Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 16 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Nr. 16. ::. ■ vL:US&c.i -rt'iTl-ii-iiTi: Die Wahrheit Sesseln empfunden haben. Eigentümlich berührt es, daß beim Anrufen des Gottes der beiden ersten Stammväter (elohe jawrohom, elohe jizchok) gleichsam wie aus Rücksicht für die ältere Generation die Orgel plötzlich verstummt, um beim Erwähnen des letzten, also modernen Patriarchen (elohe jaakow) wieder mit vollen Morden einzusetzen. Die gleiche Rücksichtnahme widmet der Autor den Worten gomel chassodim towim etc. indem er dem Kantor das Terrain allein überläßt und erst in der berechtigten Annahme, daß dem frei rezitierenden Kantor etwa eine modulatorische Entgleisung (ist schon dagewesen) arriviert sei, die Orgel als rettenden König bei melech oser erscheinen läßt. Diese Vorkommnisse sind ja sicherlich Zufälligkeiten, doch ebenso bedeutsam, daß der Autor sich veranlaßt fühlt, trotz des am Kopfe des Boruch atto verzeichneteu Moderato schon bei den Worten gomel chassodim (gleichsam um goinel chessed zu sein, d. h. Ehrlichkeit walten zu lassen) das Taktgesetz zu unterbrechen, die Orgel zum Schweigen zu bringen und dem Kantor das freie, unbegleitete Rezitativ zu überlassen. Wir beabsichtigen keineswegs, diesen Gedankengang, wie es vielleicht nötig wäre, weiter ausznspinnen, sondern plaidieren allen Ernstes dafür, daß der Kantor der durch keine harmonische oder rhythmische Fessel beirrte Träger des Rezitativs bleibe.*) Wir akzeptieren vollinhaltlich die anerkennenswerte Absicht des Autors, dem Anfänger beim Studieren durch eine unterlegte Harmonie entgegenzukommen; vielleicht durch die vorgezeichneten Modulationen in didaktischer Beziehung darauf aufmerksam zu machen, daß auch die synagogalen Rezitative strenggesügte Musikschöpfungen seien, die nicht jedem Freibeutertume jedweden unmusikalischen und ungenügend vorbereiteten sogenannten Kantors überlassen werden dürfen. Doch die tatsächliche Mithilfe der Orgel beim kantoralen Vortrage der Schmoiie essre müssen wir auch an dieser Stelle ebenso höflich als ernstlich ablehnen, wie wir dieselbe seinerzeit Meister Lewandowsky gegenüber freundlich und ernst abgelehnt haben. Und trotz all dieser Anführungen werden in den meisten Gotteshäusern der Gegenwart auch dem Gotte Israels Orgeln erbaut und es wird bei allen möglichen und unmöglichen Veranlassungen aus denselben losgespielt. Dieser vollendeten Tatsache gegenüber können wir uns selbstredend nicht ganz Passiv verhalten. Versöhnen wir uns nun, wenn auch schweren Herzens, mit dem Gedanken, daß die Orgel schon jetzt zu den Kelim kedauschim, zu den heiligen Geräten der Synagoge gehört, so erwachst jedem ernst strebenden und denkenden synagogalen Musiker erst recht die heilige Verpflichtung, dafür zu sorgen, daß diese aus einer fremdem Welt zu uns hinübertönenden Klänge dem jüdischen Empfinden, gleichsam der jüdischen Volksseele, näher gebracht werden. ... Schon vor mehr als zwanzig Jahren riefen wir in diesen Blättern Meister Lewandowsky die Worte zu:-- „Eine Orgel aber, die in kirchlicher Weise spielt, kann und wird niemals Gemeingut der Synagoge werden; nur wenn diesem modernsten aller synagogalen Musikinstrumente jene von den Vätern ererbten Töne entlockt werden, haben wir Aussicht, die Orgel der Synagoge ein verleibt zu sehen." Diese längst verklungenen Worte haben noch heute aktuelle Bedeutung, und wir freuen uns, konstatieren zu können, daß dieselben, so wie seinerzeit von Meister Lewandowsky in seinen synagogalen Orgelritornellen auch beim Herausgeber des vorliegenden Werkes Beachtung gefunden haben. Der Jnhaltder mittlerweile erschienenen „synagogalen Tonarten" hat offenkundig auch in meritorischer Beziehung dazu beigetragen, daß der verehrte Autor bei Uebernahme der drei Sabbatrezitative Tikanto scliabbos, jismechu bemale- *) In neuester Zeit macht sich eine eigentümlich fremdartige Richtung geltend, daß der fungierende Kantor seine sonderbaren Koloraturen durch die Chorsänger brummstimmenartig begleiten läßt. Das klingt wie ein Dudelsack mit Brummstimme und muß als Zote an' helliger Stelle bezeichnet werden, ji . *'4 - ' chus’cho und E. w. a. reze wimmichosenu aus dem „Schin Zion H" in das vorliegende Werk sich dazu entschloß, die. ..in. der Originalaufzeichnung, wie leicht ersichtlich, auf der 0-Basisder dischtabach-Steigerskala ruhend, mit drei verschiedenen Vorzeichnung (6-dur, G-dur und Es-dur) versehen sind, ganz, ohne Vorzeichnung zu belassen. Ueberzeugt uns schon diese angeführte Tatsache von der läuternd reformatorischen- Absicht des Komponisten, so können wir anerkennend konstatieren^ daß auch in der harmonischen Ausgestaltung solcher stilreiner synagogaler Motive, eine, wenn auch nur scheinbar winzige, so doch für die endliche Währung eines synagogalen Musikstiles ganz, unfassende Hinneigung zum Besseren zu verzeichnen sei. Als solche bedeutungsvolle stilreine Zugeständnisse erachtenwir die, bei den beiden kurzen Chorsätzen verzeichneteu Ossia bei Boruch hu uworucb sch’mo Nr. 74 und oseh feleh Nr. 75. Dieses Bestreben, durch einen plagalen Schluß, der Dominant-Sepptäkkord-Harmonie mit dem obligaten Fis äusdem Wege zu gehen und weiters auch dem bei der dischtabach- Steigerskala leitereigenen As Geltung zu verschaffen, soll lobenh anerkannt werden. Die Vertiefung in die etwas herben Formen des stilreinen Synagogengesanges scheint nun dem verehrten Herausgeber Interesse abgewonnen zu haben; denn bei der Bearbeitung des aus dem „Schir Zion II" übernommenen Elohenu welohe awosenu, Anhang I, Nr. 21 mit Orgelbegleitung, erscheinen einzelne Stellen ganz mannhaft eliminiert und durch zweckentsprechendere Intervalle ersetzt, nur finden wir es unbegreifliche weshalb im ersten Takte bei dem Akkorde A, 0, Es, Pis nicht As und P belassen wurde, wie es doch ganz eklatant in dem hierauf folgenden Akkorde As, 0, D, P der Fall ist. Doch verlangen wir nicht zu viel des Guten auf einmal, der Heiw Autor zeigt uns mit der Ausscheidung des in der Originalfassung bei mekadesch haschäbbos verzeichnte Pis und des. Ersatzes durch F eine solch liebevolle Zuneigung zu den traditionellen Tonarten,^ daß wir ihm so manche andere, ganz, modern harmonisierte Stelle lediglich als einen Nachhall seiner sehnsüchtigen Wehmut für den strengen Chorsatz auslegeir wollen. Jedenfalls ist hie und da der Weg gezeigt, steigerreine- Intervalle nicht steigerunrein zu harmonisieren?) Diese Nutzanwendung der Steigertheorie bedeutet eine Anerkennung der letzteren, und diese hätte es vielleicht verdienbauch des Schöpfers dieser Theorie in der Vorrede zu gedenken- Da wir jedoch an dieser Stelle kein Recht haben, xro domo zu sprechen, so brechen wir diesen Gedankengang ab. Wir vermeinen nun, durch unsere Klarlegungen allen Darbietungen des vorliegenden Werkes gewissenhaft und sachgemäß gegenüber getreten zu sein, wohlwollend, doch auch ernst, erwägend. Wenn hie und da die Pietät für den verblichenen Meister unsere Feder führte, möge man es uns nicht übel deuten. Es ist ja gleichsam das Vermächtnis Salomon S u lz ers, welches durch seinen tüchtigen Sohn Josef Sulzer mit großer Opferfreudigkeit und umfassender Sachkenntnis gleichsam gehoben und für die Gegenwart und Zukunft gebrauchsfähig gestaltet würde. Möge ein Strahl des diesem Werke innewohnenden Geistes auch das Herz, namentlich unserer jungen Kantoren erleuchten, auf daß sie zum Bewußtsein gelangen, daß man nicht allein durch Ueberbietungen technischer Stimmeffekte oder sogenannter deschi^o-Koloraturen jenen Anforderungen genügt^ die an einen Modernen Kantor gestellt werden müssen, wenrr das jüdische Kantorat nicht einer Epoche des Verblühens und Verderbens entgegengefnhrt werden soll. In diesem Sinne empfehlen wir das vorliegende neu edierte Werk „Schir Zion" als Leitfaden für Kantorats-Eleven, aber auch als erschöpfende Nachschlagequelle für alle synagogal gesanglichen Vorkommnisse in der Wirksamkeit des amtierenden Kantors. *) Wir empfehlen, die ganze Pisce bei vollständiger Wahrung der harmonischen und melodischen Gestaltung, jedoch mit völliger Beibehaltung der leitereigenen Intervalle 6, As, H, 0, D, Es, F, Gr singen und spielen zu wollen, und man dürfte alsbald zur Ueberzeugung kommen, um wieviel interessanter, charakteristischer diese Tonmischung wirkt.