Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 17 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. Die Wahrheit. Leite 5. sondern eine wahre Herzenspflicht, wenn wir den beiden Herren j für die langjährige, hingebungsvolle Mitarbeit, die sie in der verantwortlichen Stellung als Vizepräsidenten des Vereines geleistet haben, hiemit öffentlich unseren wärmsten Dank abstatten. Sowohl Herr Dr. Ascher, als auch Herr Professor Dr. Ehrmann haben sich-übrigens bereit erklärt, auch in Zukunft als Beiräte ihre Einsicht und Erfahrung dem Vereine zur Verfügung stellen zu wollen." Der Bericht erwähnt ferner der Einsetzung einer Kommission für Kultusangelegenheiten unter dem Vorsitze des Herrn Goitlieb B e t t e l h e i m und einer Auswanderungskommlssion unter dem Vorsitze des Herrn Dr. Alexander M i n tz, gedenkt weiters in Pietät der verstorbenen Mitglieder, dankt allen jenen, welche im abgelaufenen Jahre die gemeinnützigen Bestrebungen des Vereines gefördert haben, und schließt mit folgenden Worten: „Geehrte Generalversammlung! In dem vorstehenden Berichte haben wir eine wichtige politische Aktion unseres Vereines nicht erwähnt. Es ist dies die große Protestversammlung der Wiener Judenschaft vom 19. November 1905 gegen die russischen Judenmassakres, an welcher sich die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" führend beteiligt hat. Wir stellen die Erwähnung dieser großartigen Manifestation an den Schluß unseres Rechenschaftsberichtes, weil in den letzten Tagen ein Ereignis eingetrelen ist, das im engsten Zusammenhänge mit jener Protest- und Trauerkundgebung besprochen werden muß. Die flammende Anklage, welche damals der Oberrabbiner Wiens gegen die russische Regierung erhob, die feierliche Versicherung des Redners der ..Union", daß wir durch unser Mitgefühl den tausenden Unglücklichen den festen Glauben an die Menschheit wiedergeben wollen, die ergreifenden Worte aus dem Schreiben eines hervorragenden russischen Gelehrten: „Fluch dem Lande, das ein solches Volk hervorgebracht, Fluch der Regierung, die ein solches Volk gezüchtet hat," vermochten es nicht zu hindern, daß Wiener jüdische Finanzmänner unter Führung eines Mitgliedes des Wiener Kultusvorstandes zu dem Abschlüsse der jüngsten russischen Anleihe die Hand boten und eine Beteiligung des österreichischen Kapitals an dieser Anleihe vermittelten. Sie haben hiedurch der russischen Regierung die Mittel verschafft, neue Kanonen und Gewehre zur Unterdrückung der Freiheitsbewegung und der Juden zu bestellen. In der Resolution, welche die vieltausendköpfige Versammlung vom 19. November beschloß, hieß es: ..Gegen diese Scheußlichkeit appellieren wir an das Herz der ganzen zivilisierten Menschheit, wir appellieren an das öffentliche Gewissen aller Kulturnationen! Wir erklären, daß wir uns mit unseren leidenden Brüdern eines fühlen und alle Bestrebungen tatkräftig unterstützen wollen, welche geeignet sind, ihnen eine menschenwürdige Zukunft zu sichern." Einen Meineid hätten wir damals geschworen, wenn wir jetzt nicht den Verrat brandmarken würden, den Juden an unseren russischen Glaubensbrüdern begangen haben. (Langandauernde Bewegung.) „Gebt Rußland kein Geld zum Morden!", so rief vor wenigen Tagen der russische Freiheitsmärtyrer Maxim Gorki der gesitteten Welt zu. Aber nur Deutschland, Nordamerika und Italien haben diesen Ruf beachtet. Als im Jahre 1871 die französische Nationalregierung unter Gambetta eine Anleihe zur Fortführung des Krieges mit Deutschland ausschrieb und Berliner Finanziers sich daran beteiligten, machte die preußische Regierung kurzen Prozeß, die betreffenden Herren wurden wegen Landesverrates zu mehrjährigem Gefängnis verurteilt. Die Beteiligung der jüdischen Finanziers an der russischen Anleihe bedeutet zwar keinen Landesverrat, aber — was angesichts der Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit vielleicht noch schlimmer ist — einen Verrat an unseren russischen Brüdern. (Stürmische Zustimmung.) Darauf steht wohl nicht Gefängnisstrafe, es gibt jedoch eine j Strafe, die härter trifft: Das ist das öffentliche Urteil, und > diese muß mit aller Schärfe angewendet werden. j In einer Sitzung vom 21. April hat daher der