Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 18 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. Die Wahrheit. Seite 5. vom Eintritt in das Kartell abzuhalten, um auf diese Weise das Zustandekommen desselben zu vereiteln. Wie immer es sei, es gilt nicht nur das Wort noblesse oblige, sondern auch Judaisme oblige. Der Adel verpflichtet, aber auch das Judentum legt dem Konnationalen höhere Pflichten des Herzens und des Geistes auf. Jthiel. Jüdische Airsivandernrigslmremls. Die Zahl der russischen Auswanderer hat hier in Wien, dank der energischen und planvoll durchgeführten Aktion der „Israel. Allianz zu Wien", in den letzten Wochen wohl bedeutend abgenommen, aber mannigfache Umstände sprechen dafür, daß die nächste Zeit wieder einen stärkeren Auswanderungsstrom aus Rußland bringen wird. Dieser Annahme ist gewiß auch der nachfolgende Aufruf entsprungen, der von Petersburg aus erlassen wird: „In kurzer Zeit, so heißt es daselbst, wird wieder die Auswanderung aus Rußland beginnen. Zehntausend von Juden werden Rußland verlassen, ohne Plan, ohne System. Tausenderlei Hindernisse werden sich in den traurigen Wanderweg dieser armen Emigranten legen, welche die Aermsten ihrer letzten Kräfte und ihrer letzten Groschen berauben werden. Wir wenden uns an alle, deren Herz für jüdisches Leid empfänglich ist, besonders aber an die zionistischen Vereine und die einzelnen Zionisten mit der Bitte: Unterstützet unsere Brüder, lasset sie nicht fallen mitten im Weg! Gründet Auskunftsbureaus für Emigranten, in denen sie sich Aufklärung holen können, damit sie nicht in die Hände ihrer ärgsten Feinde, der Agenten, fallen, dieser Blutsauger der unglücklichen Auswanderer. Damit der Emigrant glatt und wohlbehalten sein Reiseziel erreiche, ist es unerläßlich, daß er vor seiner Abreise sich in einem solchen Bureau über alle Einzelheiten der Fahrt die nötigen Aufklärungen hole. Zu diesem Behuf empfehlen wir, in den Synagogen und Zeitungen bekanntzugeben, wo sich ein solches Bureau befindet, und wann es amtiert. Anleitungen zur Gründung solcher Bureaus erteilt das „Zentralinformationsbureau für Emigranten in Petersburg" (Samjatyngasse 4). Aber nicht nur in Rußland, sondern auch in Oesterreich, Deutschland und in anderen Ländern müssen solche Emigrationsbureaus errichtet werden, damit die Auswanderer auf ihren Leidenstationen Schutz finden gegen all die Ausbeuter, die bereits gierig auf ihr unerfahrenes Opfer lauern. Gründet billige Küchen, Volkscafes u. s. w., damit die vor Hunger geplagten Brüder und Schwestern vor dem Aergsten geschützt werden. Nähere Auskünfte hierüber erteilt gerne das „Zentralbureau für jüdische Auswanderungs- Angelegenheiten" (Berlin, Lützowstraße 8). Wir wenden uns auch an euch Juden in Amerika und Afrika und anderen Ländern, wohin sich unsere Brüder aus Rußland in der Regel flüchten. Wir wenden uns an euch mit der Bitte: „Entsaget nicht der schönsten jüdischen Tugend: der Gastfreundschaft. Eure unglücklichen, gehetzten Brüder verlangen von euch keine Almosen, sondern nur brüderliche Teilnahme. Gründet Arbeitsvermittlungen (labor bureau), in denen die Umherirrenden sich Rat holen und ein freundliches Wort zu hören bekommen. Weiset ihnen Arbeit zu! Gründet billige Hotels und errichtet Unterrichtskurse, für diejenigen, die Arbeit gefunden, damit sie die Landessprache rasch erlernen. In Städten, wo solche Anstalten bereits bestehen, traget zu deren Erhaltung bei. Ebenso meldet jede solche Neugründung den Petersburger und Berliner Zentralen, damit ein einheitliches Vorgehen liergestellt werde. Jeder helfe mit! Und die Arbeit muß rasch in Angriff genommen werden, denn die Zeit steht nicht still, das Schicksal will rasch vorwärts! Denket an eure unglücklichen, wandernden Brüder!" An die Veröffentlichung des vorstehenden Aufrufes knüpft die „Jüd. Natiönälzeitnng" in