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Die Wahrheit · 1906-04-27 · Heft 16 (27.4.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 16 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Lette 6. Die Wahrheil. Nr. 16. Kaiserkrone zu überbringen hatte, zu deren vornehmsten Paten i der Abgeordnete für Lauenburg gehörte. Friedrich Wilhelm lehnte die Krone ab; er fühlte sich zu schwach, den schimmernden, aber gefährlichen Reifen gegen die zahlreichen inneren Widersacher und äußeren Feinde — Oesterreich und Rußland — zu verteidigen. Damit war aber das ganze Werk des Frankfurter Parlamentes einstweilen gescheitert. Die größten deutschen Staaten wiesen die Anerkennung der Reichsverfassung zurück und riesen die Abgeordneten, die ihre Untertanen waren, von Frankfurt ab. Die Volksauf st än de zugunsten der Verfassung wurden mit militärischer Gewalt niedergeschlagen. Rießer erhob noch einmal — am 7. Mai — seine Stimme für das Recht des Volkes gegen die brutale Gewalt. Als er indes unter seinen politischen Freunden damit keinen Anklang faud, als alle seine Gesinnungsgenossen die Versammlung verließen, schied auch er aus am 26. Mai 1649. Mit der ihm eigenen Besonnenheit, Selbstbeherrschung und Klarheit rechtfertigte er seine Haltung in der Nationalversammlung durch eine an seine Wähler gerichtete Schrift. Für den Augenblick war alles zerstört, wofür Rießer und so viele andere edle und ausgezeichnete deutsche Männer während dreizehn Monate gearbeitet und gekämpft, wofür sie das Beste ihres Geistes und Herzens gegeben hatten. Es ist leicht, sie unpolitische Träumer zu schelten. Konnten sie mit dem schnellen Erkalten der freiheitlichen Begeisterung im Norden Deutschlands, mit den furchtbaren Niederlagen der Demokratie in Oesterreich, mit der heuchlerischen Doppelzüngigkeit Friedrich Wilhelm IV. rechnen, der seine heiligsten Zusagen höhnisch brach, sobald die persönliche Gefahr für ihn beseitigt war? Und dann — nur momentan sind sie besiegt worden. Als es zwei Dezennien später galt, durch die preußischen Waffen das Reich zu errichten, das 1849 gescheitert war, da mußten die Gewalthaber auf das Werk der Paulskirche, aus die von Rießer und seinen Freunden verteidigten Grundsätze zurückgreifen. Da triumphierten das erbliche Kaisertum der Hohenzollern, das allgemeine, direkte Wahlrecht als Grundlage der deutschen Volksvertretung, die lose Verbindung Oesterreichs mit Deutschland durch ein internationales Bündnis. Da zeigte es sich, daß die gemäßigt liberale Partei des Frankfurter Parlaments nicht umsonst geschaffen und gestritten hatte. Es wird stets ein Ruhmestitel für Rießer bleiben, au diesem Werke in stillen Beratungen und weithin schallenden Reden hervorragenden Anteil genommen zu haben. Die Tätigkeit in der Paulskirche bedeutete den Höhepunkt in Rießers Leben. Häufig wiederkehrende Kränklichkeit brachte dem noch nicht Fünfundvierzigjährigen vorzeitiges Alter. Aber sonst erlebte er noch manche Genugtuung, die Erfüllung allgemeiner und persönlicher Wünsche, die er seit seiner Jugend gehegt hatte. Das Ansehen, das er sich in H a m b u r g erworben, trug viel dazu bei. daß im Anschluß an die Frankfurter Reichsoerfassung die völlige bürgerliche und staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden nach 1849 in der Hansestadt zum Gesetze erhoben wurde. Ein glücklicher Umschwung nach dem Vierteljahrhundert kläglichen Marktens und Feilschens um jedes kleine Zugeständnis! Rießer hatte auch persönlich den Genuß dieser Errungenschaft. Er, dem 1829 die Zulassung zur Advokatur versagt worden war, sah sich im Jahre 1860 zum Mitglied des Obergerichtes ernannt — als erster jüdischer Richter in Deutschland. Inzwischen war, unter tätiger Mitwirkung Rießers, 1859 bis 1860, eine neue, gemäßigt liberale Verfassung für Staat und Stadt Hamburg zustande gekommen. Rießer wurde auch in die neue Vertretung der Bürgerschaft gewählt und bald deren Vizepräsident, sowie eines der zwanzig Mitglieder des Bürgerausschusses, der in außerordentlichen Fällen die Gerechtsame der Bürgerschaft auszuüben hat. Die höchsten bürgerlichen