht dem Tiere zu gleichen? Die Zehnworte der Offenbarung sind allerdings so einfach und schlicht, so leicht faßlich und allgemein verständlich, ihr Inhalt so ganz mit unserer Vernunft, so ganz mit unserem Fühlen und Empfinden übereinstimmend, daß sich einem in der Tat die Frage aufwirft, mußte wirklich das Selbstverständliche, das, was gleichsam auf der Hand liegt, mit dem sittlichen Bewußtsein des Menschen verwachsen zu sein scheint, wovon jeder so durchdrungen ist, als wäre es ihm in die Tafeln seines Herzens eingegraben worden, von einer Gottesstimme, vom flammenden Sinai herab, unter Donner und Blitz und anderen erhabenen, furchtbaren Naturerscheinungen verkiindet werden, um in das Menschenherz Eingang zu finden? Bei dieser Frage vergißt man aber, daß seit der Offenbarung mehr als 8000 Jahre hingegangen, daß während dieser langen Zeit ein Geschlecht dem andern die Offenbarungsworte verkündet, jeder Vater seinen Kindern sie gelehrt und eingeschärft hat und daß darum ihr Inhalt uns jetzt als etwas Selbstverständliches, als etwas mit