Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1906-05-18 · Heft 19 (18.5.1906) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 19 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063316-3063335--04252-3071077
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Redaktion u. Administration: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 1530S. JnfDraie L» Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsn. Jnieitio»». beträte sind in Wie» zahlbar nnd klagbar. Unabhängige Heiifchrift für Mische Interessent Hrscheinl jeden Kreitag. Uotto: Liebst I8l. WLtlrilülr!" z iberngsppeis: I 1 i;| Äauzjährig ... st. ist.—!i Halbjährig . . ft. 6.- j| Für Cultnsbeüinte: j :! Ganzjährig ... ft. >».-/ H Für AiiSland: Ganzjährig ...» M„>t H 6 Rubel oder lv Fcs Ur. 19. Wien, 18. Mai 1996. Inhalt: Aus der Woche. — Die Erziehungssrage. — Aus der Wiener Kultusgemeiude. — Eine jüdische Kolonie unter englischer Oberhoheit. — Moses Kapsali und seine Zeitgenossen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Ein poetischer Schadchen. — Ein Beitrag zur Geschichte der kantoralen Organisation. Ans der Woche. Das Vorstandskollegium der Wiener Kultusgemeinde, dem in den letzten Jahren so viele ausgezeichnete, brave und tüchtige Männer durch den Tod entrissen wurden, hat nun wieder durch das am 15. d. M. erfolgte, unerwartet jähe Hinscheiden des 2. Vizepräsidenten, Herrn kaiserl. Rat Moriz Hirsch, einen überaus beklagenswerten und schmerzlichen Verlust erlitten. Nach dem Rücktritte des verewigten Präsidenten K l i n g e r ins Präsidium berufen, versah der Verblichene schon mehrere Jahre vorher das ebenso schwierige als verantwortungsvolle Amt des Finanzreferenten, dem er seine unermüdliche Arbeitskraft und das seltene Geschick des vornehmen Kaufmannes, in großen Verhältnissen bei der gebotenen Sparsamkeit nicht kleinlich zu werden, widmete. An der Herstellung des Gleichgewichtes im Gemeindehaushalte hat kaiserl. Rat Moriz Hirsch hervorragenden Anteil genommen, ohne dabei die mannigfachen Bedürfnisse und Anforderungen, die an ein so großes Gemeinwesen gestellt werden, außeracht zu lassen. Er war ein integrer, wohlwollender Charakter, der sich in allen Schichten der Gemeinde ungeteilte Sympathien erwarb, und sein Andenken wird bei allen, die ihn kannten und seine Tätigkeit in der Gemeinde zu beobachten und zu schätzen Gelegenheit hatten, hoch in Ehren gehalten werden. Mittwoch, den 16. Mai haben in Wien die Gemeinderatswahlen aus dem zweiten Wahlkörper, dem sogenannten Wahlkörper der Intelligenz, stattgefunden und mit einem Siege der antisemitischen Partei auf der ganzen Linie geendet. Die an die sozialdemokratischen Erfolge im vierten Wahlkörper seitens der Freisinnigen geknüpften Hoffnungen der Wiedereroberung des einen oder anderen Bezirkes haben sich nicht nur nicht verwirklicht, sondern die Antisemiten haben zu ihrem bisherigen Besitzstände auch die vier fortschrittlichen Mandate in der Leopoldstadt errungen, und Dr. Lueger kann nach Art der Gassenbuben den angekündigten Luftsprung darüber machen, daß er nun auch die Leopoldstadt, die Hochburg des Judentums, erobert hat. Freilich ging diese Eroberung nicht ohne arge Beeinträchtigungen der Wahlfreiheit seitens der Wahlkommission ab, wegen welcher die fortschrittliche Partei das Wahlresulat anzufechten gedenkt. Anläßlich des 80. Geburtstages des Herzogs von Sachsen- Meiningen erzählt Bernstein Sawersky im „Generalanz. f. d. I. d. I. folgende schöne Züge aus dem Leben dieses edlen Fürsten: Wo preußisches Militär liegt und in einer Stadt, in der das Beamtentum dominiert, herrscht stets ein gewisser Antisemitismus. Von dieser religiös-sozialen Krankheit ist auch die Residenzstadt Meiningen nicht frei, aber welch' einen Umfang hätte in der Blütezeit des Antisemitismus dieses häßliche Geschwür am Leibe der sittlichen Menschheit—dieses Kulturunkraut im Garten der Moral — genommen, wenn nicht die sanierenden Sonnenstrahlen des Fürsten edlere Kräfte fördernd, dem Wachstum krankhafter Substanzen Hindernisse in den Weg gelegt hätten? In vielen veröffentlichten Schriften anläßlich des 80. Geburtstags des Herzogs, ist das fteundschaftliche Verhältnis des Fürsten zu seinem Intendanten Chronegk erwähnt worden, aber die große Welt hat dabei nicht erfahren, daß der Herzog seine Freundschaft einem Juden zuwandte und sogar einem sehr frommen Juden. Chronegk besuchte, wenn es irgend anging, die Synagoge, er heiligte die jüdischen Feiertage, er hielt die jüdischen Zeremonien und es war sein ausdrücklicher Wunsch, daß nach jüdischen Riten seine Begräbnisfeier stattfinden sollte. Und der Herzog willfuhr diesem Wunsch. Erwies er dem Verstorbenen auch geradezu fürstliche Ehren, war dem Wunsche des Fürsten gemäß auch das höchste Beamtentum bei der Begräbnisfeier zugegen und das Militär in Gala vertreten, so fanden die Trauerzeremonien doch nur im Rahmen der jüdischen Gesetzesvorschrifren statt — das Licht brannte im Hause des Verschiedenen, die Waschungen am Leichnam nahm ein ein jüdischer Kultusbeamter vor und in das einfache schwarze Tuch war der Sarg gehüllt, in dem der Tote zur ewigen Ruhe bestattet wurde. Die Kränze fehlten. Und erhaben, schlicht und sinnig-religiös zugleich wie die Feier ist auch das Grabesdenkmal, das der Herzog dem Verstorbenen auf dem jüdischen Kirchhof an seiner Ruhestätte erbauen ließ. Ein mächtiger Sarkophag — frei von Zier und Bildern, wie das jüdische Gesetz gebietet — . . . nnd hineingemeißelt die Worte: „Zum treuen Angedenken von Georg, Herzog von Sachsen-Meiningen und der Freifrau von Heldburg." Daß aber dieser deutsche Fürst nicht mit den tendenziösen Kunstansichten der Antisemiten, wenn man deren Ansichten überhaupt Kunstansichten bezeichnen darf, daß Juden nicht an deutsche Bühnen, insbesondere Hoftheater, gehörten, da ein Jude keinen Germanen darstellen könne, auch in der Wahl der Darsteller konform ging, beweist das meist aus % Juden bestehende Ensemble zur großen Zeit, da die Meininger „deutsche Kunst" und „deutschen Ruhm" in die fernsten Lande getragen. Was genierte es den Herzog, wenn man in Meiningen oder sonstwo über die vielen jüdischen Schauspieler seine Witze riß. wenn man beispielsweise sagte, zwei Mal „Minjen" könnte man

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.