Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 18 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 18. berühmte jüdische Hochschule vereinigte hier die Jünger aus allen Teilen Europas; hier lauschten sie den gediegenen Vorträgen einer Kapazität wie Rabbi Israel Jsserlein, der auch in Wiener-Neustadt im Jahre 1470 starb. Wo suchen wir sein Grab? Aber so lange es eine jüdische Geschichte gibt, wird sein Ruhm sortleben. Interessant ist es auch wohl — und dieses Umstandes hat der ehrwürdige Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann bei der Einweihung des neuen Neustädter Tempels Erwähnung getan — daß die Verkehrssprache der Jünger die deutsche war, durch diese sand sie eine weile Verbreitung nach allen Weltrichtungen und so mag es gekommen sein, daß sich heute — höret ihr Deutschen und staunet — fast 80% der gesamten Judenheit — horribüedictu — eines deutsch en Idiomsbedienen. Wie alle Städte des Mittelalters, so hatte auch Neustadt ein Judenghetto, eine Synagoge, eine Hochschule, eine Mikwah und last not least einen „Judenfreithof". wie ihn die Chronik nennt. Die heutige evangelische Kirche am Allerheiligenplatz war die Synagoge, wo der Terumoth Hadeseben lehrte. Die jetzige jüdische Gemeinde hätte dieses altertümliche Gebäude kaufen können, sie zog es aber vor, um mehr als das doppelte einen neuen Tempel nach Norden gerichtet zu bauen. Der Judenfriedhof war nicht innerhalb des Ghettos, sondern außerhalb der Stadtmauer, etwa dort, wo der heutige Kinderspielplatz sich auf der Promenade befindet. In dessen Nähe sind auch die erwähnten fünf Steine in der Stadtmauer zu sehen. Wo sind die Gebeine derer, die mit unzähligen Tränen! in die kühle Erde gebettet wurden? Wer weiß es? Und wo sind die Denksteine, die uns über jene Toten Aufschluß geben sollen? Unzählige dienten als Kanaldecken und sind wohl noch heute unter der Erde, andere wurden als Grundsteine zu Bauten verwendet und werden heute bei Gassenabgrabungen entdeckt. So ist einer an einem Hause in der Reyergasse, ein anderer in der Puchhaimgasse zu sehen. Einige Steine, die bei Gelegenheit einer Straßenregulierung gefunden wurden, hat mein geschätzter Vater, Herr Religionslehrer und Ortsschulrat M. A. Landau, in die jüdische Friedhofsmauer einmauern lassen. Am besten erhalten sind jene wiederholt erwähnten fünf Steine, die in der alten Stadtmauer einen Platz gefunden haben, nachdem sie früher vielleicht gleichfalls als Kanaldecken gedient haben mochten. Die Grabsteine zeigen durchwegs Rechteckform und bestehen aus grobem Sandstein. Mein Vater ließ sie vor einigen Jahren photographisch aufnehmen und die Bilder befinden sich im jüdischen Museum in der Praterstraße in Wien. Nach ihrer Jahreszahl zu schließen, dürfte sie ihr Geschick im Jahre 1496 ereilt haben. Damals wurden die Juden auf Beschluß des Landtages zu Bruck a. d. Mur aus Neustadt vertrieben „wegen Raub, Ermordung von Christenkindern, Wucher und Bettügereien mancher Art." (So die Urkunde!!!) Kaiser Maximilian I., der in Neustadt begraben liegt, schenkte damals allen Besitz der Juden der Stadt, also auch den Friedhof und so dürften die Steine zu jener Zeit ihrem oberwähnten Geschicke zum Opfer gefallen sein. Eine jüdische Gemeinde hat es bis zur Zeit des Februarpatentes nicht mehr in Neustadt gegeben. Erft unter der Regierung unseres Kaisers hat sich die jetzige Gemeinde neu gegründet. Wohl kamen wiederholt Juden nach Neustadt, doch wurde ihnen (1543) strenge untersagtüber Nacht zu bleiben. Die benachbarten ungarischen Gemeinden gewährten ihnen Gastfreundschaft. Lange Zeit, nachdem die Juden in Neustadt schon vergessen waren, hielt (1670) der N e u stä d t e r Bischof Kollonitz*) fanatische Reden gegen die Juden in — Wien; diese mußten innerhalb kurzer Zeit die Stadt verlassen und damals sollte der jüdische Friedhof in der Seegasse das Schicksal der Neustädter teilen. Den Brüdern Frankl — der Name der Frommen sei gesegnet — ist es um hohe Summen gelungen, jenes historische Denkmal bis auf unsere Zeit zu erhalten. In Neustadt war dies leider nicht möglich gewesen. *) Grätz nennt ihn Kallowicz. Ein Bischof dieses Namens kommt in der Neustädter Chronik nicht vor; dagegen lebte-damals der erwähnte Kollonitz, der bei der Türkenbelagerung Wiens