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Die Wahrheit · 1906-05-11 · Heft 18 (11.5.1906) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 18 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion u. Sldiiliiiistlalion: Wien, II/, Novaragasse 27. 5elel)dun Nr. der Druckerei 15302.;_ IhUVrati' 20 HeN. ver i>!oiivareil>e->jeiie. AboiinemeiitSn. JnseitionSj beträte sind in Wien zahlbar und klagbar. abrheit naöhängige Heiifchrift für Mische JlttterejjfetL" Kr scheint jeden Zsreitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Serngspyeis: Ganzjährig ... st. ia._ Halbjährig ... St. 6.— i Für CultnSbearttte: l!! «Sauzjävrig ... St. iu.—1| Für Ausland: jj Ganzjährig ...» 'JHnvf jj 6 Rubel oder 16 FcS. j! 1_j Ur. 18. Wien. 11. Mai 1906. Inhalt: Ans der Woche. — Eine Brotfrage für zwanzigtausend jüdische Familien in Galizien. — Jüdische Auswanderungsbureaus. — Alte jüdische Grabsteine. —Die Kriminalität der Juden in Deutschland. — Die Juden in San Francisco. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Zurückgesunden. Ans der Woche. Die Gemeinderatswahlen aus dem 4. Wahlkörper, die am 9. Mai in Wien stattfanden, haben eine numerisch wohl nicht besonders empfindliche, aber an sich dennoch bedeutsame Niederlage der gegenwärtigen Machthaber im Rathause gebracht. Die vier Mandate, welche die sozialdemokratische Partei außer ihrem bisherigen Besitzstände den Antisemiten entriß, beweisen ganz offenbar, daß die Partei der Hetzer und Finsterlinge doch endlich in den breiten Wählerschichten des Volkes an Boden zu verlieren beginnt, und bieten eine erfreuliche Perspektive für die nächsten Wahlen in den Reichsrat, die bei eifrigerer Agitation der Sache des Freisinnes vielleicht manchen Erfolg bringen könnten. Noch ist Dr. Lueger und sein Anhang allmächtig in Wien, aber das Schwinden der Macht scheint doch auch den Parteigrößen allmälig zum Bewußtsein zu kommen, und so ist auch die elegische Klage zu verstehen, die das „Deutsche Volksblatt' über das Mißlingen des am 7. Mai von den Antisemiten arrangierten Maikorso anstimmte. Allerdings mußte es den Leser ganz sonderbar anmuten, gerade in diesem Blatte, dessen einziger Lebenszweck in der Verhetzung der Bevölkerung besteht, . über das Schwinden der Wiener Gemütlichkeit und den mangelnden Kontakt zwischen den einzelnen Berufs- und Gesellschaftsklassen klagen zu hören. So lange diese Partei am Ruder ist, wird wohl die alte, vielgerühmte Wiener Gemütlichkeit nicht wiederkehren. Gleich nach dem Amtsantritte der neuen Regierung in Ungarn sprach eine Abordnung der israel. Landeskanzlei beim Ministerpräsidenten Dr. Wekerle und dem Kultusminister Grafen App ony i vor, um den neuen Regierungschef und den obersten Leiter des Unterrichtsressorts zu begrüßen. Kurz darauf wurden auch die Führer der orthodoxen ungarischen Judenschaft vom Ministerpräsidenten und dem Kultusminister empfangen und waren die Mitglieder der Deputation besonders erfreut über die Zusicherungen, die ihnen seitens des letzteren zuteil wurden. Auf ihre Bitte, die Regierung möge die konfessionelle Unabhängigkeit und separate Organisation der vaterländischen orthodoxen Judenschaft gegen jedweden Angriff in Schutz nehmen, antwortete Graf Apponyi unter anderem folgendes: - „Als eifriger Anhänger meiner Religion weiß ich den Wert und das Recht der Autonomie,' sowie der weitestgehende Glaubens- und Gewissensfreiheit vollauf zu würdigen. So oft Sie daher in dieser Beziehung ein Anliegen haben, wollen .Sie iicfj1 nur ait mich wenden. Ich werde Ihnen stets zur Verfügung stehen und Ihnen wärmste Unterstützung angedeihen lassen." * * •f* Betreffs der von der preußischen Staatsregierung massenhaft verfügten Ausweisungen russischer Flüchtlinge aus Berlin hatten Vertreter der Berliner jüdischen Gemeinde, der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Jsraslite Universelle und des Hilfsvereines der Deutschen Juden Dienstag den 1. Mai eine Besprechung bei dem Herrn Minister des Innern. Der Minister des Innern erklärte, daß er bei der Ausführung der von ihm als notwendig erkannten Maßregel jede humane Rücksicht wallen lassen wolle, daß es sich bei den Ausweisungen insgesamt um etwa 5500 Personen jüdischen Glaubens handle, die sich seit dem Jahre 1904 in Berlin neu angesammelt hätten. Von unmittelbarer Ausweisung sollten nur mittel- und ausweislose, sowie politisch verdächtige Personen betroffen werden. Die Zahl der zu dieser Kategorie gehörigen Personen betrage etwa 700. Bezüglich der anderen Personen sollte jetzt keine Ausweisung verfügt, sondern es sollte den Betreffenden von der Behörde mitgeteilt werden, daß sie auf die Erlaubnis dauernder Niederlassung hier nicht rechnen dürften und sich deshalb vorbereiten müßten, das Staatsgebiet wieder zu verlassen. Diesen Personen werde eine bestimmte Frist nicht gestellt. Wegen der russischbürtigen Personen, die vor dem Jahre 1904 hieher gekommen seien, soll es bei der bisherigen Praxis verbleiben, sofern sie sich nicht lästig machen. Den vereinigten jüdischen Hilfsorganisationen sollen von Polizei wegen die Namen der Personen genannt werden, denen das Verlassen des Staatsgebietes ohne Ausweisung empfohlen werde, damit die Hilfsorganisationen, ihren Zweck entsprechend, Unterstützungen mit Rat und Tat gewähr en und dazu beitragen könnten, daß die Auswanderung sich ohne Schwierigkeiten und tunlichst ohne Härte im einzelnen Falle vollziehe. Der Herr Minister behielt sich vor, überden ihm ferner vorgetragenen Wunsch zu entscheiden, ob und wie weit etwa die seit dem Jahre 1904 hier zugezogenen russischen Arbeiter, die hier ausreichenden Unterhalt gefunden und sich einwandfrei geführt hätten, unter die Kategorie der hier zu belassenden fremdbürtigen Personen aufzunehmen wären. Gegenüber der Anregung, es möchten die russisch-jüdischen Arbeiter hier belassen werden, deren Verbleiben im Interesse mancher einheimischen, und an Arbeitermangel leidenden Industrien liege, erklärte der Minister, daß es bei den allgemeinen Bestimmungen über die Zulassung fremdbürtiger Arbeiter sein Bewenden behalten müsse. Der Minister sagte ferner bereitwilligst zu, daß etwaige Jrrtümer, die bei der Handhabung der ministeriellen Vorschriften in

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