Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1906-04-20 · Heft 15 (20.4.1906) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 15 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063316-3063331--04206-3071027
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 15. Die Wahrheit. Leite 5. holen. Das wissen ja alle und am besten die, unter deren Schutze man die jüdischen Frauen vergewaltigt und in die jüdischen Köpfe eiserne Nägel eingeschlagen hat. Wir wollen nur von dem heutigen Tage und von dem, was uns der morgige vorbereitet, sprechen. In Petersburg, in der Druckerei des Stadthauptes, wird eine von der Zensur bewilligte Proklamation gedruckt, welche zum Erschlagen, Morden, Hängen der Juden aufsordert. Die Proklamation wird öffentlich im Magazin der „Nowoie Wremia" verkauft und in Tausenden Exemplaren nach der Provinz verschickt. In Odessa und in der Druckerei des Militär st a b es ein ebensolcher Aufruf „an d i e Soldaten" gedruckt. Die Juden werden darin als die Hauptschuldigen an unserer Niederlage im fernen Osten dargestellt und die inneren Unruhen ihnen allein zu Lasten gelegt. Dieser Aufruf endigt mit der Aufforderung, die feindliche jüdische „Neuerung" zu vernichten und „mutig gegen den Feind vorzugehen". In Jekaterinoslaw wird an die Christen eine ebenfalls in der Druckerei des Petersburger Stadthauptes gedruckte und ebenfalls von dev Zensur bewilligte Broschüre „Guter Rat den Juden" in Tausenden Exemplaren verteilt. ..Der gute Rat" besteht darin, daß die Juden sich sofort aus Rußland scheren sollen, da man sonst mit ihnen so, mie man mit ihren Vorfahren in Spanien im Mittelalter verfahren hat, verfahren wird. — Wir glauben, daß der Hinweis darauf, wo diese Schriftstücke gedruckt werden, vollständig genügt, um zu sehen, woher die Agitation kommt und wer die Pogroms vorbereitet. Es wird uns aus ganz zuverlässigen Quellen gemeldet, daß derartige Vorbereitungen in Alexandrowsk, Minsk, Brest-Litowsk, Rostow. Krementschug und vielen anderen Städten und Städtchen im Gange sind. Die hauptstädtischen Organe der „schwarzen Sotnie" tischen schon die üblichen falschen Gerüchte auf, so schreibt zum Beispiel das Erpresserblatt „Den" (Der Tag): „Hütet Eure Kinder, denn das jüdische Passahfest naht". — Die Juden wissen, wie das alles zu verstehen, und flüchten, ihr Hab und Gut hinterlassend; sie flüchten nach Amerika, nach Afrika, nach Australien, lassen alles im Stiche, um nur zu fliehen, um nur den zu erwartenden Greueln zu entgehen. Und diejenigen, die keine Mittel dazu haben, die müssen bleiben. Sie bleiben nun und warten. — Wir, der ,.Russische Schriftsteller-Verband", wir wenden uns an das ganze russische Volk: Wie lange noch werden offen und unverschämt die Vorbereitungen zu den Pogroms vor unserer aller Augen getrieben werden? Von allen Nationalitäten, die die russische Regierungsbehörde knechtet und unterdrückt, gibt es keine einzige, deren Geschichte mit so viel Blut und Unglück geschrieben ist, wie die jüdische. Unter allen von der russischen Regierung Bedrückten steht der russische Jude in seiner Rechtlosigkeit, in seiner bürgerlichen Schutzlosigkeit einzig da. Wir wissen, wie man die Armenier im Kaukasus geschlachtet hat; wir erinnern uns an das Morden der Schuljugend; wir kennen die Bestialität, mit welcher die Regierung die russische Intelligenz und die Freiheitskämpfer verfolgt; aber in der jüdischen Frage, in diesem blutigen Gespenst, welches stets über dem Haupte dieses Volkes schwebt, sammeln sich wie in einem Fokus die russische Willkür, die russische Rechtlosigkeit und die Schmach und Schande des russischen Lebens." Der Aufruf schließt mit folgenden flammenden Worten: „Die Juden sind russische Bürger. Der ..Pogrom" der Juden ist nicht blos unser .Pogrom", er ist auch noch unsere Schande. Der Kampf für die eingetretenen Rechte der Juden ist der Kampf unserer niedergetretenen Rechte, — ihre Befreiung ist gleichzeitig unsere Befreiung. — Die russ i s ch e