Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 19 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 8. Nr. 19. Rabbiners und des Forschers der jüdischen Geschichte Dr. Mayer Klliserlintzerrichtet von der dankbaren Pester isr. Religionstzemeinde". Budapest Wir haben dieser Tage einen Mann der Wissenschaft zu Grabe geleitet, der wert war, daß wir ihn betrauern und der würdig gewesen, daß sein Heimgang beklagt werde. . Es ist dies der hauptstädtische Atzt Dr. S. H. S ch r e i b e r, ein namhafter Forscher und Fachschriftstellerwelcher ein Alter von 72 Jahren erreichte. Dr. Schreiber war ein schlichter, unglaublich bescheidener und anspruchsloser Mensch. Er lebte Mr für die Wissenschaft, für seinen hehren Beruf Und für seine Familie. Sein immenses ä^tlichts Fachwissen, das ihn in die erste Reihe der Heil- Wnstler rangierte, beutete er nicht dazu aus, um sich materielle Schätze anzuhäufen, er übte seine Kunst zumeist aus Menschenfreundlichkeit. So ward er geliebt und verehrt von allen, die ihn kannten, als. das Ideal eines ebenso verständigen als gewissenhaften Arztes: Seine Leichenfeier war eine ungewöhnlich imposante. An derselben beteiligte sich eine nach Hunderten zählende Trauergemeinde. Wir sahen Bürger aller Stände, allen voran dessen Kollegen, Professoren der medizinischen Fakultät, Universitätsdozenten und die angesehensten Aerzte der ungarischen Haupt- »nd Residenzstadt. Die Funeralien besorgte Oberkantor Professor Adolf Lazarus mit seinem Tempelchore. Trauerreden hielten Rabbiner Doktor Simon Hevesi, und namens des Aerztekorps Dozent Dr. Rudolf Temesvary. v. H. 8. Budapest. Das neugewählte ungarische Parlament zählt bisher folgende jüdische Abgeordnete: Dr. S. B a k o n y i in Debreczin, Dr. O. B a r t a (Felvidek), Tr. S. Farkashüzy (Elesd), Dr. S. Kelemen (Szatmar), Dr. A. Leitner (Miskolcz), W. Mesefi (SzegvLr), Dr. I. Molnar (Szentes), Dr. A. Rajk (Baja),P. Szandor (Budapest), M. Szatmari (Margitta), Dr. A. Somogyi (L. Sz.-Miklos), Dr. B. Baszouyi (Budapest), ferner Dr. E. Brody (Nagy-Szöllösi, Dr. L. Fried (Munkacs), L. H i r t e n st e i n (M. Kaszony), Dr. I. M a r kbreit (Vizakna) und Dr. M. Sägh (Zsolna). Von diesen insgesamt siebzehn jüdischen Abgeordneten gehörten die erstgenannten zwölf bereits dem vorigen Parlament an, die übrigen fünf sind neugewählt worden. Der Parteistellung nach gehören 11 der Ünabhängigkeits-(Kossuth-), 1 der Berfaffungs-, 3 der demokratischen, 1 der sozialistischen Partei an, 1 ist parteilos. Dr. Soma Visontay, der in seinem bisherigen Wahlkreise (Gyöngyös) unterlegen ist, hat Aussicht, in Unghvar gewählt zu werden. Das vorige Parlament zählte 21 jüdische Abgeordnete. Siklos. Unser Oberkantor, Herr Isidor Glück, hat sich mit Fräulein Selma Singer. Tochter des Rabbiners in Barpalota, verlobt. Petersburg. (Jüdische Abgeordnete in Rußland.) Bis jetzt sind 11 Juden in die Reichsduma gewählt worden, und zwar: Dr. Winawer, einer der bedeutendsten Führer der „Kadettenpartei", die Schriftsteller Jolles, Ostrozorski, ferner Dr. Frenkel, Advokat Bramson, Advokat Scheftel. Die übrigen fünf jüdischen Abgeordneten sind bekannte Führer der Zionisten, nämlich: Dr. Levin-Wilna, Dr. Bruck-Wittebsk, Rechtsanwalt Zacubsohn-Slonim, Rechtsanwalt Rosenbaum-Minsk und Dr. Katzenelsohn-Libau, der Präsident der Jüdischen Kolonialbank in London. Feuilleton. Ein poetischer Schadchen. Humoreske von Adolf Steinschneider. „Sie können sich gar keine Vorstellung machen, Herr Doktor Klinger, welch ein herrliches, anbetungswürdiges Wesen das Mädchen ist, welches ich Ihnen vorschlage. Sie ist schön wie die schaumgeborne Göttin Venus, klug wie Minerva und reich wie Krösus." „Halten Sie ein, Herr Reingruber," unterbrach ihn jener, Sie plündern ja die Mythologie. Müßt Ihr Vermittler denn immer in Euren Schilderungen solch grelle Farben auftragen, die dann die Wirklichkeit grausam zerstört?" „0, glauben Sie mir," sprach Herr Neingruber, „ich bin eine Ausnahme unter meinen Berufsgenossen; ich schildere nur der Wahrheit gemäß, und wenn ich in Ekstase gerate, so ist es der Gegenstand wirklich wert. Ich habe bei meinen Heiratsvermittlungen es stets nur darauf abgesehen, das Glück der Paare zu begründen. Ich bin des Dichterwortes stets eingedenk: .Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet^. Ich bin nur der Prüfer dieser Herzensfindungen, bevor ich meine Anträge mache." „Jawohl," lachte Dr. Klinger, „Sie find der Prüfer, aber nur ob sich das Geld zum Gelde findet." „Ach, Sie spotten meiner." replizierte Herr Reingruber. „Wenn Sie meinen Worten nicht trauen, so kommen Sie, sehen Sie, siegen Sie, wie sich Cäsar ausdrückte." Herr Dr. Klinger sagte nun: „Zählen Sie mir doch einige Ehepaare her, die durch Ihre Vermittlung glücklich wurden." Reingruber: „Da ist der Kaufmann St. mit Fräulein W." Dr. Klinger: „Wo die Frau durch Ihre Verschwendung und Prunksucht: den Mann ruinierte, daß er binnen kurzem .fallit wurde." . . , Reingruber: ,.Dä ist der Bankbeamte R: und Fräulein P:." Dr. Klinger: „Wo der Herr Gemahl nach der Hochzeit eine solche Roheit entwickeltedaß die junge Frau zu ihrest Eltern flüchtete." Reingruber: „Da ist der bekannte Advokat L. mit Fräulein H. Dr. Klinger: „Wo die Frau mit seinem Konzipienten eist Liebesverhältnis anknüpfte, so daß die Scheidung droht." Reingruber: „O, Pardon, daß durch fatalen Zufall iH jene Fälle zitierte, die ausnahmsweise unglücklich ausfielen. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel und ich will Ihnen bie weit zahlreicheren Ettebündnisse herzählen, die ich begründet, bei denen Glück und Zufriedenheit herrscht." Dr. Klinger: „Ich erlasse Ihnen die weitereü Zitierungenwill glauben, daß alle den Himmel auf Erden gefunden habest, aber ich muß Ihnen gestehen, ich bin ein abgesagter Feind von allen durch Vermittlung gestifteten Verheiratungen und auch der Personen, die sich damit befassen." Reingruber: „O, da haben Sie gewaltig unrecht, und mit Christus möchte ich ausrufen: ,Herr! verzeihe ihnen, sie wissen nicht, was sie tun? Ich kenne die Vorurteile, die gegest unseren Beruf herrschen, aber ich gebe folgende Umstände Ihr«: Erwägung anheim: Ein Mädchen kann lange Jahre schmachtest und sich in Sehnsucht nach einem Manne verzehren, von selbst kommt keiner, und so sitzt sie eines Morgens als eine alte Jungfer da. Die Eltern heiratsfähiger Töchter können unermüdlich Ausschau Hallen nach Bewerbernwenn sie keine Bekanntschaften, keine Familienverbindungen haben, ist alles umsonst. Der Mann, von seinen Berufsgeschäften in Anspruch genommen und der seine freie Zeit im Klub, im Wirtshause, im Kaffeehause verbringt, wo hat er Gelegenheit, sich eine Lebensgefährtin zu erwählen? Darum gibt es auch so viele Hagestolze, so viele sitzengebliebene Mädchen, daß es ein wahrer Jammer ist. Da erscheinen wir Heiratsvermittler als Helfer in der Not, wir suchen das Gleiche für das Gleiche, finden eine Sie für einM Er und einen Er für eine Sie. Ja wir gleichen auch die Entfernungen aus und vermitteln Paare aus den von einander entlegenen Gegenden. Ich sehe die Zeit kommen, wo man uns Gerechtigkeit widerfahren lassen wird und wir allseitig gesuchte Leute sein werden." „Und," setzte Dr. Klinger spottend hinzu, „wo man Euch als Retter der Menschheit, als Beförderer der Fortpflanzung des menschlichen Geschlechtes mit besonderen Ehrungen auszeichnen wird. Ich erkläre mich im Streite mit Ihnen überwunden, und was Ihren Vorschlag betrifft, so lassen Sie mir einige Zeit zum Ueberlegen und kommen Sie ein nächstes Mal wieder." Es war bei ihm außer der Abneigung gegen die Vermittlung noch ein triftigerer Grund, der ihn zaudern machte. Er war sterblich verliebt, und man bedenke die fatale Situation, er wußte nicht, wer der Gegenstand seiner Liebe sei. Bei einem Ballfeste hatte er sie gesehen, prangend in der Schönheit der ersten Jugendblüte. Er hatte mit ihr getanzt, sich mit ihr unterhalten, dabei ihren Geist mit holder Grazie bewundert und mit Entzücken bemerkt, daß er auch auf sie einen günstigen Eindruck gemacht habe. Doch, o weh, bei der lebhaften, anregenden Konversation hatte er vergessen, sie um ihren Namen und Wohnort zu befragen und ihr auch den seinen mitzuteilen. Kann es eine größere Ungeschicklichkeit geben? Und er machte sich auch die bittersten Vorwürfe, nannte sich einen blöden Toren. (Schluß folgt.) ■;, Das beste Getränk u. Nahrungsmittel fünfiebernde Kranke iss Ce res-Apfelsaft ijer Nährmtthelwerke „GER ES" Aussig