Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 17 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Lette 4. Die Wahrheit Nr. 17. Aufforderung, widrigenfalls Zwangsmaßregeln augewendet und Sie nach dem nächsten Grenzort gebracht werden sollen." * * * Als Erwiderung auf die Angriffe, die die Ausweisungen russischer Juden aus Berlin seitens oppositioneller Blätter erfuhren, veröffentlichte die .Kölnische-Zeitung" vor kurzemunter der Spitzmarke „Die Ausweisungsschmach" einen offenbar inspirierten Artikel, in dem es heißt: ..Unter dieser Ueberschrift bringt seit einigen Tagen der „Vorwärts" bewegliche Klagen über die Ausweisungen, die vom Polizeipräsidium gegen Russen, vorwiegend jüdischen Glaubens, verfügt werden. Ganz besonders empört ist er über eine Notiz des „Berliner Tagblatts", das zu dieser Angelegenheit erfahren hat, daß die meisten der Ausweisungen im Einvernehmen mit dem jüdischen Unterstützungs- Ausschusse erfolgen, und er spricht daraufhin von einem Boykott deutscher Waren in Rußland. Auch in diesem Falle ist der „Vorwärts" wieder einmal über die wirklichen Verhältnisse recht schlecht unterrichtet. Infolge der Ereignisse in Rußland hat eine Einwanderung von ungefähr 5000 Russen, zumeist Juden, nach Berlin stattgefunden, die hier zum großen Teil ganz mittellos angekommen sind. Man mag in sozialdemokratischen Kreisen darüber anderer Ansicht sein, aber die große Mehrheit der Deutschen würde einen solchen Bevölkerungszuwachs als nicht sehr wünschenswert erachten. Es ist also vollkommen begreiflich, daß wir diese Leute los zu werden trachten, und das einfachste wäre gewesen, sie über die Grenze nach Rußland zurückzuschieben, da andere Staaten diese mittellosen Einwanderer jedenfalls nicht angenommen haben würden. Daß in einer solchen Maßregel eine große Härte gelegen hätte, ist indessen nicht zu verkennen, und deshalb macht das Polizeipräsidium gegenwärtig den Versuch, diese Leute allmählich abzuschieben, und zwar unter Beteiligung des jüdischen Unterstützungs-Ausschusses, der wohl in der Lage ist, kleineren Transporten die Auswanderung nach überseeischen Ländern zu ermöglichen, dessen Mittel aber nicht ausreichen, um den ganzen Schub auf einmal zu befördern. Es geschieht also lediglich aus menschlichem Interesse, wenn man die Rückgängigmachung - der unerwünschten russischen Einwanderung nicht auf einmal, sondern in zeitweisen Abständen ausführt, und wenn das jüdische Hilfskomitee sich bei der Regelung dieser Angelegenheit mit dem Polizeipräsidium ins Einvernehmen setzt, so gewinnt es damit lediglich Anspruch aus die Dankbarkeit seiner Glaubensgenossen. Dadurch daß die Ausweisungen nicht auf einmal verfügt werden, wird den Auszuweisenden auch noch die Möglichkeit geboten, sich in der Zwischenzeit etwas zu verdienen, um nicht ganz mittellos in ihrer neuen Heimat einzutreffen. Es handelt sich also bei diesem ganzen Vorgehen keineswegs um eine Brutalität, sondern vielmehr um ein durchaus schonendes Vorgehen, was auch von den wirklich unterrichteten jüdischen Kreisen anerkannt wird. Wer freilich auf dem Standpunkt steht, daß das Deutsche Reich gegenüber einer mißliebigen Maffeneinwanderung von seinem Ausweisungsrechte keinen Gebrauch machen soll, wird sich auch damit nicht befreunden, doch wird das an dem Verlauf der Sache nichts ändern." Oesterreichisch Israelitische Union. Eine so zahlreich besuchte und so bewegte Generalversammlung, wie diejenige, die Samstag den 28. April im großen Saale des „Hotel Guth" staltsand, hat die „Oesterr.