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Die Wahrheit · 1906-04-20 · Heft 15 (20.4.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 15 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. ftr. 15. Die Wahrheit Allerdings mußte Herr Donat Zifferer erst aus dem Gemeindej rate austreten, um auch bei der Majorität lobende Anerkennung j zu finden. j 4- * j Wenn die Machthaber in der Wiener Rathausstube auch j manchmal süße Worte zu gebrauchen wissen, in ihren Taten i zeigen sie Juden gegenüber nach wie vor dieselbe über Recht! und Billigkeit sich hinwegsetzende Gesinnung. Das hat sich auch j bei den in den letzten Tagen erfolgten Lehrerernennungen bestätigt, wo die vielen provisorischen jüdischen Unterlehrer, die trotz jahrelanger Dienstzeit und ausgezeichneter Qualifikation in der Aera Lueger das Definitivum nicht erlangen können, wieder ausnahmslos übergangen wurden. Ein anderes Beispiel offenbarer Rechtsverletzung seitens der Wiener Gemeindeverwaltung bietet die Werderthorschule im ersten Bezirke. Bekanntlich hatte diese Schule bis vor zwei Jahren eine überwiegende Majorität jüdischer Schüler, und die Kommune wäre nach dem! Gesetze verpflichtet gewesen, sowohl für die Knabenals auch i für die Mädchenschule die vakanten Schulleiterstellen mit! jüdischen Oberlehrern zu besetzen. Aber durch künstliche Verj schiebung der Schulsprengel und Ausschulung jüdischer Schüler wurde die bisherige Majorität der jüdischen Kinder beseitigt, und | vor wenigen Tagen brachte die „Wiener Zeitung", trotzdem der im Gesetze vorgeschriebene fünfjährige Durchschnitt für eine katholische Majorität gewiß nicht erbracht werden kann, die Konkursausschreibung für einen katholischen Schulleiter. Der diesbezügliche, ungesetzliche Beschluß des Bezirksschulrates erfolgte unter Protest des jüdischen Vertreters in dieser Körperschaft und, wie wir vernehmen, hat auch der Vorstand der Wiener Knltusgemeinde bereits den Rekurs gegen diesen antisemitischen Gewaltakt ergriffen. In jüdischen Lehrerkreisen wird jedoch behauptet, daß nach dem Ableben des früheren jüdischen Oberlehrers an der Mädchenschule in der Werderthorgasse der Kultusvorstand nicht mit der nötigen Energie für die Ausschreibung dieser Stelle innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Frist von sechs Wochen eintrat. Damals hätte die Besetzung unbedingt mit einer jüdischen Lehrkraft erfolgen müssen. Von der Beendigung des Nationalitätenstreites in Mähren werden die Juden nichts profitieren, sie werden nach wie von Deutschen und Tschechen wegen ihrer politischen Haltung gleich heftige Anfeindung erfahren. Am Ostersonntag fand nämlich in Brünn unter dem Vorsitze des Präsidenten der Brünner israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Hieronymus Fialla, eine Versammlung von Vertretern der politischen Judengemeinden und der jüdischen Kultusgemeinden Mährens statt, um zur Frage der Eintragung in den nationalen Wahlkataster Stellung zu nehmen. Nach einem Referate des Sekretärs der Oesterreichischen israelitischen Union, Herrn Fleischer aus Wien, wurde beschlossen, den Glaubensgenossen in Mähren, wo sie eine nicht maßgebende Minorität bilden, insbesondere in den tschechischen Wahlbezirken, die Eintragung in den Wahlkataster freizustellen, in jenen Bezirken aber, in denen die Juden einen bedeutenden perzentuellen Satz der Wählerschaft darstellen, vor allem in den Bezirken Auspitz, Göding und Mährisch-Weißkirchen, die Eintragung in den deutschen Kataster zu empfehlen, um einen Einfluß auf die Wahl wirklich liberaler Kandidaten, welche Anhänger der vollen konfessionellen Gleichberechtigung sind, zu üben. * * * Während in Oesterreich einem jüdischen Offizier das Avancement in eine höhere Charge ohne Verleugnung seines Glaubens fast unmöglich gemacht und gar in Deutschland ein .