Vorstand! der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" folgende Resolution : i beschlossen und empfiehlt dieselbe auch der geehrten Generalversammlung zur Annahme: „In Erwägung, daß alle Bedrückungen, Verfolgungen und Niedermetzelungen unserer Glaubensbrüder in Rußland unter Gutheißung, ja unter tätiger Mithilfe der russischen Regierung erfolgt sind, in Erwägung, daß die Beftiedigung des Geldbedürfnisses der russischen Regierung gleichbedeutend ist mit der Förderung der gewalttätigen Absichten dieser Regierung gegen die Freiheitsbewegung und gegen die Juden, deren Existenz mit dem Siege dieser Bewegung unlösbar verknüpft ist, hält es die Leitung der „Oesterreichifch-israelitischen Union" für ein zwingendes Gebot der Ehre, daß die Judenschaft jede Solidarität zwischen sich und jenen jüdischen Finanzmännern, die unter Zurückstellung ethischer Pflichten hinter das Geschäft die Beteiligung Oesterreichs an der russischen Anleihe vermittelt haben, vor der Oeffentlichkeit ablehne. Die Vereinsleituug erwartet vom Vorstande der Wiener israelitischen Knltusgemeinde, als der berufenen Repräsentanz der Juden Wiens, daß auch er seinerseits durch eine klare Manifestation die Solidarität mit dem gekennzeichneten, die Ehre der österreichischen Judenschast schädigenden Vorgehen öffentlich ablehne." Der Vorsitzende unterbricht hieraus die Verhandlung aus fünf Minuten zur Abgabe der Stimmzettel für die Wahl in die Vereinsleimng. Es wird sodann die Debatte über den Rechenschaftsbericht eröffnet. Als erster Redner ergreift Herr Doktor Friedrich Mintz das Wort. Redner bezeichnet die Resolution als so selbstverständlich, so dem Gefühle des jüdischen Volkes entsprechend, daß eine nähere Begründung derselben Eulen nach Athen tragen hieße. Mit Erstaunen aber habe er wahrgenommen, daß es dennoch Leute gibt, welche diese Resolution nicht gutheißen. Allerdings sind dies nur wenige, und diese führen zur Unterstützung ihre Ansicht an, daß durch den Abschluß der Anleihe Judenmassakres vor den heurigen Ostern verhindert worden seien. Dann müßte ja das Leben der russischen Juden jedes Jahr vor Ostern durch eine neue solche Anleihe erkauft werden. Was an dem Vorgehen des Ritter von Taussig ganz besonders aufregend wirkt, das ist die Schamlosigkeit, mit der er der öffentlichen Meinung, direkt ins Gesicht geschlagen hat. (Zustimmung.) Seine Haltung erinnert an jene gewissen Damen, welche fallen und dennoch der öffentlichen Meinung schamlos Trotz bieten. Mit Recht sagt Montesquieu: „Die Heuchelei.ist der Tribut, welchen das Laster der Tugend zollen muß." Aber selbst diesen Tribut habe Herr von Taussig der Oeffentlichkeit verweigert. Er habe seine Glaubensgenossen der Verachtung der ganzen Welt preisgegeben. Und wahrhaftig, das jüdische Volk könnte mit Recht von Jedermann verdammt werden, wenn seine Großen, seine Vorsteher, der öffentlichen Moral ungestraft derart ins Gesicht schlagen dürften. (Lebhafte Zustimmung.) Es ist Pflicht und Schuldigkeit der „Union" und jedes einzelnen Menschen, der Sinn für ethisches Empfinden hat, gegen Herrn von Taussig aufzutreten, damit ein solches Beispiel, das uns zum Gespött und Hohn aller übrigen Völker macht, für die Zukunft hiutangehalten werde. (Lebhafter Beifall.) Herr Lucian Brunner bemängelt es, daß der Vorstand in der Wahlrechtsftage keine Versammlung der Mitglieder einberufen habe, ebenso wünscht Herr Bezirksrat Brill, daß der Verein öfter, als es bisher geschehen ist. Diskussionsabende über aktuelle politische Tagesfragen veranstalte. Der Vorsitzende sagt die Erfüllung dieser Wünsche zu. Unter allgemeiner Spannung betritt nun der erste Vizepräsident der Kultusgemeinde, Herr Dr. Gustav K o h n, die Tribüne. Redner zollt der aus dem Rechenschaftsbericht ersichtlichen Tätigkeit des Präsidiums und des gesamten Vorstandes der „Union" uneingeschränktes Lob. Umso peinlicher sei ihm die Nötigung, gegen die Resolution des Vorstandes, betreffend die j russische Anleihe, öffentlich Stellung zu nehmen. Es kann ja! strittig sein, ob das Auftreten des Herrn von Taussig ein! zweckmäßiges und nützliches gewesen sei. Es mögen auch darüber die Anschauungen geteilt sein, ob die Stellung des Ritter von! Taussig im Kultusvorstande mit der hier in Frage stehenden Sa»gaata—n—»