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Die Wahrheit · 1906-05-04 · Heft 17 (4.5.1906) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 17 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 17. geben, und er mußte dies schon damals tun, als es die Spatzen von den Dächern pfiffen, Herr von Taussig werde nach Paris reisen, um für die russische Anleihe Gevatterschastsdienste zu leisten. Warum es nicht geschah, wurde durch eine in der - Debatte vom ersten Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn gemachte Aeußerung erklärt, welche die Mißstimmung der Versammlung sehr verschärfte und deren Aufregung erhöhte. Man könne ja darüber streiten, meinte der Herr Vizepräsident, ob es zweckmäßig, ob es nützlich wur, so vorzugehen, wie cs seitens des Herrn von Taussig geschah. Wenn aber unsere berufensten Wortführer diese Frage auch nur für eine offene erklären, so haben sie sich vom Denken und Fühlen eines großen Teiles ihrer Mandanten losgelöst. Sehr anerkannt wurde ja von der jüdischen Bevölkerung bisher die höchst ersprießliche Tätigkeit der meisten Mitglieder des Kultusvorstandes, nicht zuletzt des Vizepräsidenten Herrn Dr. Gustav Kohn, und es wurde rühmend wahrgenommen, wie auch Herr von Taussig so viele Stunden seiner kostbaren Zeit den Geschäften der Kultnsgemeinde widmet. Aber wir bedürfen nicht bloß Tätigkeit bei der Kleinarbeit, die der Tag mit sich bringt, sondern geistige, richtunggebende Führung. Diese wurde aber schmerzlich vermißt, und es mußte daher dankbar angenommen werden, daß die Vorstehnng einer andern großen Körperschaft den Finger auf die Wunde legte, ohne durch Bedenklichkeiten welcher Art immer sich beirren zu lassen. Daß die Debatte sich in ruhigeren Bahnen bewegt hätte, wäre allerdings sehr erwünscht gewesen. Allein es mag der heftigen Erregung mancherlei zugute gehalten werden, und geradezu aufregend mußte es wirken, als ein Mann, dem früher die schärfste Tonart zu Gebote stand, der in allen Wählerversammlungen mit der höchsten Leidenschaftlichkeit gegen die Vindizierung einer bloß administrativen Tätigkeit für den Kultusvorstand zu Felde zog, als der jetzige Kultusvorsteher Architekt Marmorek*), von seinen Freunden ungestüm aufgefordert, das Wort zu ergreifen, zögernd und bleich die Tribüne betrat, um zu erklären, er werde seine Meinung dann äußern, bis er sich sie gebildet haben werde! Nun wohl, die Wähler werden sich bescheiden müssen, die „Meinung" abzuwarten, welche sich die bisherigen Männer ihres Vertrauens in einer Frage gebildet haben werden, wo es keine Meinung, sondern nur das Aufflammen eines Gefühls geben sollte, des Gefühls, das die Juden der ganzen Welt teilen, und welchem der Nichtjnde Maxim Gorki mit den Worten Ausdruck gab: „Gebet Rußland kein Geld zum Morden!" Die Wähler werden sich aber auch weiters die Frage vorzulegen haben, ob das System, auf welchem die Vertretung der 150.000 Wiener Juden beruht, aufrecht erhalten werden kann, wenn es zur Folge hat, daß Wähler und Gewählte in Dingen von solcher Bedeutung einander nicht verstehen. Bei den nächsten Wahlen wird die Antwort darauf zu erteilen sein, ob namentlich in einer Zeit, da das allgemeine Wahlrecht in Oesterreich zu siegreicher Geltung gelangt, eine solche Rückständigkeit wie der heutige Wahlmodus noch ferner geduldet werden kann. Und wenn die Wähler in ihrer Indolenz verharren wollten, so wird der Gedanke an die Pariser Reise des Herrn von Taussig und an die passive Assistenz, welche seine Kollegen vom Kultusvorstande ihm leisteten, ihnen einen gewaltigen Impuls verleihen. Noch ist der altjüdische Grundsatz nicht ganz vergessen, daß nicht der Mann den Platz ziert, den er einnimmt, sondern der Mann sich die Stelle zur Ehre anrechnen muß. 8. Die russische Anleihe. Vielleicht haben Sie, Herr Redakteur, die Güte, in dieser aktuellen Frage einer Ansicht in Ihrem geschätzten Blatte Raum zu geben, die wohl mit den Anschauungen verschiedener jüdischer *) Herr Architekt Marmore! hat bereits sein Mandat als Kultusvorsteher niedergelegt. Anm. d. Red. Wortführer und ihres Anhanges divergiert, für sich aber den