Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 16 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 15. Die Wahrheit. Seite 5 unschuldig verfolgter Menschenkinder kennt und weiß, wie sie in ungerechtester Weise ihrer Menschen- und Bürgerrechte beraubt werden. Herr Abgeordneter Breiter hatte aber auch genügend Gelegenheit, diese Leiden zu studieren, und scheut weder Zeit noch Geld, noch persönliche Muße, um, wo nur möglich, zu helfen. Unser Volkstribun, Ernst Breiter, kann mit Stolz auf die Zahl der Interpellationen Hinweisen, welche er im Interesse der Juden Galiziens im Reichsrate eingebracht hat, und sein Verdienst muß umso höher eingeschätzt werden, wenn man bedenkt, wie oft selbst jüdische Abgeordnete ihre Unterschrift für Interpellationen zu Gunsten der Juden refusierten. Herr Abgeordneter Breiter sprach ungefähr iy2 Stunden nicht so sehr mit Pathos als mit Ruhe und Sicherheit über die politische Situation und die Wahlreform. Wir können wohl den ganzen Inhalt seiner Rede nicht wiedergeben, allein einiges möge trotzdem hier Erwähnung finden. Breiter begreift nicht die Lauheit, mit welcher die jüdischen Abgeordneten im Reichsrate diesen Moment der Wahlreform betrachten, noch weniger aber das Anklammern an die polnische Schlacht«, welche jetzt Galizien beherrscht. Er verwies auf die Ungerechtigkeiten, welche seitens der Starostwos begangen werden, wie schwierig man dem Juden den Erwerb auf dem stachen Lande macht, daß auf Schritt und Tritt, wo sich der Jude /einen Erwerb schaffen will, sofort Sperren, Verbote und alle möglichen Vexationen folgen, er sieht, wie die Juden allmälich vom flachen Lande verdrängt werden und jede Scholle Erde aus jüdischen Händen genommen wird. Betreffs der Auflösung der zionistischen Vereine weist derselbe auf die unzähligen Vereine der kolke rolnicze hin, welche erwiesenermaßen politische Agitationsstellen bilden, deren Wirken seitens der Behörde nicht entgegengetreten ivird, während die wenigen zionistischen Vereine aufgelöst wurden, um jede politische Regung unmöglich zu machen und die Widerstandskraft des jüdischen Volkes zu lähmen. Abgeordneter Breiter berührte auch den Antrag der Ausschaltung Galiziens aus dem österreichischen Staatsverbande und tadelte es, daß ein jüdischer Abgeordneter die Fäden der Verständigung zwischen den Alldeutschen und dem Allpolenklub spann, trotzdem die Sonderstellung Galiziens doch offenbar ein Unglück für die Juden Galiziens bedeuten würde. Selbstverständlich hat das Auditorium dem Redner volle und rückhaltslose Anerkennung gespendet und begrüßte mit Freuden die Aufforderung des Vorsitzenden Dr. Vierer, den Dank und Anerkennung durch Erheben von den Sitzen zum Ausdrucke zu bringen. Alles erhob sich und unter stürmischem Beifallsklatschen schloß um 10 Uhr nachts die überaus interessante Versammlung. Nächsten Monat soll hier Abgeordneter Breiter nochmals das Wort ergreifen und den Abgeordneten Doktor S t r a u ch e r zum Besuche Lembergs veranlassen. Schließlich seien noch in knappen Sätzen die Schluß- - gedanken des Vorsitzenden der Versammlung skizziert. Er betonte, z daß das Streben des Vereines „Schomer Israel" seit seinem I Bestände (1867) dahin ging, das Gemeingefühl zu fördern und! die Selbstschutzarbeit im galizischen Israel zu wecken. Hieiür! spricht die Einberufung des I. galizischen Gemeindetages, welcher j leider nach 20 Jahren in parteiischer, nutzloser Weise nochmals j einberufen wurde. Der Verein „Schomer Israel" kämpfte schon! 1873 gegen die Resolutionisten, gegen die Sonderstellung! Galiziens, welche das Leben und das Eigentum der Juden j einer sehr schwankenden Gerechtigkeitspflege ausgeliefert hätte, j Heutzutage erhärten alle Maßnahmen der autonomen Regierung z in Galizien jene Befürchtungen in noch erhöhterem Maße, und! Gott möge uns vor unseren polnischen Freunden behüten. Die! Organisierung der 800.000 jüdischen Bewohner Galiziens zr einem nationalen Körper erscheint somit als dringendste Aufgabe. Leider kann man sich auf unsere Kultusvorstände nicht . recht verlassen und daher wäre zur Gründung nationaljüdischer! Vereine zu schreiten mit dem Zentrum im „Schomer Israel."