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Die Wahrheit · 1906-04-27 · Heft 16 (27.4.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 16 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Lette 4. Die Wahrheit Nr. 16. Die mit den internationalen Sammlungen eingeleitete i Hilfsaktion für die Juden in Rußland ist gegenwärtig, soweit! sie sich auf Rußland selbst erstreckt, beendigt. In einer Konferenz, die vorige Woche in Dover stattgefundeir hat und an der seitens des Zeniralberichtsbureaus und des Hilssvereines der deutschen Inden Herr Dr. Paul Nathan aus Berlin, seitens der Russian Jewish Committee Herr N. S. Joseph aus London und seitens der verschiedenen internationalen Organisationen Herr D. Feinberg aus Petersburg teilnahmen, wurden die endgiltigen Beschlüsse über die Entschädigung der durch die Hetzen heimgesuchten Juden in Rußland gefaßt. Gleichzeitig wurden dort die Bestimmungen über die Versorgung der jüdischen Waisenkinder, der Witwen, der Krüppel und der erwerbsfähig Gewordenen festgesetzt. Nachdem die Vorschläge von den Russian Jewish Committee genehmigt worden sind, ist jetzt die Hilfsaktion in Bezug auf Rußland als abgeschlossen zu betrachten. Im ganzen wurden seinerzeit ungefähr 15 Millionen Mark an Sammlungen aufgebracht und zirka zwei Drittel dieses Betrages für die Hilfsaktion in Rußland verwendet. -i- Ein überaus charakteristischer Reinfall, charakteristisch schon! deshalb, weil solche Reinfälle, wo es sich um Juden handelt,! diesseits wie jenseits des Atlantischen Ozeans eine besondere Eigentümlichkeit sind, ist jüngst einem in der Judenmission überaus eifrigen amerikanischen Geistlichen passiert. Weniger aus eigentlich antisemitischen Gründen als um die Notwendigkeit, die Juden dem Christentum zuzusühren, darzutun, hat der Geistliche I. Townsend Ruffel in einer öffentlichen Versammlung erklärt, Präsident Roosevelt habe statistischen Berichten entnommen, daß 82% der Insassen von Strafanstalten, die wegen Verbrechen gegen die Sittlichkeit bestraft seinen, Juden seien und ebenso seien von 72 an einem Tage verhafteten Taschendieben 65 Juden gewesen. Keiner hatte jemals gehört, daß Roosevelt eine solche Aeußerung einmal getan, die auch, abgesehen von der objektiven Unwahrheit, mit allem in Widerspruch stand, was Roosevelt in den letzten Jahren über die Juden gesagt hat. Nichtsnutzig wie die Juden nun einmal sind, wollten sie das nicht auf sich sitzen lassen und wandten sich an den Präsidenten mit einer Anfrage. Prompt erfolgte die Antwort, daß schon mehrere dahingehende Anfragen ergangen seien, daß Herr Ruffel vom Präsidenten befragt worden sei, wer ihm diese angebliche Aeußerung von ihm mitgeteilt habe, und daß Präsident Roosevelt eine solche Aeußerung niemals getan, noch auch eine, die mit ihr irgendwelche Aehnlichkeit habe. Der geistliche Herr entschuldigte sich bei dem Präsidenten Roosevelt etwas kindlich damit, daß er die betreffende Angabe in der Zeitung Gaelic American gefunden habe und daß er auch den Namen des ausgezeichneten Gewährsmannes dieser Nachricht wisse, daß er ober den Namen nicht nennen dürfe. Er bedauere, daß die Bezugnahme auf den Präsidenten eine falsche gewesen sei, und er sei gern bereit alles zu tun, den unrichtigen Eindruck zu verwischen. Bereits am folgenden Tage antwortete.Roosevelt, er wäre sehr dankbar, wenn ihm der Name des Gewährsmannes geirannt würde. Er habe niemals eine solche Aeußerung, wie sie ihm in den Mund gelegt worden sei, getan. Es soll hier nichts von der deplazierten Diskretion des Geistlichen gesagt werden, der indiskret genug ist, auf Grund einer Notiz in einer notorisch unzuverlässigen Zeitung eine Massenverleumdung weiter zu verbreiten, ja ihr durch das Zitieren erst Verbreitung und Bedeutung zu verschaffen. Noch dazu einer Verleumdung, die allem widerspricht, was über die Juden bekannt ist. Aber so machen es die Antisemiten hüben wie drüben. Kritiklos werden die unglaublichsten Dinge geglaubt und veröffentlicht, sobald es sich um den Juden irgend Nachteiliges handelt. Es wird geglaubt, weil es gewünscht wird, oder es wird auch nicht geglaubt von denen, die es verbreiten, in der