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Die Wahrheit · 1906-05-18 · Heft 19 (18.5.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 19 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 19. Die Wahrheit auf einer Probe machen, oder wenn müßige Hände auf den Theaterplakaten der Litfaßsäulen die „Intendanz" in '. „Jutentanz" umwandelten . . .? Aber nicht nur in feinem Reiche der Kunst, auch in den . Geschehnissen seines Reiches hielt der Herzog nie mit seiner freien Anschauung hinter dem Berg zurück und bei aller Delikatesse und Vornehmheit ließ er es an Entschiedenheit und Klarheit nicht fehlen, wollte er antisemitischen Ungezogenheiten eine Rüge erteilen und dem gekränkten Judentum seine durch keinerlei Vorurteile getrübte Zuneigung erkennen lassen. Ich spreche nicht davon, daß er in den politischen Zeiten, wo der antisemitische Wellenschlag sehr hoch ging, ausfallend oft in Meiningen den „Nathan der Weise" aussühren ließ, ich denke auch nicht daran, daß er gelegentlich der Einweihung der neuerbauten Synagoge in Bauerbach, dem einstigen Asyl Schillers, in einer Ansprache an die Gemeindemitglieder erklärte, daß er mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung ständen, dem Einzug der Judenhetze in sein Land verwehren werde, sondern ich will zur Charakterisierung der vornehmen Natur des Fürsten zum besten geben, das sich zur Zeit der Einweihungsseier der Meininger Synagoge vor etwa 20 Jahren zugetragen hat.,Zur Festlichkeit der Synagogen- Einweihung waren damals von der jüdischen Gemeinde der Landesfürst und die Geistlichen der evangelischen und katholischen Gemeinde — geladen. Der Herzog mit seinen Paladinen erschien, der katholische Geistliche ehrte durch sein Erscheinen seine Glaubensgenossen der anderen Fakultät — nur die evangelische Geistlichkeit samt und sonders glänzte — durch ihre Abwesenheit. Wie brachte der Fürst nun seine Mißfallen über diesen Akt der Unhöflichkeil zum Ausdruck? O er hielt keine Reden, er sprach kein Wort des Tadels und er erteilte keine Rüffel — aber er strafte doch die evangelische Geistlichen und rehabilitierte die jüdische Gemeinde in sinnig vornehmer Art. Nicht lange nach der Tempelseier gab der Herzog ein Fest, hierzu waren der Rabbiner geladen und der katholische Pfarrer, während — die evangelischen Geistlichen auch dieses Mal durch ihre Abwesenheit glänzten, freilich durch die Abwesenheit, die der Herzog beabsichtigte ... In der Reichsduma, welche sich wenigstens in den großen Freiheits- und Verfassungsfragen von der konstitutionell-demokratischen Partei leiten läßt, wurde seitens der letzteren eine Adresse an den Czaren beantragt, welche ganz von modernem Geiste durchdrungen ist. Freiheit der Person und des Gewissens, Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetze und Aufhebung aller ständischen nationalen und religiösen Privilegien werden in derselben als unerläßliche Grundlagen für die friedliche und gedeihliche Entwicklung des russischen Reiches hingestellt. Ob jedoch in diesen allgemeinen Forderungen auch die Lösung der Judensrage mit inbegriffen ist, das ist wohl mehr als zweifelhaft, wenigstens spricht bis jetzt keine einzige Aeußerung in der Duma für diese Annahme. Besonders die bäuerlichen Vertreter scheinen in ihrer Mehrzahl der Judenemanzipation zu widerstreben, was auch in einer Unterredung, die ein Korrespondent der „N. Fr. Pr." in den letzten Tagen mit einem Banernabgeordneten hatte, offen erklärt wurde. Auf die Frage des Berichterstatters, was er über die Judensrage denke, antwortete er: „Die Juden bedrücken uns, denn sie nehmen von uns, was sie wollen, und zahlen, was sie wollen. Einen Vorwurf mache ich ihnen daraus nicht. Sie sind eben entwickelter als wir, aber die Gleichberechtigung soll man ihnen nicht geben, so lange wir nicht ausgeklärt sind." Auf die weitere Frage des Korrespondenten, ob er die Judenhetzen verurteile, wollte er nicht recht mit der Sprache heraus, ein Landsmann aus Podolien, der mittlerweile eingetreten war, mischte sich in das Gespräch und erklärte die Judenhetzen mit ..einem Mißverständnis, an dem die Gutsbesitzer die Schuld trügen." „Sie haben uns auf die Juden