Vorzug des selbständigen Denkens und der Freimütigkeit, die Dinge beim wahren Namen zu nennen, wohl beanspruchen darf. Die Presse soll ja, wenn sie wirklich frei ist,' dazu dienen, die verschiedensten Ansichten zu registrieren und so der weiteren Oeffentlickkeit die Möglichkeit einer objektiven Urteilsbildung zu schaffen. Als langjährigem Mitarbeiter Ihres geschätzten Blattes werden Sie mir daher wohl gestatten, auf dieser Tribüne das Wort zu ergreifen. Als die schändlichen, jeder Zivilisation und Menschlichkeit hohnsprechenden, von der russischen Autokratie als Ventil gegen das Auslodern der Revolution in Szene gesetzten Judenmassakres vorüber waren, fanden wohl allerorts und so auch in der großen Wiener Judengemeinde Trauerandachten und Protestversammlungen statt, aber im übrigen waren die zahlreichen jüdischen Märtyrer bald vergessen. Man sagte den gemordeten Männern, den geschändeten Mädchen und Frauen, den geschlachteten und mit unerhörter Barbarei vernichteten Kinderseelen: lebe wohl! und wandte sich wieder dem Leben, dem Erwerb, mit einem Worte dem Geschäfte zu, wie es ja der Brauch und der Lauf der Welt ist. Um die zahlreichen russischen Juden, welche unter Zurücklassung ihrer Habe sich nach Wien geflüchtet halten, kümmerte sich die Oeffentlichkeit und besonders der große Teil Jener, welche heute so gewaltig"- in ihrem jüdischen Gefühle sich verletzt erklären, so viel wie gar nicht. Nur die von denselben Kreisen so oft geschmähte Israel. Allianz, die wohl auch anfangs trotz der großen Sammlungen für die armen hungrigen russischen Flüchtlinge in Wien kein Geld zu besitzen erklärte, da alles Geld dem Zentralburean in London zur Wiederaufrichtung der in Rußland zerstörten jüdischen Existenzen jüdischer Familien abgeliefert werden müsse, entfaltete während der letzten Monate eine ebenso anerkennenswerte als segensreiche Tätigkeit zu Gunsten unserer russischen Glaubens¬ und Stammesbrüder. So wurde vielen Hunderten, ja Tausenden zur Auswanderung verholfen, und viele wieder mußten, da sie zur Emigration nicht geeignet waren und auch ein bauernder Aufenthalt .hier aus mannigfachen Gründen nicht in Betracht gezogen werden konnten, den Rückweg in ihr ungastliches Heimaisland antreten. Und in der Tat, in Rußland lebt bekanntlich das Gros des jüdischen Volkes, etwa 6 Millionen Seelen, und diese jüdischen Massen müssen nol6N8 volens in jenem Lande, mag es sich gestalten wie immer, mag es in absehbarer Zeit, wie behauptet wird, den Staatsbankerott erklären oder nicht, mag es eine kulturelle und fortschrittliche Richtung nehmen oder weiter unter dem Joche des Absolutismus seufzen und schmachten — das jüdische Volk muß in dem Egypten des zwanzigsten Jahrhunderts verbleiben, weil — nun weil kein Stückchen Erde auf Gottes großer und weiter Welt existiert, wo es sich niederlassen und häuslich einrichten könnte. Haben nun die unter konstitutionellen Verhältnissen lebenden Juden im Drange der Geschäfte, auch der zionistischen Klein-- und Großarbeit, bisher vergessen, eine diplomatische Aktion zu Gunsten der in Rußland lebenden jüdischen Massen, zur Wahrung ihrer Menschenrechte, zumindest in Bezug auf Person und Eigentum, einzuleiten, so bot der jetzt vom russischen Staate in Anspruch genommene europäische Kredit hiezu zweifellos eine sehr günstige Gelegenheit, kompetenten Ortes, in Rußland selbst wie auch auswärts, vorstellig zu werden und mit allen Mitteln dafür einzutreten, daß zumindest diese Garantien der russischen Judenschaft gegeben werden. Die Kotierung eines Teiles der vom russischen Staate beanspruchten Anleihe seitens der österreichischen Finanziers, im Wesen ein Pappenstiel von 165 Millionen Kronen, welche Summe die russische Suppe kaum fett machen wird, hat auch einen Teil der Wiener Judenschaft, die koalierten Unionisten, Zionisten und Jüdischnationalen aus ihrer Lethargie aufgerüttelt, und wir hören nun die Herren in den von ihnen veranstalteten Versammlungen gegen die Gewährung der Anleihe, welche übrigens ein feit accompli ist, Zeter und Mordio schreien. Bevor wir aber

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