-israel. Union" vielleicht seit ihrem Bestände noch nicht gesehen. Die außerordentliche Beteiligung und Erregung galt jedoch nicht dem zu erwartenden Berichte über die Tätigkeit des Vereines über das abgelausene Jahr, der nebenbei bemerkt, zu anderen Zeiten gewiß überaus scharfe Debatten ausgelöst hätte, sondern das allgemeine Interesse konzentrierte sich auf die vor einigen Tagen vom Vorstande der „Union" beschlossene und verlautbarte Resolution gegen die Beteiligung jüdischer Finanzmänner an der russischen Anleihe, die der Generalversammlung zur Annahme unterbreitet wurde. Die Verquickung dieser Resolution mit der Erstattung des Rechenschaftsberichtes erwies sich, wie es ja auch von einem der Redner in der Versammlung, Herrn Lucian Brunner, betont wurde, als ein geschickter Schachzng, um die Debatte über den Rechenschaftsbericht' von den Bahnen unbequemer Kritik auf einen anderen Angriffspunkt zu lenken. Wir wollen dies der Vereinsleitung um so weniger übelnehmen, als mir ihre Entrüstung über die Haltung der Wiener jüdischen Finanziers vollkommen teilen und besonders bei einem Vertreter der Wiener Kultusgemeinde vollste Rücksichtitahme auf Fühlen und Denken der Judenschaft voraussetzen müssen. Aber was wir keineswegs billigen können, ist der Umstand, daß der Vorstand der ..Union" nicht vor Publikation der Resolution mit dem Kultnsvorstande diesbezüglich Fühlung nahm, sondern in seiner Generalversammlung der Opposition, mit welcher er ja selbst in vielen Gemeindefragen nicht übereinstimmt und die weder die Mehrheit der Vereinsmitglieder noch die der Kultuswähler repräsentiert, zu einem Sturmlaufe gegen den Kultusvorstand verhalf und so gerade die in der Versammlung anwesenden Kultusvorsteher, von denen die meisten sich große Verdienste um die Gemeinde erworben haben und das Vertrauen der weitesten Kreise genießen, von vorneherein in ein schiefes Licht brachte. Das schien manchem als illoyaler Versuch, die Popularität des Vorstandes der „Union" auf Kosten des Kultusvorstandes zu heben, und das durfte die „Union" nicht tun, selbst wenn ihr eine Auffrischung ihrer Popularität mit Rücksicht auf ihre vielfach angefochtene Haltung in der Wahlreformfrage nötig wäre. Im nachstehenden der Bericht:. Den Vorsitz in der Versammlung führten abwechselnd Präsident Sigmund Mayer und die Vizepräsidenten kaiserl. Rat Wilhelm Anninger und Dr. Moriz Ascher. Vom Kultnsvorstande waren die beiden Vizepräsidenten Landesschulrat Dr. Gustav Kohn und kaiserl. Rat Dr. Moriz Hirsch, ferner die Herren Salo Cohn, Prof. Dr. Ehr mann, Hermann E l t b o g e n, kais. Rat Sigmund K a u d e r s, Oskar Marmorek, kais. Rat Wilhelm Pollak und Dr. Marcus Spitzer erschienen; ferner waren anwesend Herr Reichsrathsabgeordneter Dr. Ofner, Univ.-Dozent Dr. Hajek rc. Präsident Sigmund Mayer begrüßte mit herzlichen Worten die Versammlung, konstatierte die rechtzeitige Ausschreibung der Generalversammlung und deren Beschlußfähigkeit' und fuhr hierauf fort: „Der Zeitraum, über den wir Ihnen Bericht zu erstatten haben, ist ein Jahr der Trauer für die gesummte Judenheit durch die Ereignisse, welche sich in Rußland vollzogen haben, Ereignisse, wie wir sie in Europa schon seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen haben, die für kaum möglich gehalten werden können und doch Tatsache sind. So traurig diese Ereignisse sind, so glaube ich gerade deshalb, daß alle Juden die doppelte Verpflichtung haben, sich in ihrer Handlungsweise genau in dem Rahmen der Ehre zuhalten. Das abgelausene Jahr war auch speziell für Oesterreich bedeutungsvoll durch die Aufwerfung der Frage des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes, welche die politische Stellung der Juden nach gewissen Richtungen hin nicht günstig beeinflussen wird. Wie der Vorstand der „Union" gesucht hat, den politischen Anforderungen der Zeit gerecht zu werden, möge Ihnen der Rechenschaftsbericht zeigen, zu welchem Behufe ich Herrn Fleischer das Wort erteile." Sekretär Fleischer erstattet hierauf den Rechenschaftsbericht, in welchem die bereits bekannten Aktionen des Vereines in der Frage der Wahlreform, der Einführung des Befähigungsnachweises im Handelsgewerbe, auf dem Gebiete des Rechtsschutzes, sein Einschreiten gegen die Ritualmordhetze, bei böswilligen Denunziationen rc. in ausführlichem Detail geschildert werden. Weiters wird mit Bedauern konstatiert, daß die beiden Vizepräsidenten Dr. Moriz Ascher und Professor Dr. Ehrmann die bestimmte Erklärung abgegeben haben, wegen Ueber- Häufung mit Berufsgeschäften ein Mandat in den Vorstand nicht mehr annehmen zu können. „Wir erfüllen hiemit", so heißt es an der betreffenden Stelle des Berichtes, „nicht nur eine konventionelle Dankespflicht,