^ude nicht einmal zum Reserverleutnant ernannt wird, werden aus Frankreich in den letzten Tagen Besetzungen mehrerer höherer Offiziersstellen mit Juden gemeldet. Der Chef-Inspektor I. Klasse Auscher ist zum Subdirektor der Zentraldirektion des technischen Marinedepartements, Oberst Francfort, Kommandeur des 39. Artillerieregiments zum Brigadegeneral ernannt und zum Kommando der Artilleriebrigade des 11. Artilleriekorps überwiesen worden. Der Hauptmann des Generalstabs des 11. Armeekorps Libmann ist zum Eskadronchef befördert und dem 28. Artillerieregiment zugeteilt worden, der Hauptmann des 5. Infanterieregiments Mayer zum Bataillonschef befördert und dem 81. Regiment überwiesen worden. Der Leutnant im 12. Artillerieregiment Pintns ist zum Hauptmann befördert und zum Adjutanten in demselben Regiment, Leutnant Aaron von 39. Artillerieregiment zum Hauptmann befördert und zum Direktor des Arnllerieparks dieses Regiments. Leutnant Mayer-Samuel vom 31. Infanterieregiment zum Ordonnanzoffizier des Kriegsministers ernannt worden. Ein liberales deutsches Blatt knüpft an diese Ernennungen und Beförderungen folgende Bemerkungen: Wie alle Welt und namentlich unsere Kriegsverwaltung weiß, sind die Franzosen aus wohlbekannten Gründen auf nichts so sehr bedacht, als auf die möglichst tüchtige Ausbildung ihres Heeres. Sie scheuen keine Opfer,' keine Mühe, um alles, was zur Armee und Marine gehört, auf das sorgfältigste anszusnchen. Kann man sich denken, daß sie so viele jüdische Offiziere zu hohen Stellungen befördern würden, Juden, die sich nicht einmal die Mühe geben, ihre unzweifelhaft den jüdischen Ursprung, ja die fortdauernde Zugehörigkeit zum Judentum bezeugenden Namen abznlegen, wenn sie' auch nur die entfernteste Besorgnis hätten, diese jüdischen Offiziere könnten „die Front verderben", könnten sich nicht in Respekt setzen, könnten nicht die Disziplin aufrecht erhalten? Dabei haben sie doch bereits eine vieljährige Erfahrung mit jüdischen Offizieren, während unsere Militärverwaltung und gar unsere Zivil-Antisemiten so gut wie keine Erfahrung haben, durch die guten Erfahrungen anderer Länder aber sich nicht belehren lassen. Das Offizierskorps bei uns, das durchaus keine jüdischen Kameraden haben will, stellt sich dadurch einmal ein testimonium paupertatis aus, sodann das Zeugnis, daß es ans bloßem Vorurteil sich nicht scheut, das Vaterland vielleicht vorzüglicher Kräfte zu berauben. Um diejenigen, die da behaupten — beiläufig ohne es bewiesen zu haben —, daß unsere Soldaten unter jüdischen Offizieren nicht dienen würden, stellen unserer Armeedisziplin und gleichzeitig der Vernunft unserer Truppen ein arges Armutszeugnis aus. GirrMrolest der rnsstschenSchriststeUer gegen die Judenverfolgungen. Die Beschwichtigungsversuche der Negierung, welche die Gerüchte über bevorstehende Judenverfolgungen einerseits als unbegründet hinzustellen beflissen ist, andererseits sich den Anschein gibt, ausreichende Vorbeügemaßregeln getroffen zu haben, können heute noch kaum irgend jemand in trügerische Sicherheit wiegen, noch die Mitschuld der Regierung, die sie zum mindesten durch fahrlässiges Dulden, wenn nicht gar durch verbrecherische Mitwirkung auf sich lädt, verschleiern. — In der richtigen, schrecklichen Beleuchtung erblickt man die Lage, wenn man von dem Aufruf .des ..Russischen Schriftsteller-Verbandes" Kenntnis nimmt. In dieser Kundgebung der russischen Intelligenz heißt es: „Ostern naht heran, und diese Tage der reinsten christlichen Liebe sind seit jeher der beliebteste Zeitpunkt für die Hervorrufung der I u d e n h e tz e n. Wir wiederholen : das ist keine leere Angst. Alle erinnern sich noch der Greuel in Kischinew, Odessa, Homel und in so vielen anderen Städten, bei denen der Anteil der Administration so klar zutage getreten ist. Die Namen Plehwe, Neidhardt, des Gendarmenoffiziers in Melitopol, der Gendarmen in Hertsch, des Grafen Vodgorrtschani- Petrowitsch sind auf immer mit der Organisation der Judenhetzen verbunden. Diese schmachvolle Verbindung ist unwiderleglich durch zahlreiche Prozesse, sogar durch die Untersuchungen der Administration selbst, bestätigt worden. Wir scheuen uns, das, was in den unzähligen Bartholomäus-Tagen und -Nächten, die die Agenten der Administration im Bunde mit dem Auswurf der Bevölkerung veranstaltet haben, zu wieder-

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