Literatur — diejenige, die würdig dieses Namens ist, nicht die käufliche, nicht die haßerfüllte, — kannte und kennt nur einen Menschen und kümmerte sich weder um seine Nationalität, noch um seinen Glauben; sie fühlte und fühlt nur den allrussischen Schmerz und kämpfte und kämpft nur für das allgemeine Menschenrecht. Und jetzt, wenn schon in der Luft die unheilverkündenden Drohungen und die wilden Rufe zittern, jetzt, wenn ins Innere der jüdischen Wohnungen die blasse Angst hinein schleicht, jetzt, wo die düstere Provokation neue Ströme unschuldigen Blutes auf die ohnehin so sehr blutgetränkte russische Erde zu gießen sucht, — können wir russischen S ch riftsteller nicht gleichmütige Zuschauer bleiben. — Wir wenden uns an Euch, russische Bürger, im Namen der W a h r h e i t, im Namen der Ehr e, im Namen Eures Gewissens, im Namen Eurer W ü r d e. Ihr alle, die Ihr Rußland liebt, Ihre alle ehrlichen Leute! Verhindert die Judenhetzen, verteidigt die Juden, macht ein Ende den mittelalterlichen Greueln! In allen Versammlungen, auf den Straßen und Plätzen, in den Spalten der Blätter, überall erhebt Eure entrüstete und warnende Stimme! Nagelt an den Schandpfahl alle diejenigen an, die das schändliche Werk vorbereiten oder es unterstützen! Wirkt mit allen Mitteln, die Euch Eure Ehre und Euer Gewissen anraten! Es ist Eure Pflicht als Russen, es ist Eure Pflicht als Menschen!" Tempetverein für Wieden- Margarethen. In Angelegenheit des Tempelbanvereines für Wieden- Margarethen erhalten wir folgende Zuschrift: An die geehrte Redaktion der „Wahrheit", Wien. Durch einen schweren Krankheitsfall in meiner Familie voll in Anspruch genommen, ist mir der Bericht Ihres geschätzten Blattes (Nr. 13 vom 30. März 1906) über die Versammlung des Tempelvereines für Wieden-Margarethen erst heute vor Augen gekommen. In demselben findet sich die Mitteilung, daß der Obmann des genannten Tempelvereines, Herr Adolf Hoffmann, mir „seine Mißbilligung dafür aussprach, daß ich bei einer Beratung im Kultusvorstande meine ablehnende Haltung gegenüber dem Tempelbaue mit den Worten begleitete, daß arme Juden keine kostspieligen Tempel brauchen". Ich weiß nicht, was den Herrn Obmann veranlaßt hat, sich soweit von den Tatsachen zu entfernen. Faktisch aber ist es absolut unwahr, daß ich in irgend einem Stadium der Verhandlungen über den Tempelbau für Wieden-Margarethen eine ablehnende Haltung gegenüber diesem Tempelban eingenommen habe, und ebenso unwahr ist es, daß ich dies mit den Worten begründet habe: „Arme Juden brauchen keine kostspieligen Tempel". Wahr ist folgender Sachverhalt: Das Präsidium des Kultusvorstandes berief eine Sitzung des Vertreterkollegiums ein, zu der auch die Herren Funktionäre des Tempelvereines Wieden-Margarethen geladen waren und der auch ich zugezogen wurde, mit der Aufforderung, über das vorgelegte Projekt, diesen Tempel auf einer Parzelle Ecke Siebenbrunnengasse und Mittersteig zu erbauen, vom fachmännischen Gesichtspunkte zu referieren. Ich leitete mein Referat mit den Worten ein, daß Jeder, der die Verhältnisse des jetzigen Bethauses in der Margarethenstraße kenne, über die Notwendigkeit der Errichtung eines neuen Gotteshauses nicht einen Augenblick im Zweifel sein könne. Der vorgeschlagene Platz aber sei ungeeignet in baupolizeilicher und finanzieller Beziehung. In letzterer Hinsicht sei er viel zu teuer, denn der darauf auszuführende Bau würde zirka K 300.000 kosten. Wenn auch der Kultusvorstand die angesprochene Subvention von X 60.000 bewillige, blieben noch X 240.000 zu decken, eine Summe, die von der verhältnismäßig kleinen und mit wenigen Ausnahmen nur in bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen lebenden bürgerlichen jüdischen Bevölkerung der zwei in Rede stehenden Bezirke nur schwer aufzubringen sein wird. Durch solche, allzu kühn ausschweifende Projekte, würde die baldige Realisierbarkeit des dringend notwendigen neuen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.