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Die Wahrheit · 1906-04-20 · Heft 15 (20.4.1906) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 15 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 15. Die Wahrheit Leite 7. Kritisch die ständischen Verhandlungen über die Judenemanzipation, i)ie .damals in vielen deutschen Staaten vor sich gingen. Er schilderte in klarer und überzeugender Weise die Mangelhaftigkeit der staatsrechtlichen Verhältnisse der Israeliten in Preußen und die noch weit betrüvenderen Zustände in Hannover und dem Königreiche Sachsen. Er widerlegte literarische und staatsmännische Gegner. Er verteidigte Börne gegen die wider diesen geistvollen Schriftsteller erhobenen Anklagen. Er verfaßte für seine hamburgischen Glaubensgenossen eine Denkschrift an den Senat der Freien und Hanse-Stadt. Er gab eine Zeitschrift heraus unter dem Titel „Der Jude". Lue sollte diesen so vielfach verpönten Stamm wieder zu Ehren bringen. Zn den „Jüdischen Briefen" wendet er sich gegen einige bekannte Schriftsteller, wie Gustav Pfizer, Wolsgang Menzel und Gutzkow, die das Judentum auf dem Gebiete der Literatur bekämpft hatten. Immer tiefer, immer allfeitiger erfaßte und verwirklichte er seine Auf- .gabe. Dabei trat er mit manchen hervorragenden Christen, wie Heinrich Laube, Freiligrarh, Biedermann, sogar Gutzkow selbst in freundschaftlichen Verkehr. Endlich erntete er auch persönlich eine Frucht feines edlen Streben«. Der Hamburger Senat ließ ihn 1840 zum No tnriat zu und er konnte von Bockenheim wieder in seine Vaterstadt übersiedeln. Damit beginnt eine neue Epoche in dem Äebeu und der Wirksamkeit Rießers. Er hatte für die Juden geschrieben und getan, was ihm zu schreiben und zu tun möglich rvar. Er durfte mit Befriedigung wahrnehmen, daß die öffentliche Meinung ihnen immer günstiger wurde. Besonders hatten seine grundsätzlich so wenig anfechtbaren Darlegungen bewirkt, daß die Gleichberechtigung der Israeliten zu einem fundamentalen Priuzipe der liberalen Partei wurde — und zu dieser bekannten lich damals das gesamte Bürgertum und der höher gebildete Teil des Adels. Seit 1843 begannen die preußischen Provinziallandtage die Partei der Juden zu nehmen. Sie fanden Nacheiferung bei den meisten deutschen Landständen. Umso eher durfte Rießer sich anderen Ausgaben zuwenden: auch hier weniger aus freier schriftstellerischer Initiative, als Infolge äußerer Veranlassung. Zunächst beschäftigten ihn juristische, Mit seinem Beruf zusammenhängende Fragen; Größeres hat er da nicht geschrieben, sondern nur viele Aufsätze und Referate. Dann wurde er durch persönlichen Verkehr mit den Gebrüdern Ols- Hause n, mit C l a u s e u und einigen anderen Schleswig- .Holsteinern in deren Kampf' gegen die dänische Vergewaltigung mithineingezogen. Wenig verschlug es ihn da, daß Dänemark den Juden volle Gleichstellung gewährt, die Schleswig- Holsteiner diese stets zurückgewiesen hatten; diese verteidigten ihr Deutschtum gegen, fremde Gewalt und sie hatten dabei das Recht auf ihrer Seite. Das genügte Rießer, um ihn für ihren Kampf zu bestimmen. Mit flammender Begeisterung sprach er für sie in Hamburg an dem Gedenktage der Leipziger Schlacht 18. Oktober 1846. Diese erste seiner großen politischen Reden, an Form vollendet wie im Inhalt edel und gedankenreich, gewann ihm den Beifall weitester Kreise im deutschen Vaterlande. Sein mannhaftes und eindrucksvolles Auftreten für die Sache Schleswig-Holsteins wurde die Veranlassung, daß er seine politischen und rednerischen Gaben auf einem weiteren und wichtigeren Schauplatze zu entwickeln Gelegenheit fand. Im März 1848 ward ganz Deutschland durch die Nachwirkung der Pariser Februarrevolution heftig bewegt. Nach den blutigen Siegen der Aufständischen in Wien und Berlin tagte ein „Vorparlament" am 31. März in Frankfurt am Main, zur Vorbereitung einer allgemeinen deutschen Nationalversammlung: und zu diesem Vorparlamente, dem der Regel mach nur Mitglieder deutscher Volksvertretungen angehörten, wurde auch Gabriel Rießer, obwohl ihm diese Vorbedingung fehlte, von dem leitenden Siebenerausschuß berufen. Er vermnlaßte dann den wichtigen Beschluß, daß die Nationalversammlung durch allgemeines, gleiches Wahlrecht ..ohne Bedingung des Standes, Vermögens und Glaubens- Dekenntnisses" zu bilden sei. Er war also der erste Urheber des noch jetzt im Deutschen Reiche geltenden Wahlrechts. Das Hamburg benachbarte Herzogtum Lauen bürg erkor ihn zum Abgeordneten m die Deutsche Nationalversammlung. Auch hier war er, seinem ganzen bescheidenen Wesen getreu, zunächst im Stillen, in der Kommission tätig, bis wieder eine äußere Veranlassung ihn zum öffentlichen Auftreten, bewog. Es war abermals das Interesse seiner Glaubensgenossen, das ihn auf den Kampfplatz berief. Robert M o h l hatte, mit