Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 17 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. Die Wahrheit Lette 7. -essen des Judentums gewählt. Aus dieser Wahl müssen wir die Konsequenzen ziehen. (Lebhafter Beifall.) Redner beleuchtet die verzweifelte finanzielle Lage Rußlands im Zusammenhänge mit der Freiheitsbewegung. Der Vorstand der ..Union" sei zu dieser Resolution zu beglückwünschen. Gegenüber der Forderung, erst zu verurteilen, nachdem man gehört habe, bemerkt Redner: Ich -bin mit Leib und Seele Jurist und dieses Verlangen ist gewiß gerechtfertigt, allein man muß doch vor allem fragen, ob jemand gewillt ist, sich verhören zu lassen. (Zustimmung.) Läßt sich z. B. der Zar von seinem Volke verhören? Ebensowenig ist Herr von Tanssig geneigt, sich von uns vernehmen zu lassen. Die Konsequenz, die zu ziehen ist, geht dahin, daß man nicht nur die Großbesitzer in den Vorstand wählen darf. (Lebhafter Beifall.) Allerdings ist Herr von Tanssig nicht von uns gewählt worden. Man hat vor vier Jahren eine neue Wahlordnung oktroiert, ohne die Wähler zu fragen, und hat in dem Augenblicke, wo überall der Ruf nach allgemeinem Wahlrecht ertönte, -ein Kuriensystem geschaffen, durch welches der große Geldbesitz zu einer eigenen Vertretung im Kultusvorstande gelangte Pflicht der Wählerschaft gegenüber diesen Zuständen ist es, den Männern ihrer Wahl aus der allgemeinen Kurie bei künftigen Wahlen den Auftrag zu geben, daß sie ihre Tätigkeit im Borstande nicht ausüben dürfen, solange gewisse Mitglieder noch im Borstande sind. (Stürmischer Beifall.) Nun erheben sich immer lautere, immer stürmischere Rufe nach Herrn Architekten Marmorek. Die anwesenden Zionisten verlangen leidenschaftlich, daß Herr Marmorek zu dem Gegenstände der Debatte Stellung nehme. Nachdem der Lärm minutenlang gedauert, betritt Herr Marmorek die Tribüne und gibt solgende Erklärung ab: .,Sie mögen überzeugt sein, daß ich von dem ersten Augenblicke, wo dieser Vorfall sich ereignet hat, mir meine Meinung gebildet habe, aber es ist selbstverständlich, daß ich, solange ich Mitglied des Kollegiums des Kultusvorstandes bin, nicht öffentlich auftreten werde, bis ich mich über alle Umstände genau informiert habe. Sie werden in kürzester Zeit meinen Entschluß erfahren. (Höhnische Zurufe.) Auf stürmisches Verlangen und mit Zustimmung der noch eingeschriebenen Redner schreitet nun der Vorsitzende zur Abstimmung über die Resolution. Dieselbe vollzieht sich unter außerordentlicher Spannung der Versammlung. Zunächst gelangt der Antrag zur Entscheidung, daß über den Schlußj Passus der Resolution gesondert abgestimmt werde. Die l Versammlung lehnt diesen Antrag mit allen gegen 8 Stimmen ab. Nunmehr wird die Resolution selbst zur Abstimmung gebracht. Unter begeisterten Zurufen erhebt die überwältigende Mehrheit die Hand für die Resolution. Die Gegenprobe ergibt, daß nur 5 der anwesenden Kultusvorsteher gegen die Resolution stimmen. Das Abstimmungsresultat ruft minutenlange Ausbrüche der Begeisterung hervor. Zahlreiche Mitglieder der Versammlung brechen in den Ruf: „Hoch die Oesterr. Israel. Union!" aus. Dr. Alexander Mintz wünscht nunmehr der Versammlung einen versöhnlichen Abschluß zu geben. „Wir haben uns zusammengefunden in einem einheitlichen Gefühl und Gedanken und sind fest zusammengestanden, um unserem innersten Empfinden Ausdruck zu geben. Die Resolution wirkt reinigend wie ein Gewitter und wir werden uns wieder zusammenfinden, wenn auch unter Sturm und Donner." (Lebhafter Beifall.) Es sprachen noch die Herren Ritter und Kraus, welch letzterer erklärt, daß die Anklage gegen Herrn von Taussig zu einer Anklage gegen den gesamten Kultusvorstand geworden fei. Aus der heutigen Versammlung sei der praktische Schluß zu ziehen, daß bei den diesjährigen Wahlen in den Kultusvorstand die Kandidaten auf solche programmatische Forderungen zu vereidigen mären, welche die Wiederkehr ähnlicher Vorfälle ausfchließen. Kultusvorstand kaiserl. Rat Wilhelm Pollak erklärt, er hätte infolge seiner Heiserkeit — er war einige Zeit krank — heute gerne geschwiegen; da jedoch von Seite des Herrn l Redakteurs Kraus eine nicht vollständig den Tatsachen entsprechende Mitteilung gemacht worden sei, sehe er sich veranlaßt, darauf hinzuweisen, daß nicht Kultusvorstand Taussig, sondern Präsident Klinger ihn seinerzeit wegen der Wahlreden zurechtgewiesen habe. — Da er schon beim Worte sei, müsse er — um nicht der Feigheit geziehen zu werden, — aus den heutigen Vorwurf, daß die Kultusvorstande sich zu der vorgeschlagenen Resolution ablehnend verhalten, offen und ehrlich erklären: Hätte die verehrliche Versammlung die Abstimmung über die Resolution, wie dies beantragt war. in zwei Teilen vorgenommen und auf diese Weise das Allgemeine vom rein Persönlichen getrennt, so hätten die anwesenden Kultusvorstände für den ersten Teil der Resolution gewiß mitgestimmt, denn auch wir Vorstände waren nichts weniger als entzückt, ja geradezu entsetzt über die Beteiligung an der Anleihe; aber die Pflicht der Kollegialität gebietet uns, bezüglich des zweiten Teiles der Resolution nicht mit Ihnen in ein Horn zu blasen. Redner entwickelt ein Bild der hervorragenden Tätigkeit Taussigs "im Kultusvorstande und gibt der Ansicht Ausdruck, daß es Wasser auf die Mühle der Antisemiten treiben hieße, wollte man in Zukunft verlangen, daß alle in leitender Stellung befindlichen Juden bei ihren Handlungen in erster Linie vom jüdischen Standpunkte ausgehen sollten. Denn dann würde die bisher leere Anschuldigung zur Tatsache werden, daß die Juden immer vom nationalen Standpunkte aus handeln. Als erster Beamter einer Bank — ich hätte vielleicht meinen Stellvertreter geschickt — muß man in erster Linie dieser und den Aktionären dienen; ob nicht im vorliegenden Falle auch Staatsnotwendigkeilen politischer Natur in Frage kamen, entzieht sich natürlich unserer Kenntnis. Ebenso läßt sich heute nicht sagen, ob die Juden in Rußland vielleicht dadurch künftighin eine bessere Behandlung erfahren werden als bisher. Gewiß war von dieser Transaktion niemand entzückt, aber wenn große Menschen Fehler machen, fallen diese auch größer aus, und man muß dagegen die Vorzüge Taussigs berücksichtigen, für den es gewiß keine Standes- oder Rangeserhöhung bedeutete, daß er in die Kultusgemeinde eintrat, welche froh war, einen solchen Mann als Vorstand zu bekommen. Diese Umstände sind es. welche uns Kollegen' die Sachlage nüchterner und — für die Zukunft der Kultusgemeinde vielleicht besser vorsorgend — ruhiger beurteilen lassen. Weiß man ja noch nicht, welche Folgen aus dieser Transaktion für die Juden in Rußland in Zukunft > erwachsen werden. l In ähnlichem Sinne spricht Kultusvorsteher Professor Dr. E h r m a n n. Zum Schluß erteilte die Versammlung e i n st i m m i g dem Vorstande der „Union" das Absolutorinm. Beider vorgenommenen Wahl wurden dieHerrenKommerzial- Rat Eduard D o c t o r, Emanuel K a u d e r s und Dr. Heinrich Schreiber wieder und die Herren Univ.-Dozent Dr. Markus H a j e k und Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Alexander Mintz neu in den Vorstand gewählt. Mit einem kurzen Dankesworte schloß um Y>1 Uhr nachts der Vorsitzende die Versammlung.!n memoriam. Für die am 29. April abgehaltene Generalversammlung der „Oesterr.-Jsrael. Union" hatte der Vorstand einen Beschlußantrag vorbereitet, welcher die Beteiligung jüdischer Wiener Finanzmänner an der Beschaffung der russischen Anleihe scharf tadelte und, da einer dieser Männer dem Wiener Kultusvorstande angehört, auch die Stellungnahme des letzteren gegen dieses fein Mitglied forderte. Die Debatte und die Abstimmung über diesen Antrag werden voraussichtlich die fernere Gestaltung der Verhältnisse in der Wiener Kultusgemeinde in erheblichem Maße beeinflussen. Niemand konnte durch die Annahme der Resolution überrascht werden, und da regieren nach dem bekannten Wahrwort voraussehen bedeutet, so wäre es wohl die Aufgabe des Kultusvorstandes gewesen, auch seinerseits seine Ansicht kundzu-