Ehren wurden dem treuen, mutigen und begabten Verteidiger des Rechtes und der Freiheit iu der engeren Heimat zuteil. Er blieb auch des großen deutschen Vaterlandes immer eingedenk. So beteiligte er sich an dem 1859 begründeten „N a t i o n a l v e r e i n", der auf die Einigung Deutschlands unter der Führung eines liberalen Preußen hinwirkte, und schrieb für diese Bewegung eine Reihe gehaltvoller Abhandlungen. Immer wieder strebte er vom Einzelnen zum Ganzen. Die so heiß vou ihm ersehnte Einigung Deutschlands sollte er nicht erleben. Er ist am 22. April 1863, wenige Wochen nach Abschluß seines siebenundsünfzigsten Lebensjahres, dahingeschieden. Ein marmornes Denkmal ward ihm von Freunden und Verehrern errichtet. Denn er besaß zahlreiche Freunde. Sein heiteres, offenes Wesen, die Liebenswürdigkeit, die ihm so viel treue Menschen gewann, gingen von einem gütigen, menschenfreundlichen und liebebedürstigen Herzen aus. Er war nicht verheiratet, allein er suchte und fand für die ihm versagte Häuslichkeit Ersatz in innigen und festen Freundschaftsbündnissen, mit Männern und Frauen, von denen sein Briefwechsel uns erfreuliche Kunde gibt. Selbstverständlich sind auch an seinem Innern die Jahre nicht spurlos vorübergegangen. Die hingebende Unbefangenheit der Jugend machte größerer Zurückhaltung Platz. Aber seine Freundlichkeit, sein Eingehen auf fremde Interessen und Stimmungen, seinen Humor, seine Zugänglichkeit für die Freundschaft guter und kluger Menschen hat er sich bis zum Ende bewahrt. Politik, Rechtswissenschaft, juristische Praxis und damit zusammenhängende schriftstellerische Produktion haben niemals ihn ausschließlich beschäftigt. Er bewahrte sich grundsätzlich jeden Tag einige Stunden, die er dem Lesen literarischer und allgemein wissenschaftlicher Werke widmete. Dabei beschränkte er sich nicht auf das deutsche Schrifttum, sondern machte sich, mit wahrhaft deutscher Universalität, auch die hervorragenden Geistesschöpfungen anderer Nationen zu eigen. Nichts Bedeutendes entging seinem unermüdlichen Suchen nach dem Schönen und Guten, womit er sein Denken und Empfinden zu stärken und zu vertiefen vermöge. So war er der echte Sohn einer 8 idealistisch und menschheitlich gesinnten, hochstrebenden, edlen Zeit, einer Zeit, wo das deutsche Volk seine besten, und liebenswertesten Vorzüge ' entwickelt hat. Unter ihren Vorkämpfern und Geisleshelden wird Gabriel Rießer immer eine ehrenvolle Stelle einnehmen. Dir Kriminalität der Inden in Deutschland. (Fortsetzung.) Ich möchte die mitgeteilten Ziffern noch nach einigen Richtungen ergänzen. Zunächst möchte ich diejenigen Delikte anführen, bei denen in den ganzen 20 Jahren überhaupt kein Jude verurteilt wurde, und die in der mitgeteilten Statistik nicht enthalten sind. Ich gebe unserm Kaiserlichen Statistischen Amte im allgemeinen recht, wenn es sagt, es handelt sich hierbei' zum großen Teil um Delikte, bei denen überhaupt nur sehlwenig Verurteilungen Vorkommen, die absoluten Ziffern also sehr gering sind, so daß das Nichtbeteiligtsein der Juden nichts beweist. So ganz „nichts beweisend" ist es aber doch nicht, wenn wegen bestimmter Delikte im ganzen Deutschen Reiche in den 20 Jahren nicht ein Jude verurteilt wurde. Es handelt sich hier um: Hoch- und Landesverrat, Androhung eines gemeinen gefährlichen Verbrechens, Unzucht unter Mißbrauch eines Vertrauensverhältnisses, Mord (ein Jude ist in den 20 Jahren wegen Totschlag verurteilt worden, keiner wegen Mord), Nindestötung, Aussetzung, Schlägerei, Vergiftung, Raub und Entführung, vorsätzliche Gefährdung eines Eisenbahntransportes, Sprengstoffdelikte und endlich die passive Bestechung. Wir sehen, unsere erste Uebersicht schließt mit der Ziffer 360, Ich habe nun noch diejenigen Delikte herausgeholt, bei denen die jüdische Bevölkerung immer noch stärker beteiligt ist als die christliche, aber diese stärkere Beteiligung unter dem Dreifachen zurückbleibt. Es stellt sich da heraus, daß die jüdische Bevölkerung ungünstiger steht bei einer ganzen Anzahl von Verletzungen der

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