gehetzt, um dann zu sagen, wir seien nicht reis für die Freiheit." * * * Die Drehfus-Affaire scheint nun doch ihrer endgültigen Erledigung entgegenzugehen, und das ist immerhin ein erfreulicher Beweis dafür, daß sich die republikanische Regierung vor allen nationalistischen und klerikalen Anschlägen sicher weiß. Aus unterrichteten Pariser Kreisen verlautet nämlich, daß das Aktenmaterial, welches dem Kassationshof in der Dreyfus- Asfaire vorliegt, ein weit umfangreicheres ist, als dasjenige der ersten Revision gewesen. Die Untersuchung der Strafkammer des obersten Tribunals hat eine Reihe bisher noch unbekannter Fälschungen und falscher Zeugenaussagen ergebeu. Der Fall gilt in den juristischen Kreisen, welche Einblick in die Details der Affaire haben, als vollkommen aufgeklärt, so daß man voraussieht, daß der Generalprokurator den Antrag stellen wird, das Urteil desKriegsgerichteszu Rennes vom 9. September 1899 zu kassieren und D r e y s u s s r e i z u sprechen, ohne den Fall vor ein neues Kriegsgericht zu verwaisen. Diese Freisprechung „sans renvoi“ wird dieser Angelegenheit in gesetzmäßiger Weise ihre Lösung geben, da der Kassationsgerichtshof berechtigt ist, ohne neuerliche Verhandlung ein sreispre'chendes Urteil zu fällen. Die Grxiehmigssrage. Alljährlich, wenn ein Schuljahr seinem Ende zuneigt, Eltern und Kinder in nervöser Spannung und Ungeduld den Zeugnissen und Ausweisen entgegensehen, wird auch die brennende Frage in unseren Köpfen und die schwere Sorge in unseren Herzen lebendig: Was sollen unsere Kinder werden? Seit undenklichen Zeiten ist die Erziehungsmethode bei den Inden eine grundfalsche gewesen. Während unsere Wirtsvölker, denen wir in Moral und Ethik leuchtende Vorbilder waren, uns dies zu allen Zeiten bis auf den heutigen Tag dadurch lohnten, daß sie uns stets außerhalb der Schranken des Gesetzes stellten und' keine Gelegenheit vorübergehen ließen, ohne Mord, Plünderung und Brandschatzung an uns zu üben; so hingegen hat es sich das geistig hochstehende jüdische Volk mit konsequenter Hartnäckigkeit in den Kops gesetzt, eine Art Mysterium in der Welt zu bilden, ja der Wegweiser für Sittlichkeit für die ganze Menschheit zu sein. Diese Tatsache wird gewiß keiner weiteren Beweisführung bedürfen, sollte es aber doch Zweifler und Nörgler geben, so wollen wir einen klassischen Zeugen sprechen lassen. Friedrich Schiller schließt sein Fragment, „Die Sendung Moses", mit folgenden Worten: „Alle anderen Staaten jener Zeit und auch der folgenden Zeiten sind auf Betrug oder Irrtum, auf Vielgötterei gegründet. Moses war der Erste, der Einzige, der es wagte, das geheimgehaltene Resirltat der Forschung der ganzen Welt zu verkünden. So wird er zum Besten der Welt und der Nachwelt der Verkünder einer großen Idee und läßt eine ganze Nation, ja die ganze Menschheit, an einer Wahrheit teilnehmen, die früher nur das Eigentum einiger Wenigen gewesen ist." Diese Nation kann sich bis auf den heutigen Tag des Lichtes und des Lebens, der freien kulturellen Entwicklung und Betätigung nicht erfreuen. Da sie aber doch leben will und leben muß, so konnte sie außer ihrem angeborenen Triebe zur Wissen- « schaft nur noch zu dem von den anderen Völkern wenig geachteten Erwerbszweige des Handels ihre Zuflucht nehmen. Die Einengung der kulturellen Betätigung aber mußte die unvermeidliche Folge haben, daß das jüdische Volk eine große Masse geistigen Proletariats darstellt, dem der Boden der Existenzmöglichkeit und der Existenzfähigkeit unter den Füßen schwankt. Anstatt aber von dieser Tatsache erfüllt und durchdrungen zu sein und Mittel und Wege zu suchen, diesem traurigen Zustande des jüdischen Volkes in rationeller Weise eine Wendung zum Besseren zu geben, nehmen wir unausgesetzt wahr, daß unsere Jugend im verstärkten Maße, also auch die weibliche, auf der einen Seite den verschiedensten Bildnngsanstalten und Hochschulen zuströmten; und auf der anderen, gegen alles Prinzip von Angebot und Nachfrage, die mannigfachen Handelsgewerbe in einem Grade überschwemmt, so daß die einzelne Arbeitskraft und Arbeitsleistung fast wertlos geworden ist.

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