eine Rolle spielte und in Wien (Landstraße) und Neustadt eine Gaste gleichen Namens hat. Die Kriminalität der Anden in Deutschland. (S«r„w Nun komme ich zur dritten Gruppe: Handel und Verkehr mit Einschluß der Gast- und Schänkgewerbe. Hier weisen die Selbstständigen eine sehr hohe Kriminalität mit 2-48 auf. Es ist dies die höchste Kriminalität der Selbstständigen, die wir überhaupt in der Kriminalstatistik finden. Handel und Verkehr sind also in ihren selbständigen Gew erbtreib enden etwa 2*5 mal so stark beteiligt, als nach ihrem Anteil an der Bevölkerungsziffer anzunehmen wäre. Das tritt am schärfsten hervor beim Wucher: 26*00; also 26 mal so stark als wir erwarten dürsten, sind die selbstständigen Handeltreibenden beteiligt. Ferner bei Meineid 3*09, Hehlerei 2*96, Betrug 3*65. Ganz anders bei den Gehilfen: Diese sind hauptsächlich an der Unterschlagung und teilweise auch am Betrug stärker beteiligt. Wucher, Meineid, Hehlerei, Betrug sind also ganz spezifische Handelsdelikte. Es sind aber auch dieselben Delikte, bei denen die jüdische Bevölkerung stark vertreten ist. Es waren nun tätig von der Gesamtbevölkerung in der Landwirtschaft 34*19%, darunter Juden 1*38o/o, in der Industrie 34*15%, darunter Juden 18-80%, in Handel und Verkehr 9*64°/0, darunter Juden 54*56%, d. ch. also, es ist über die Hälfte der jüdischen Bevölkerung überhaupt im Handel beschäftigt, und es ist die jüdische Bevölkerung sechsmal so stark am Handel beteiligt wie die christliche. Es ist daher klar, daß die jüdische Kriminalität all die Züge aufweisen muß, die bezüglich der Kriminalität dieser Gefellschaftstruppe eigentümlich sind, und daß, wenn die jüdische Bevölkerung bei diesen Delikten sechsmal so stark beteiligt wäre wie die christliche, das überhaupt nur ihrer ziffernmäßigen Beteiligung entsprechen würde. Ich möchte die-Sache aber noch weiter verfolgen. Wir könnten sagen, unter denjenigen gesellschaftlichen Faktoren, die auf die Gestaltung der Kriminalität von großem Einstuß ist, haben wir auch Wohlstand und Bildung zu berücksichtigen und zwar weniger, weil dadurch die Gesamtzahl der Delikte herabgedrückt wird, sondern in erster Linie, weil die Delikte dieser Gruppe anderer Art sind als diejenigen, die von den weniger Wohlhabenden begangen werden. Mit Wohlstand und Bildung treten die Delikte: Gewalt, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Notzucht, Raub u. s. w. zurück, und die feineren Delikte, insbesondere Betrug und Urkundenfälschung, treten in den Vordergrund. Wiederum können wir sagen: da im allgemeinen die jüdische Bevölkerung in Bezug auf Besitz und Bildung günstiger gestellt ist, muß auch ihre Kriminalität diese Züge aufweisen. Und weiter *. die Kriminalität ist in der Stadt, wenigstens scheinbar, größer, weil in der Stadt die strafmündige Bevölkerung in großen Massen zusammenströmt. In den Städten findet sich aber auch eine ganz andere Art der Kriminalität. Die Körperverletzung wird zurücktreten, während umgekehrt die Kuppelei u. s. w. eine ganz andere Rolle spielt, und von der Verletzung des geistigen Eigentums auf dem Lande kaum die Rede sein wird. Die jüdische Kriminalität wird also die Züge der städtischen Kriminalität aufweisen müssen u. s. w. Ich komme zum Schluß. Das Ergebnis ist zunächst ein rein negatives. Eine spezifische jüdische Kriminalität gibt es für den Kriminalstatistiker nicht. Selbst wenn es eine solche hinter den Zahlen der Kriminalistatistik geben sollte, können wir sie nicht feststellen. Der Kriminalstatistiker muß vielmehr sagen, es handle sich um eine Berufskriminalität. Ich.möchte eine kurze Schlnßbemerkung hirzufügen: Mit 54 und mehr Prozent ist die jüdische Bevölkerung an Handel und Verkehr im weitesten Sinne beteiligt, und die Kriminalität des Handels ist an sich eine wenig günstige; sie ist im Laufe des letzten Dezenniums immer ungünstiger geworden. Zum Teil wird sich das daraus erklären, , daß zu diesen Handeltreibenden zahlreiche Kleinladenbesitzer^ kleine Gast- und Schankwirte gehören, also Personen, die unter den veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen schwer leiden, sich nur schwer durchzusetzen vermögen. Nun will ich meinen, es wäre eine Ehrenpflicht der im Handel numerisch/so stark beteiligten jüdischenMtbürger, dieser