Wien die Mitteilung, daß der jüdische Nationalverein „Einheit" bereits ein solches Emigrationsbureau für Wien ins Leben gerufen hat, das seine Tätigkeit am 15. Mai d. I. beginnen wird. Ohne den guten Willen der Herren vom Verein „Einheit" in Zweifel zu ziehen, müssen wir jedoch nach den vielfachen Erfahrungen, die wir nach dieser Richtung in den letzten Monaten gesammelt haben, die Befürchtung aussvrechen, daß sich in diesem Emigrationsbureau mehr Geschäftigkeit als Tätigkeit entwickeln dürfte, die den russischen Emigranten eher Schaden als Nutzen bringen wird. Durch derartige Ankündigungen werden bei den armen Auswanderern nur Hoffnungen erweckt, die der genannte Verein mangels nötiger Erfahrungen und Geldmittel nicht zu erfüllen vermag, und es wird dann nur dieselbe Erscheinung wiederkehren wie zu Anfang dieses Jahres, wo in denselben Kreisen mit großem Redeaufwand eine Hilfsaktion geplant wurde, deren Facit war, daß die Entrepreneure derselben, als ihnen die Verhältnisse über den Kopf wuchsen, die Bewältigung des angestifteten Chaos der vielgeschmähten „Israel. Allianz zu Wien" überließen. Darum geht auch jetzt unsere Ansicht dahin, die Fürsorge für die russischen Emigranten getrost der Wiener Allianz zu überlassen, die gewiß jedermann willkommen heißen wird, der sich ihr bei ihrem Hilfswerk zur Verfügung stellen will. Alte jüdische Gradsteine. Bon Adolf Heinrich Landau. Exegi monumentum aere perennius. Horaz. Wer jemals in Wiener-Neustadt war, wird vielleicht einen wunderschönen Tempel gesehen haben, der den größten Teil des Jahres unsichtbaren Engelscharen als Wohnstätte dienen mag. er wird noch andere Sehenswürdigkeiten bewundert haben, er wird aber kaum jenen versteckten Winkel an der alten Stadtmauer aufgesucht haben, wo fünf wohlerhaltene jüdische Grabsteine dem Vandalismus ungezogener Schuljungen preisgegeben sind. Diese Steine sprechen Bände. Vor etwa 600 Jahren gesetzt, wurde ihnen ein eigentümliches Schicksal zuteil. Das sind die „jüdischen" Steine Lat exochen, denn gleich dem jüdischen Stamme mußten sie leiden und dulden. Diese schlichten Steine mit ihren einfachen hebräischen Aufschriften bilden so recht den Gegensatz zu den heutigen prächtigen Monumenten mit deutschen Epitaphen. Sind denn das auch jüdische Steine? Ich entsinne mich bei dieser Gelegenheit eines Federkrieges, der vor nicht langer Zeit in Wien gewütet hatte, und der casus belli waren jüdische Grabsteine auf dem Wiener Zentralfriedhofe mit bloß deutschen Aufschriften. Die scharfen Akzente, die damals in den jüdischen Blättern angeschlagen wurden, scheinen gewirkt zu haben, denn die Chewra Kadischa Wien soll solche Steine tatsächlich nicht zur Aufstellung zulaffen. Ist. es aber nicht recht traurig, daß zu einer Zeit, wo das jüdische Stammesbewußtsein zur Hellen Flamme auflodert und nach Anerkennung durch die Behörde schreit, zu einer Zeit, wo allenthalben Rufe nach Schaffung einer jüdischen Wahlkurie erschallen, die Sprache des Volkes in Vergessenheit gerät? Doch nicht allein auf toten Steinen, nein, im Volke selbst soll und muß die alte heilige Sprache wieder erwachen! Die hebräischen Inschriften sind es, die uns jene Steine wertvoll erscheinen lassen, während Grabsteine mit einem Zitate: „Es ist bestimmt in Gottes Rat" oder ähnliche kaum jemals historischen Wert erlangen könnten. Die fünf Grabsteine, die vom einstigen Neustädter Friedhof noch unversehrt erhalten blieben, sind tatsächlich monumenta aere perenniara. Sie mahnen uns steht daran, daß wir Juden nicht allein bei Lebzeiten Gäste in diesen Landen sind, sondern auch — sit venia verbo — Gäste nach unserem Tode. Diese Steine gehören einer fernen und ganz fremden Zeit an, einer Zeit, wo hebräische Sprache und Literatur in vollster Blüte standen. Damals war Wiener-Neustadt eine große, angesehene jüdische Gemeinde im deutschen Reiche. Eine