sicheren Erwartung, daß es, auch wenn es noch so unsinnig ist, von der blöden Menge geglaubt werden wird. Lemberger Krief. Aus sicherer Quelle erfahren wir, daß die Statthaltereiverordnung, welche den hebräischen Unterricht in den Religions- Unterrichtsstunden untersagte, nunmehr zurückgezogen wurde. Richtiger konnte wohl nicht gehandelt werden, zumal in einer Zeit, in welcher Wahlen in Sicht sind. Allein der hebräische Volksmund hat ein sehr bezeichnendes Wort, das da lautet: „Kann eine Handvoll den Löwetl sättigen?" Und wir fragen mit banger Besorgnis: was soll aus unserem Volke werden, wenn sein Nachwuchs einen Religionsunterricht genießt, wobei den jüdischen Mittelschülern nicht ein ernstes Eingehen in das jüdische Schrifttum mit seiner großartigen Literatur und bluttriefenden Geschichte gegönnt ist und den tausenden Studierenden nicht ermöglicht wird, ihre Sabbath- und Feiertage, sondern die der christlichen Religion einzuhalteu. Kein Wunder, daß eine derartige Jugenderziehung zur Berchristlichung der Juden führt, und jeder einsichtige und aufrichtige Jude wird begreifen, daß nur die Errichtung jüdischer Mittelschulen hier Remednr schaffen könne. Nicht der blinde Aberglaube an „güte Jüden", nicht! das Pidjanimgeld wird das Judentum erhalten, ja selbst nicht! neue Prachttempel mit gemischten Chören und blechernen Orgelpfeifen, sondern jüdische Mittelschulen bilden das einzige Bollwerk gegen verderblichen Jndifferentismus und schändlichen Abfall, die beide große Verheerungen im Judentum anrichten. Die Rabbinerwahl in Lemberg stoßt auf Opposition. Es handelt sich um die Besetzung des Oberrabbiuates der Lemberger Gemeinde, und da gibt es auch Leute, welche ein Gewicht darauf legen, diesen altehrwürdigen Rabbinatsstuhl an den besten und gediegensten der zeitgenössischen .Rabbiner zu vergeben, während von der Tempelpartei diese Tradition leider ganz außeracht gelassen wird. Auf beiden Seiten herrscht ein Eifer, welcher dieser wichtigen Angelegenheit würdig erscheint. Von seiner einflußreichen Familie, unter anderen vom Kultusvorsteher Samuel Edler v. Horowitz, wird der gegenwärtige Stellvertreter und Stadtsynagogen-Rabbiner Braude aufgestellt, die Volkspartei hingegen verlangt den Stanislauer Rabbiner Horowitz. Dieser soll eine talmudische Kapazität ersten Ranges und ein tüchtiger Redner sein, welch letztere Eigenschaft bei allen bisherigen Rabbinen Lembergs zum Schaden der jüdischen Sache vermißt wurde. Auch rühmt man ihm Selbstständigkeit des Charakters nach. Sonntag, den 22. d. M. beschloß eine sehr imposante Versammlung, alle anderen Kandidaturen abzulehnen und Herrn Rabbiner Horowitz stimmeneinhellig dem Kultusvorstande als ihren Kandidaten vorzuschlagen. Wir wollen hoffen, daß unter seiner Leitung das jüdische Studium neue Impulse erhalten, daß die Talmud-Thora einer gedeihlichen Reform unterzogen und die Privat-Jeschiwoth zu einem segensreichen Institut für eine Heranwachsende Generation hervorragender Talmudisten und Hebraisten umgewandelt werden wird, um so dem Niedergange des traditionellen Judentums entgegenzntreten. Bei aller Hochachtung für die Person des Herrn Rabbiners Braude, schließen wir uns der Kandidatur des Herrn Rabbiner Horowitz auch aus einem anderen plausiblen Grund vollständig an, und zwar damit ein neuer, selbständiger Geist ins Lemberger Rabbinat einziehe und der Servilismus, welcher bis nun in rituellen Fragengegenüber dem Kultusvorstande herrschte, zurückgedrängt werde. Das tut außerordentlich not. Der Verein „Schomer Israel" hatte seinerzeit den Abgeordneten Dr. S t r a u ch e r zur Abhaltung eines Vortrages eingeladen und bereits die nötigen Vorbereitungen dazu veranlaßt, als fast am Vorabend eine telegraphische Absage eintraf und wir neben den Spesen noch das niederdrückende Gefühl einer öffentlichen Beschämung hinnehmen mußten. Anders der Abgeordnete Breiter. Der Mann kam, sprach und siegte. Er siegte, denn er sprach nicht als Mann, der dem Volke angehört, das beherrscht, unterdrückt und alles in die Schranken fordert, des polnischen Volkes, sondern als Tribun, welcher die Leiden

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