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Die Wahrheit · 1906-04-27 · Heft 16 (27.4.1906) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 16 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit Redaktion u. Admittisnation: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon Sir. der Druckerei I53VL. Lllserate r» Hell, per NonpareiUe-Zeile. AboiliieuieulS- ». JnseerionSbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. ngige Heiischrist für jüöische Untereren. Erscheint jeden Kreitag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ j Verugsp»;ei»: ji Ganzjährig ... st. 1*.— j jj Halbjährig ... St. 6.—; i Für Cultusbeamte:! jj Ganzjährig . . . ft io—|j |l Für Ausland:!i Äanziährig ... 3 Mart 6 Rubel oder >6 Fcs. Ur. 16. Wien, 27. April 1966. Inhalt: Aus der Woche. — Lemberger Brief. — Gabriel Rießer. —Die Kriminalität der Juden in Deutschland. — Schir Zion. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Zurückgefunden. Ans der Woche. Die Teilnahme hervorragender Wiener jüdischer Finanziers und der Wiener Banken an der russischen Anleihe, die wir bereits in voriger Nummer verurteilten, hat in den weitesten Kreisen der Wiener Judenschaft Empörung und Erbitterung hervorgerufen. So hat auch der Vorstand der „Oesterr.-Jsrael. Union" einstimmig nachstehenden Beschluß gefaßt: „In Erwägung, daß alle Bedrückungen, Verfolgungen und Niedermetzelungen unserer Glaubensbrüder in Rußland unter Gutheißung, ja unter tätiger Mithilfe der russischen Regierung erfolgt sind, in Erwägung, daß die Befriedigung des Geldbedürfnisses der russischen Regierung gleichbedeutend ist mit der Förderung der gewalttätigen Absichten dieser Regierung gegen die Freiheitsbewegung und gegen die Juden, deren Existenz mit dem Siege jener Bewegung unlösbar verknüpft ist, hält es die Leitung der „Oesterr.-Jsrael. Union" für ein zwingendes Gebot der Ehre, daß die Judenschaft jede Solidarität zwischen sich und jenen jüdischen Finanzmännern, die unter Zurückstellung ethischer Pflichten hinter das Geschäft die Beteiligung Oesterreichs an der russischen Anleihe vermittelt haben, vor der O e ff e n t l i ch k e i t a b l e h n e. Die Vereinsleitung erwartet vom Vor stände der Wiener israelitischen K u l t u s g e m e i n d e, als der berufenen Repräsentanz der Juden Wiens, daß auch er seinerseits durch eine klare Manifestation die Solidarität mit dem gekennzeichneten, die Ehre der österreichischen Judenschaft schädigenden Vorgehen öffentlich ab lehne." Besonders hoch gingen die Wogen der Empörung in zwei von den Jüdischnationalen und Zionisten einberufenen Protestversammlungen, die allerdings zumeist von jugendlichen Elementen und von Kultuswählern nur sehr spärlich besucht waren. In beiden Versammlungen wurde gegen die Schmach, die die jüdischen Financiers durch die Beteiligung an der russischen Anleihe dem Judentum zugefügt, energisch protestiert und der Austritt des Herrn Ritter von T a u s s i g aus dem Wiener Kultusvorstande gefordert. * . * Aber nicht nur in jüdischen Kreisen Wiens herrscht große Erregung, sondern auch aus christlichen Bürgerkreisen ertönen warnende Stimmen und flammende Proteste gegen die russische Anleihe. Ein Komitee bestehend aus hervorragenden Gelehrten j und freisinnigen politischen Persönlichkeiten wendet sich mit einem ' Aufrufe an die Oeffentlichkeit, in dem es unter anderem heißt: ..Mitbürger!Kauft keine russische Staatsanleihe! Werft euer Geld nicht dem glühenden Moloch der russischen Autokratie zum Opfer hin, begebt euch selbst nicht in Gefahr, gefährdet nicht die Finanzkraft des eigenen Staates und laßt euch nicht durch die Vorspiegelung eines großen Gewinnes verleiten, das russische System vor dem Zusammenbruch zu bewahren, der doch in kürzester Zeit unvermeidlich ist. Ihr werdet mit eurem Gelde nicht bewirken, daß wider alle Natur eine gewissenlose Regierung über das Volt triumphiert, aber ihr ladet eine schwere moralische Mitschuld an all den Greueln auf euch, die der Zarismus an dem russischen Volk und an der Menschheit verübt, und lauft obendrein Gefahr, von seinen Trümmern einst mitverschüttet zu werden." -ir Spät aber doch hat sich der Abgeordnete Dr. Byk be-! züglich der Wahlreform im Abgeordnetenhause zum Worte ge-! meldet. In der letzten Sitzung des Wahlreformausschusfes rügte; derselbe die Nichteinführung des Proportionalwahlrechtes in den! galizischen Städten, wo namentlich die jüdische Bevölkerung,! welche elf Prozent der Landesbevölkerung ausmacht und daher j eine wahre und schutzbedürftige Minorität ist, dieses Systems > dringend bedurft hätte. Er betonte, daß die Gleichberechtigung j der Juden noch immer bloß auf dem Papier steht und daß zum I Schutze ihrer Verwirklichung sowie zur Abwehr von unaufhör-! lichen Angriffen, die sich sogar bis zur Blutbeschuldigung ver- > steigen, und ebenso zur Wahrnehmung der Interessen in den j Belangen der konfessionellen Gesetzgebung eine angemessene Anzahl? jüdischer Abgeordneter unerläßlich sei. Im Jahre 1891 waren! noch 13 jüdische Abgeordnete, während jetzt kaum sieben Sitz und Stimme haben. Für Galizien bemühen wir uns, so führte der Redner aus, einige Bezirke mit jüdischer Mehrheit zu erhallen, und Dank dem Statthalter und der Zentralregierung ist auch für einige solche Wahlbezirke in der Vorlage vorgesorgt; jedoch geschieht das in sehr unausgiebiger Weise. Es ist allerdings zu begrüßen, daß sich wieder eine Stimme im österreichischen Abgeordnetenhause zu Gunsten der Juden vernehmen ließ, aber bedenklich erscheint es uns jedenfalls, daß Herr Dr. Byk erst jetzt, wo bereits die Akten bezüglich der Wahlreform geschlossen sind und, wie er selbst wohl weiß, für die Juden in Galizien nichts mehr zu erreichen ist, seiner Pflichten als jüdischer Abgeordneter sich bewußt wird.

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