Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 18 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4. Die Wahrheit Nr. 18. einem Berliner Vorort vorgekommen sein möchten, Korrektur finden sollen. Die Vertreter der Hilfsorganisationen, die prinzipiell die Rücknahme des ganzen Vorgehens dringend erbeten hatten, sprachen die Hoffnung aus, daß die Handhabung der ministeriellen Vorschriften, gemäß den Intentionen des Herrn Ministers vom Geiste des Wohlwollens getragen sein möchten. * » * Daß dieser Geist des Wohlwollens gar ost seitens der deutschen Regierung vermißt wird, das zeigte die Debatte über die Ruffenausweisungen im Reichstage, wo die Regierung sehr, harte-Worte zu hören bekam. Anknüpfend an einen Fall, den der Abgeordnete Bebel vorbrachte, charakterisierte der Abgeordnete Pohl von der freisinnigen Volkspartei das Vorgehen der Regierung mit folgenden Worten: Wir denken nicht daran, dem preußischen Staat das Recht zu bestreiten. Ausländer, die lästig geworden sind, auszuweisen. Hier gilt es aber, zu fragen, ob die Ausweisungen mit Grund oder ohne Grund erfolgt seien, beider haben wir aber die Ueberzeugung. daß gesetzwidrig vorgegangen worden ist. Ich habe in Oberschlesien schon einmal Anfang der Neunzigerjahre eine solche Periode der Ausweisungen miterlebt. Nicht ohne das Gefühl tiefster Scham kann ich daran zurückdenken, das jeder ehrliche Patriot empfindet, wenn Dinge geschehen, die sein Vaterland in der ganzen Welt verächtlich machen müssen. Auch jetzt wird in viellen Fällen ohne Einsicht und Unterschied ausgewiesen; geradezu charakteristisch ist für zahllose Fälle ihre Dummheit und Brutalität. Redner erwähnt Einzelsälle, die mit l a uten E n tr ü stu n g s r u f e N angehört werden, so die Ausweisung einer Frau, die vor den polnischen Unruhen zu ihren hier lebenden Eltern, übrigens deutschen Reichsangehörigen, geflüchtet war, um hier ihre Entbindung abzuwarten. Auf dringende Vorstellungen wurde ihr ein vierzehntägiger Aufschub bewilligt. Wer, wie Herr v. Oldenburg, so fährt Pohl fort, solche Unmenschlichkeiten im Namen des Gottessohnes und des Christengottes zu beschönigen sucht, der weiß nichtsvomChristentum. * * Der 10. Mai 1906, an welchem die Reichsduma vom Zaren eröffnet wird, ist für Rußland ein Tag von großer historischer Bedeutung. Wiewohl die einberufene Versammlung der gewählten Repräsentanten des russischen Volkes nur ein Scheinparlament ist und das Volk der Eröffnung desselben mit kühler Reserve gegenübersteht, beginnt dennoch mit diesem Tage eine neue Epoche in der russischen Geschichte und vielleicht wird diese mit dem gesamten Volke auch unseren Glaubensbrüdern, die 13 jüdische Vertreter in die Duma entsendet haben, freiere, glücklichere Tage bringen. Eine Krotsrage für Mmizigtairjend jüdische Familien in Gallien. In dem schönen Lande Galizien, in dem kein Antisemitismus, wohl aber der Asemitismus blüht und fortlaufend Unheil gebärt, haben die polnischen Magnaten ein Chuliganstückchen ersonnen, das 20.000 jüdische Familien dem Verhungern oder dem Auswandern preisaeben soll. Um die Größe dieser Gefahr ermessen zu können, müssen wir die hiesigen ökonomischen Verhältnisse etwas schärfer beleuchten. In ganz Galizien wird die Phrase ..Hebung der einheimischen Industrie" ausposaunt. Das hört sich recht patriotisch an und könnte eigentlich als ehrlicher Wettbewerb auf dem Lebensmarkte aufgesaßt werden. Wer aber annimmt, daß auch die von jüdischen Galizianern erzeugten Judustrieprodukte sich der gleichen Begünstigungen zu erstellen haben, der befindet sich arg auf dem Holzwege. Das patriotisch-ökonomische „Hereinspaziert!" gilt auf allen Gebieten blos jenen Produkten, welche im Zeichen des römischen Kreuzes sichen, und wenn mach die Schlachta ihren Prophetenmantel darüber, wirft, dann, wqcW die Protektion ins Ungeheuere, dann gibt es Geldmittel.: in Hülle und Fülle, den Juden aber klingt, dch, grausige yictis! “ „SBelje den Besiegten!" in die Ohren." So sehen wir jetzt eine ganze große Klasse von Juden aus dem ökonomischen Dasein schwinden,' 'ich meine die Dorfjuden und die Juden des flachen Landes: Kein geringerer als