Ausnahme des aktiven und passiven Wahlrechts, die Ordnung der „Verhältnisse des israelitischen Volksstammes" der Zukunft anheimgeben wollen und am 29. August einen dahin gehenden Antrag gestellt. (Schluß folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Die festliche Stimruung, die anläßlich des Festgottesdienstes am ersten Peffachtage im Sladtrempet bei den zahlreiche» Besuchern desselben herrschte, fand ihre besondere Erhöhung durch die Festpredigt, die Oberrabbmer Dr. Güdemann hielt. Im Verlaufe derselben schilderte er die Entstehungsgeschichte des ehrwürdigen Stadttempels. wie vor 80 Jahren jene großen Männer unserer Gemeinde sich zusammenfandeu, um zum Beginne der politischen Freiheit unseres Landes dieses Gotteshaus zu errichten. Der Redner erinnerte an das vor 30 Jahren stattgehabte fünfzigjährige Jubiläum dieses Gotteshauses, bei welchem Anlässe der selige Prediger Dr. I e l l i n e k die Festrede hielt, deren Thema in der Frage gipfelte: „Was würden die Alten zu uns reden, und was reden wir zu den Alten?" Wien. Im Lokale der „B n a l B r i t h", IX., Universitätsstraße Nr. 4, fand Donnerstag, den 11. d. M., 7»8 Uhr abends, die Konstituierung des „Vereines zur Errichtung und Erhaltung von Horten für schulpflichtige jüdische Kinder" statt, eine der dringendsten und segenbriugendsten Lereiiisgründungen, die in letzter Zeit im Kreise unserer hiesigen Glaubensgenossen erfolgte. Nachdem der Vorsitzende, Dr. S a m u e l y, die Anwesenden und unter diesen Herrn Prof. Dr. E h r m a n n, als Vertreter der Kultusgemeinde, und Kultnsvorstehrr Herm. Eltbogen, begrüßt hatte, betonte er unter Hinweis ans die immer mehr zunehmende Vernachlässigung der Erziehung der armen jüdischen Kinder, die Notwendigkeit, des Vereines und erklärte an der Hand der Statuten, in welcher Weise die Organisation desselben durchgeführt werden sollte. Für die erste Zeit sei die Errichtung eines Hortes in der^Brigittenau, u. zw. in den Räumen der Toynbee-Halle, mit einer beschränkteren Anzahl von Kindern, in Aussicht genommen, und falls der Verein die nötige Unterstützung fände, sollten sich dann an dasselbe Horte in den einzelnen Bezirken anschiießen Nach einer kurzen Diskussion, an welcher die Herren Pros Dr. E h r m a n n, Hermann Eltbogen, Inspektor Kanitz und Lederer teilnahmen, fand die Wahl des Vorstandes statt. Wir empfehlen den Verein der wärmsten Unterstützung unserer Glaubensgenossen und wünschen ihm das beste Gedeihen. Wien. Sonntag, den 8. Avril, ^11 Uhr vormittags, fand im Zeremoniensaale des Tempels, VIII., Neudeggergasse 12. unter Vorsitz der verdienstvollen Präsidentin, Frau Amalia Beck, die VIII. ordentliche Generalversammlung des „E r st e n israelitischen Rekonvaleszenten-Heimes für arme jüdischeFrauen undKinder" statt. Im Berichte, den der Vorstand über das Jahr 1905 erstattete, konnte er den Ankauf einer für das Heim bestimmten Realität. XIII.. Lainzerstraße 172, und hiemit einen wesentlichen Fortschritt des Vereines konstatieren. Die Versammlung nahm den Bericht mit Befriedigung zur Kenntnis und drückte dem Vorstande Dank und Anerkennung aus. Hierauf erfolgte die Neuwahl, respektive Wiederwahl des Vorstandes. Wien. Am 10. d. M. verschied hier im hohen Alter Frau Ludmilla Frank, Mutter des allseits hochgeachteten Herrn Max, Frank, in Firma Josef Jerusalem. Bei dem Leichenbegängnisse, das am 12. d. M. stattfand, zeigte sich große Teilnahme, und die Zeremonienhalle am Zentralsriedhofe war von zahlreichen Trauergästen erfüllt, die gekommen waren, um der Dahingeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen und den Hinterbliebenen ihre innigste Teilnahme zu befinden. Die Loge „Buai Brith" hatte sich in besonders großer Anzahl mit ihren Präsidenten Prof. Pollak und Ernst Simon eingesunden. Nach Absolvierung der üblichen Gesänge durch Oberkantor Bela Guttmann hielt Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann der Verblichenen einen ehrenvollen Nachruf. 'r/wi'n Wien Samstag, den 21. April 1906, 8 Uhr abends, findet in Guths Restauration, II., Stesaniestraße 14, eine Versammlung mit folgender Tagesordnung statt: „Das allgemeine Wahlrecht und die Kultusstub e." Referent: Max Markus. Einberufer: Dr. I. Margulies, I. Gewitsch. Wien. Sonntag, den 22. April 1906, 3 Uhr nachmittags, findet im Sitznngssaale der Synagoge, II., Leopoldsgasse Nr. 29, die ordentliche Generalversammlung des israel. Wohltätig keits- und Kranken-Unterstützungs-Vereines „Mazmiach Jeschua" statt. Tagesordnung : 1. Rechenschaftsbericht des Ausschusses. 2. Bericht der Rechnungs-Revisoren. 3. Beratung und Beschlußfassung wegen Sicherstellung der Haskora und Jahrzeit-Botiv-Tafel. 4. Wahl von sieben Ausschußmitgliedern und drei Rechnungs-Revisoren. 5. Eventnalien.

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