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Die Wahrheit · 1906-05-04 · Heft 17 (4.5.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 17 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 17. Transaktion vereinbar gewesen wäre, aber ich meine doch, daß in einem Punkte ungeteilte Anschauungen herrschen müssen: es ist ein allgemeiner Rechtsgrundsatz, daß niemand verurteilt werden dürfe, den man nicht vorher gehört habe. Man läßt sich ja sehr leicht durch das Gefühl Hinreißen, aber verständige und erfahrene Menschen sollen sich nicht allein vom Gefühle leiten lassen. Man hätte sich doch vorher über alle Nebenumstände erst gründlich informieren sollen. (Große Unruhe, Widerspruch.) Sonst pflegen solche Resolutionrn der Generalversammlung Vorbehalten zu bleiben, der Vorstand hat aber diesmal die Resolution selbst beschlossen und sie vorher publiziert, vielleicht in der Annahme, daß durch nachträgliche Informationen sein Standpunkt verändert werden könnte. (Stürmische Ohorufe.) Ich urteile vollkommen objektiv und lasse mich am. allerwenigsten von Reichtum und Vermögen blenden; ich kann nur sagen, daß das Wirken Taussigs im Kultusvorstande beweist, daß er ein guter Jude ist. Es ist gewiß eine sehr große Ehre dem Kultusvorstande anzugehören, aber ebenso gewiß ist, daß Herr von Taussig es nicht notwendig hat, diese Zugehörigkeit zum Vorstände als Dekorationsstück anzustreben. Er erfreut sich hinreichender äußerer Ehrungen und seine Position nach außen ist eine solche, wie sie nicht viele andere einnehmen. Der Mann habe es in der Fülle seiner Ehrenstellen nicht uothwendig, die Würde eines Kultusvorstehers zu suchen, und wenn er dennoch seine Kraft in den Dienst unserer Gemeinde stellt, so ist das ein Beweis für sein guies jüdisches Empfinden. (Tumultuarische Unterbrechung.) Er versäumt keine einzige Plenarsitzung, er widmet die Zeit, die er zur Erholung von seinem Berufe braucht, den Vertreter-und Kommissionssitzungen. (Rufe: ..Sehr gnädig!') Sie können gewiß sein, daß Herr von Taussig wohl erwogen hat, ob sein Vorgehen in dieser Frage den Interessen des Judentums nützt oder nicht, und man darf ruhig behaupten, daß er deshalb von der Sache nicht zurückgewichen ist, weil er dadurch manche Vorteile für die russischen Juden durchzusetzen erhoffte. (Anhaltende, stürmische Zwischenrufe.) Ich bin mir bewußt, daß viel Mut dazu gehört, nicht in das allgemeine Urteil miteinzusümmen, aber trotzdem kann ich nicht anders als meine Ansicht dahin auszusprechen, daß diese Resolution nie hätte gefaßt werden sollen. (Andauernder Lärm.) Es hätte genügt, wenn der Vorstand lediglich seinem Bedauern über die Sache Ausdruck gegeben hätte, ohne die Ehre eines Menschen anzutasten, wie dies geschehen ist. Ich halte diese Resolution für unberechtigt (Großer, anhaltender Lärm.) und ich glaube, daß insbesondere der Schlußpassus, welcher die bekannte Aufforderung an den Kultusvorstand enthält, nicht am Platze ist, weil Herr von Taussig zu den hervorragendsten und tüchtigsten Mitgliedern des Vorstandes gehört, zu jenen Juden, welche dem Judentume bei jeder Gelegenheit genützt haben. Der Kultusvorstand wird keinen Schritt zwischen sich und Herrn von Taussig machen. Die letzten Worte des Redners gingen im Widerspruche und in einem tobenden Entrüstungssturme unter. Nur mit Mühe vermag sich der nächste Redner Gehör zu verschaffen. Herr Max Markus erklärt, daß er nicht nur der Resolution vollinhaltlich beistimme, sondern noch eine Verschärfung derselben beantragen möchte, nachdem der Vizepräsident und andere Vorstandsmitglieder der Kultusgemeinde sich mit Herrn von Taussig solidarisch erklären. Herr Dr. Kohn sagte, man solle nicht das Gefühl sprechen lassen. Wie soll das Gefühl nicht mitsprechen, wenn Tausende von Juden in Rußland erschlagen werden? Man weiß ja, wie diese Judenmassakres entstehen und wozu sie gemacht werden. Sie werden aus zwei Gründen von der russischen Regierung arrangiert. Erstens deshalb, um den Haß des russischen Volkes gegen die Despotie und deren Werkzeuge auf die Juden abzulenken und zweitens, um durch Drohungen mit Judenmassakres immer wieder von den westeuropäischen Juden Geld zu erpressen. In dem Augenblicke aber, wo man das Geld hat, gibt man wieder das Zeichen zu neuen Judenabschlachtungen. (Lebhafter Beifall.) Herr Dozent Dr. H a j e k führt aus, daß der Beamte nicht verantwortlich gemacht werden könne für die Durchführung der ihm erteilten Aufträge. (Lärmende Zwischenrufe.) Herr von Taussig hat lediglich als Direktor seiner Anstalt gehandelt. Eine Bank ist interkonfessionell und er ist in seiner Berufsstellung verpflichtet, allen Klienten der Bank gerecht zu werden. Auch der staatlich bestellte Henker ist ja vom Standpunkte der bürgerlichen Ehre ein ganz honoriger Mensch, aber man wird ihn nicht zum Präsidenten einer ethischen Gesellschaft machen. Wir Juden müssen in diesen schweren Zeiten nur ganze Männer in den Vordergrund stellen, die imstande sind, die Interessen des Judentums ihren Berufsinteressen voranznstellen. (Allgemeine Zustimmung.) Da müssen wir die Konsequenz für die Zukunft ziehen, daß wir die richtigen Männer an den richtigen Platz entsenden. (Anhaltender Beifall.) Sekretär Fleischer stellt zunächst fest, daß nicht die .Resolution des Vorstandes die Sache zu einer Taussigfrage zugespitzt habe. Er bedaure den persönlichen Charakter der Debatte. Die „Union" sei keine auf den Gelderwerb gegründete Institution, sie sei keine Aktiengesellschaft, sondern zu dem Zwecke geschaffen worden, um die Ehre jedes einzelnen Juden und die Ehre der gesamten Judenschaft zu wahren und zu hüten. Wenn ein Antisemit uns den Vorwurf ins Gesicht geschleudert hätte, daß die Wiener Juden um 5°/0 das Leben ihrer russischen Brüder verkaufen, so hätte sich gewiß der Kultusvorstand mit uns in flammender Entrüstung und zur Abwehr einer so ungeheuerlichen Beschuldigung vereinigt. Haben wir diese Pflicht nicht auch dann, wenn Juden die Berechtigung zu einem solchen Vorwurfe gegeben hüben. (Stürmischer Beifall.) Im Punkte der Ehre gibt es keinen bO^igen und keinen 8()o/oigen Ausgleich, da müssen wir die vollen 100% verlangen oder wir haben nicht mehr das Recht weiter zu existieren. Ist denn die Zugehörigkeit des Herrn von Taussig zum Kultusvorstande ein Milderungsgrund oder nicht vielmehr ein Erschwerungsgrund? (Allgemeine Zustimmung.) Der sehr verehrte Vizepräsident der Kultusgemeinde hat gesagt, man hätte Herrn von Taussig nicht verurteilen dürfen, ohne ihn vorher gehört zu haben. Es ist ja noch fraglich, -ob Herr von Taussig Gelegencheit gegeben hätte, ihn anzuhören. Aber man kann den Spieß auch umdrehen und sagen: Vielleicht hätte Herr von Taussig erst die Judenschaft hören müssen, bevor er die Anleihe abschloß. (Anhaltender Beifall.) Er brauchte ja nicht zur „Union" zu kommen, er konnte ja den Kultusvorstand fragen, in dem er Sitz und Stimme hat. Man sagt, es seien durch den Abschluß der Anleihe Judenmassakres verhindert worden. Die Tatsache, daß die russische Regierung die Macht hatte, solche Massakres zu verhindern, beweist nur, daß die früheren Massakres auf ihr direktes Geheiß veranstaltet wurden und einer solchen Regierung soll man Geld geben? Redner verliest aus den zahlreichen Zustimmungskundgebungen, die dem Vorstande zugekommen sind, die Zuschrift eines Katholiken, der es als Schmach und Schande bezeichnet, daß Juden der russischen Regierung gegen ihre eigenen Brüder Geld und Waffen liefere. (Laute Bravorufe.) In der ganzen Frage hat den Vorstand gewiß keine persönliche Animosität gegen Herrn von Taussig geleitet. Seine geistigen Fähigkeiten und seine Tüchtigkeiten im Kultusvorstande werden anerkannt, aber auch wenn er ein Uebermensch wäre, den Anspruch, Vertreter der Wiener Jndenschaft zu sein, hat er verwirkt. (Stürmische Zustimmung.) Die Bodenkreditanstalt möge ihm Ehrenkräuze winden, der Kultusvorstand dürfe dies nicht tun. Herrn von Taussig stehen die höchsten Ehrenstellen im Staate offen, er könne vermöge seiner glänzenden Begabung alles werden, nur eines könne er nicht mehr sein: Mitglied des Kultusvorstandes. Auch wir Juden müssen uns den Spruch vor Augen halten: ..Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre." (Andauernder, stürmischer Beifall.) Reicbsratsabgeordneter Dr. Ofner, sympathisch begrüßt, betont, daß ihn der unpersönliche Charakter der Resolution sehr angenehm berührt habe. Die Resolution ist eine Tat und das Ereignis, das sie betrifft, darf nicht so kühl betrachtet werden, | wie Herr Dr. Gustav Kohn es gewünscht hat. Es gibt Dinge, * wo man sich von seiner Empfindung mitreißen lassen muß. | Herr von Taussig habe zwischen dem Geschäft und den Inter-

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