Abgeordneter, Breiter sprach jüngst in dem im Vereine „Schomer Israel" gehaltenen Vortrage das sehr zu denken gebende Wort aus: „Juden, gebt Acht, jeder Fußbreit jüdischen Bodens aus dem flachen Lande geht euch verloren und jeder Erwerb mit ihm!" Stehen doch die k. k. Starosten und Bezirkspaschas, ja jeder- Gendarm im Dienste der alleinseligmachenden Schlachta und hängt ja jeder, selbst der kleinste Erwerb, so z. B. die Eröffnung eines Kleinhandels, eines Schank- oder Greißlerladens von der Laune derselben ab. Daß ferner die jüdischen Mädchen vor den Nachstellungen des frommen Adels nicht sicher sind und sich hierzulande eine förmliche Nobelkupplereibande organisiert hat, beweisen die vielen in den Klöstern internierten jüdischen Mädchen. Natürlich haben die geistlichen Herren Anteil am „ewigen Leb en", denn diese führen ja die gestohlenen Mädchen in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche, und wer weiß, ob nicht die Zeiten des „jus primae noctis“ gar so ferne sind; ^,Meschuge Polen" hat ja bekanntlich ein stark mittelalterliches Gepräge. Nun will die polnische Schlachta ein unblutiges, aber nicht minder gefährliches Attentat aus 20.000 jüdische Familien ausüben, indem sie ein Spirituskartell aller galizischen und bukowinischen Brandweinbrennereien anstrebt. An der Spitze dieses Kartells steht der Bruder des Ministers für auswärtige Angelegenheiten, Graf Goluchowski, und seine Standesgenossen. Schon vor ungefähr drei Jahren sollte ein derartiges Kartell über ganz Oesterreich gegründet werden, allein über Vorstellung seitens der Meistbetroffenen verzichteten die Haupterzeuger zu Gunsten des Status quo. Anders verhält es sich tritt dem gegenwärtigen Kartell, wobei galizische Grafen und die sonstige Schlachta an der Arbeit sind, denen alles erlaubt und alles gewährt wird. Kommt nun dieses Kartell zustande — und das hängt zumeist von der Kreditgewährung seitens der Wiener Kreditanstalt und der Beteiligung der jüdischen Brenner ab — dann wird dieses Geschäft mit seinem Millionenbetriebe in die Hände der Antisemiten fallen und gegen 20.000 Familien, die sich mit der Destillation, dem Verkauf, der Verladung und Verfrachtung des Spiritus beschäftigen, werden dann ganz vom Erwerb ausgeschaltet. Zum besseren Verständnisse möge hier mit einigen Strichen der Kreislauf dieses großen Industriezweiges gezeichnet werden. Galizien und Bukowina besitzen 900 Brennereien mit einer Erzeugung von 900.000 Hektoliter, das ist gleich 900 Zisternenwagen Rohspiritus, welche nach Böhmen, Mähren, Schlesien und Niederösterreich exportiert werden. Die Spiritusbrenner verkaufen ihre Ware durch jüdische Mäkler an jüdische Händler ab loko Erzeugung. Die jüdischen Händler arbeiten meist mit jüdischen Beamten. Der weitere Verkauf an die genannten Länder beschäftigt wieder eine Anzahl von Kommissionären, welche die Ware in Zisternen füllen lassen. Dieser Akt wird abermals von jüdischen Arbeitern besorgt. Jede Zisterne enthält 20 Faß, welche auf jüdisches Fuhrwerk verladen zur Station gebracht wird, und da gibt es wieder zwei jüdische Uebernehmer, drei jüdische Wächter neben vier jüdischen Arbeitern, welHe den Spiritus von den Fässern in die Zisternen pumpen. Das wird nun alles mit einem Schlage radikal geändert werden, so das gräfliche Antisemitenkartell geschlossen wird. Freilich spielt das Geld für Vorschüsse eine große Rylle. und die Lemberger Filiale der Kreditanstalt, welche unter der Leitung eines polnischen Direktors steht, ebnet der Schlachta hie Wege und gedenkt, ihr unbeschränkte Kredite einzuräumen. Allein das ' letzte Wort hat wohl doch die Zentrale in Wien, lind abermals wird sich es zeigen, ob die armen jüdischen Stammes- und Religionsgenossen auf ihre Reichen bauen können. Der Perein# SHpmer' FsraelH - hat sich nun 'diesbezüglich an die „Öesterr.-Jsrarir^Umon"-7 Änj^.der Mitten gewendet,' hier helfend einzutreten nnp zu verhinderst^ daß um-des.geringen, schnöden Gewinnes qvsMn mnd den: Schwelgern und- Prassern zu. liehe MMuFamiliMs-'hM. Wrtschqftljcherr Perherhen - ausgeliefert : werdem Auch, Mr ist Fine Dtionitn^Zuge:.und hie hiesigen Interessentenhestrehen sich.: