Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 17 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. Die Wahrheit Seite 9. untersuchen, ob durch diesen Spektakel, der dem »Deutschen Volksblatt" zu abgeschmackten Glossen willkommenen Anlaß bietet, den russischen Glaubensbrüdern Nutzen oder Schaden zugefügt wird, möchten wir einer rein persönlichen Ansicht unverhohlen Ausdruck geben. Es will uns scheinen, daß diesen Herren nicht so sehr das Wohl und Wehe der russischen Judenschaft am Herzen liegt, als es sich ihnen vielmehr darum handelt, Bresche in die Wiener israelitische Kultusgemeinde zu schießen, mit einem Worte, die Verwaltung der Kultusgemeinde an sich zu reißen. Es ist nicht abzusehen, warum gerade alle Pfeile gegen Herrn von Taussig abgeschossen werden, der neben seinen Berufsgeschäften und seiner unstreitig bedeutenden sozialen Stellung seine Zugehörigkeit zum Judentum in eklatanter Form dadurch dokumentiert, daß er seine Persönlichkeit auch in den Dienst der Gemeindeverwaltung stellt. Herr von Taussig klammert sich sicherlich nicht an dem Kultusratmandat und würde gerne die Gelegenheit ergreifen, ein Ehrenamt, das ihm doch nur Pflichten auferlegt, abzuwälzen. In der Versammlung bei Guth wurde viel spektakelt und die Tendenz dieses Spektakels war für jeden Einsichtigen auch durchsichtig. Wenn der Vizepräsident der Kultusgemeinde, Doktor Gustav K o h n, eine Persönlichkeit von größter Integrität, den entfesselten Elementen erklärte, Herr Taussig sei bestrebt gewesen, die Lebensbedingungen der russischen Juden durch Einflußnahme günstiger zu gestalten, so sollte man doch meinen, daß diese Botschaft aus dem Munde eines Dr. Gustav Kohn mit Freuden und Enthusiasmus ausgenommen werde; aber die Tatsache, daß man ihn in tendenziöser Weise stürmisch unterbrochen hat, bekräftigt eben die hier geäußerte Ansicht. Dieses despektierliche Benehmen gegen eine Persönlichkeit wie Dr. Gustav Kohn kann nicht genug getadelt werden. Die Frage, ob die Verweigerung der Anleihe an Rußland den dortigen Juden mehr genützt hätte, kann ebenso verneint werden, als es bejaht werden muß, daß dieser Spektakel den russischen Juden nur Nachteile bringen wird. Wenn aber dieser ganzen Inszenierung von Feindseligkeiten gegen eine einzelne Persönlichkeit die Tendenz zugrunde liegt, die Kultusgemeinde zu erobern, so muß klipp und klar gesagt werden, daß die Jnaugurierung einer solchen Politik, die keinesfalls eine reinliche genannt werden kann, der jüdischen Sache im Allgemeinen und der russischen Judenschaft im Besonderen großen, ja verhängnisvollen Schaden bringen muß. N. Ch. Aus der Pester israel. Religionsgemeinde. Unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten Hofrat Dr. Philipp Weinmann hielt der Ausschuß der Pester israel. Religionsgemeinde eine Sitzung ab. die der Vorbereitung der am 6. Mai d I., 10 Uhr vormittags, abzuhaltenden ordentlichen Jahressitzung galt. Zu Beginn der Sitzung meldet der Vorsitzende, daß der Rücktritt des Kassenvorstehers unwiderruflich feststehe, was der Ausschuß mit tiefstem Bedauern zur Kenntnis genommen habe. Ueber Antrag des Hosrates Berthold W eisz wurde beschlossen, die großen Verdienste des scheidenden Vorstehers im Protokolle zu verewigen. Nach Erledigung der laufenden Angelegenheiten gelangte der vom neuen Sekretär Dr. Jnlius Weiszberg Heuer zum erstenmale verfaßte Jahresbericht der Gemeinde pro 1905 zur Verlesung. Der Bericht ist umfassender und besonders im einleitenden Teile auch reichhaltiger als die bisherigen. An erster Stelle verzeichnet er das für das Gemeindeleben hochwichtige Ereignis der Abdankung des Präsidenten Hosrat Sigmund K o h n e r, dessen Details genau ausgezeichnet sind. (Sie sind unseren geschätzten Lesern auch bekannt und ist daher deren Wiederholung nicht nötig.) Sodann bespricht er den Rücktritt des Vorstehers B a u m g a r t e n, gedenkt voll Pietät der Todesfälle, die die Pester israel. Religionsgemeinde überaus schwer getroffen, indem sie den Verlust ihrer Rabbiner Dr. Mayer Kayserling und Ludwig Pollak, ihres Oberkantors Jakob Bachmann, ihres Vorstehers Martin Schweiger, ihrer Ausschußmitglieder Adolf Sternthal und Magnatenhausmitglied Sigmund B r 6 d y,. sowie ihres Mitgliedes des Repräsentantenkörpers Moriz Drucker schmerzlich beklagt. Endlich gedenkt der Bericht der jüngsten Judenverfolgungen in Rußland. Diesen traurigen Ereignissen folgt die erfreuliche Tatsache, daß die Gemeinde zwei neue Rabbiner bekommen hat. Es sind dies die besonders als eminente Kanzelredner hochberühmten Dr. Julius Fischer und Dr. Simon H e v e s i. Den Abschluß der Personalien bildet die Ernennung des bisherigen Aushilsspredigers Dr. Julius Weiszburg zum ersten Gemeindesekretär an Stelle des zurückgetretenen Universitätsproseffors Dr. Ignaz G o l d z i h e r. Nun folgen alle Berwaltungszweige unserer Großgemeinde, die llar und übersichtlich besprochen werden und auf die wir noch zurückkommen werden. Der schöne Bericht, der ein kleines Meisterwerk ist, wurde höchst beifällig ausgenommen. In Anbetracht der unvergänglichen Verdienste des Hofrates K o h n e r wollte die Gemeinde ihn zu ihrem Ehrenpräsidenten ernennen, was aber seitens des gewesenen Präsidenten. dessen Bescheidenheit mustergiltig ist, mit dem Hinwelse dankend abgelehnt wurde, daß in der Gemeinde bislang noch kein solches Präzedenz vorgekommen sei. Rabbiner und Prediger Dr. Samuel Kohn vollendet im Juni d. I. das vierzigste Jahr seiner priesterlichen Wirksamkeit in der Gemeinde. Der Vorstand beantragt, den trefflichen Seelsorger mit dem Oberrabbinertitel auszuzeichnen, was vom Ausschüsse einstimmig gutgeheißen, und nun der Generalversammlung behufs Genehmigung vorgelegt werden wird. Seit dem Ableben Dr. W. A. Meise l's war diese Stelle in der Pester Großgemeinde unbesetzt. Ebenso wurde mit Stimmeneinhelligkeit der Borstandsantrag betreffs des Destnitivums Dr. Julius W e i s z b u r g's zum Generalsekretär der Gemeinde angenommen, und gelangt derselbe nun ebenfalls vor die Generalversammlung. Weiters wurde beschloffen, die immerwährende Haskarah für Rabbiner Ludwig Pollak, für Sigmund B r 6 d y und für Martin Schweiger abzuhalten. Das Budget der Gemeinde wurde angenommen und beschlossen, das sich ergebende Defizit aus den Fonds der Gemeinde zu decken. Behufs der zu vollziehenden Präsidentenwahl wird es der Generalversammlung überlaffen, die Zeit festzustellen, wann die außerordentliche Generalversammlung stattfinden soll, deren einziger Gegenstand die Präsidentenwahl bilden wird. Auch wird die Generalversammlung die Ersatzwahl dreier Mitglieder für den Ausschuß und die Wahl der Rechnungsrevisoren vor-' zunehmen haben. Vorsteher Ludwig Adler, als Chef der Knltussektion der Pester israel. Religionsgemeinde, befaßt sich mit Neuerungen, welche, wenn sie die gehörigen Fora durchgemacht haben werden, in unserer Großgemeinde auch eingesührt werden sollen. Es sollen nämlich an den drei Festen, Peßach-, Wochen- und Sukkothfest je zwei Hauptgottesdienste für Erwachsene, u. zw. um 9 und um 11 Uhr vormittags im großen Tempel abgehalten werden. Bei jedem Gottesdienste soll auch eine Kanzelrede gehalten werden. Sobald dies ins Leben tritt, wird der Jugendgottesdienst aus den Nachmittag verlegt. Ferner sollen die dreizehnjährigen Mädchen im Tempel feierlich konfirmiert und im Glauben bestärkt werden. Endlich soll in der Person des jüngst zum Rabbiner promovierten Dr. Mozes R i ch t m a n n ein Aushilfsprediger akzeptiert werden, dessen Fnnktionsdaucr mehr als zwei Jahre nicht überschreiten darf. Dieser Posten ist als Uebergangsposten für einzelne aus dem Seminar hervorgegangene Rabbiner reserviert, damit diese, bevor sie ihr definitives Rabbineramr in irgend einer Gemeinde erhalten, sich hier in der Ausübung von rabbinischen Funktionen vervollkommnen mögen. 8. Die I«de« und die Weichsdumn. Im März vorigen Jahres hat sich in Rußland ein Verein zur Erlangung der Gleichberechtigung der Juden gebildet. Dieser Verein hat namentlich in den letzten sechs Monaten eifrig agitiert und die jüdischen Massen zum Wahlkampf vorbereitet. Im Gouvernement Kamenetz-Podolsk sind von 40 Wahlmännern der Städte 32 Juden gewühlt worden, im Gouvernement Wolhynien sind sämtliche 40 Wahlmünner Juden und ähnliche Resultate sind in den äußeren Gouvernements des Ansiedlungsrayons erzielt worden. Da die städtischen Wahlmänner nur % bis 1/x der Gesamtzahl der Wahlmänner des Gouvernements bilden, so müssen sie, falls sie ihre Kandidaten durchbringen wollen, mit den Vertretern des Adels, der Bauern und der Arbeiter in Verbindung treten. Empfohlen wird ein Zusammengehen mit den Bauern. Eine mehr prinzipielle Frage, die in der Presse lebhaft erörtert wird, ist die, ob die Juden in den Städten, in denen sie die überwiegende Mehrheit haben, unbedingt jüdische Vertreter durchsetzen sollen. Die jüdischen Wähler stellen keine homogene Masse dar. Es sind unter ihnen drei Richtungen wahrzunehmen, Zionisten, Nationalisten und sogenannte Assimilanten. Ein gemeinsames Handeln ist zwischen den zwei zuerst genannten Parteien, die meist Zusammengehen, und der letzteren nicht überall erzielt worden, und die jüdische Bevölkerung ist infolge