! Dieser Zentralkörperschaft könnte man die politische Leitung des j galizischen Israel anvertrauen, sie könnte Institutionen zur Hebung des Nationalwohles schaffen und die bewährten Führer herausfinden, deren wir gegenwärtig, schmerzlich entbehren. Jechiel. | Gabriel Metzer. Zum 100. Geburtstag: 2. April 1006. Bon Prof. Dr. Marti» Philipps»» (Berlin). (Schluß.) Rießer aber wandte sich mit aller Schärfe seines Geistes und aller Wärme seines verletzten Empfindens gegen die Bezeichnung der Juden als eines fremden Volksstammes. Er stellte die ganze Angelegenheit sofort auf den höheren Standpunkt des Rechtes und der Sittlichkeit, indem er jedes Ausnahmegesetz gegen Einzelne oder besondere Gemeinschaften als einen verderblichen Riß im Systeme der Freiheit, als deren absichtliche Verneinung bezeichnete. Solche Anschauung, deren tiefe Wahrheit jeder anerkennen mußte, vorgetragen mit hinreißender Beredsamkeit, schlug durch — Mohls Antrag wurde einstimmig verworfen. Rießer wandte sich der gemäßigt liberalen Partei zu, dem linken Zentrum, und zwar derjenigen Fraktion, die zuerst im Württemberger, dann im Augsburger Hof tagte. So wenig er sich auch an den Debatten beteiligte, gewann ihm doch das Gewicht und die Liebenswürdigkeit seines Wesens allgemeine Achtung und Zuneigung, und am 2. Oktober wurde er zum zweiten Vizepräsidenten der Nationalversammlung gewählt. Er hat in dieser Stellung wiederholt, auch bei schwierigen und stürmischen Sitzungen, die Verhandlungen geleitet. Er wurde gleichfalls Berichterstatter der wichtigsten Kommission, nämlich des Verfaffungsausschusses, und er sprach im Sinne nicht etwa des Radikalismus, den man oft den Juden für inhärent hält, sondern der Besonnenheit und Mäßigung. Rießer war radikal nur in den Fragen von Freiheit, Wahrheit und Recht, in praktischen Dingen dagegen von staatsmännischer Kühle. Freilich, er täuschte sich über die Ehrlichkeit der konstitutionellen Gesinnung der damaligen preußischen Regierung, deren wiederholten Versicherungen er zu großes Vertrauen schenkte. Er hat deshalb durch eine glänzende Rede verhindert, daß das Frankfurter Parlament in dem Streite zwischen der preußischen Nationalversammlung und dem reaktionären Ministerium Brandenburg die Partei des ersteren ergriff. Auch in den Verhandlungen über die Verfassung verteidigte er, der Theorie zu Liebe, die Oeffentlichkeit der Wahlen, deren üble Wirkungen die Praxis später dartun sollte. Aber unvergessen muß es ihm bleiben, daß er der treueste Verfechter des allgemeinen direkten Wahlrechts gegen alle Einschränkungen und Abschwächungen geblieben ist. Mannhaftigkeit und Wahrhaftigkeit waren eben stets die Prinzipien, die ihn leiteten. Man mußte eilen, die Reichs Verfassung fertigzustellen und wo möglich bei den maßgebenden Regierungen zur Anerkennung zu bringen, ehe die mächtig vordringende Reaktion vollends das Heft in Händen bekomme und das ganze Werk vereitelte. Deshalb beantragte im März 1849 Welker, die Verfassung en bloc anzunehmen, Oesterreich den Zutritt offen zu lassen, den König von Preußen aber sogleich zum erblichen deutschen Kaiser zu wählen. Für diesen Antrag hielt Rießer als Berichterstatter des Verfassungsausschusses seine größte und glänzendste Rede, die unter dem Namen der „Kaiserrede" berühmt geworden ist. Ersetzte mit lichtvoller Klarheit die verschiedenen Ansichten auseinander, beurteilte sie mit scharfer Dialektik und doch mit liebenswerter Freundlichkeit und empfahl den Welckerschen Antrag mit schwungvoller und hinreißender Beredsamkeit. Es war inhaltlich und formell das vollendetste rhetorische Kunstwerk, das man in der Paulskirche gehört hatte, und fand den Beifall auch der Gegner, während es die Freunde zu begeisterter Zustimmung anfachte. Freilich, Welckers Antrag siel trotzdem durch geringe Mehrheit gegnerischer Stimmen; aber sein Zweck wurde nach wenigen Tagen in zweiter Lesung des Verfasfungsentwurfs verwirklicht. Am 27. März 1849 wurde dieser angenommen, am 28. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum erblichen deutschen Kaiser erkoren. Rießer war selbstverständlich eines der 33 Mitglieder der Deputation, die dem König die