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Die Wahrheit · 1906-04-20 · Heft 15 (20.4.1906) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 15 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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SJiebaftiou u. Slbmuiifhatiou: Wien, II/, Novaragasse 27. Tt-levtzvil Nr. der Druckerei 153VL. Lnleraie rv Hell, vcr Nonpareille-Zeile. AboimemeittSu. Jnj-ilious. betrüge sind in Wie» zahlbar und klagbar. nabhängige Seikfchnfi für Mische Znterejsen^ Erscheint jeden Kreitng. Motio : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Kezugspnet»: j; «Äanzjährig ... st. i*.— jl Halbjährig . St. 6 — i Für CultilSbeniute:! •■»aiisifltjvia . . . » io- Für Ausland: lÄauj,ädrig . . . s Mark 6 Rubel oder 16 FcS. Ar. 15 Wien, 20. April IW«. Anhalt: Aus der Woche. — Ein Protest der russischen Schriftsteller gegen die Judenverfolgungen. — Tempelverein für Wieden und Margarethen. Gabriel Rießer. — Die Kriminalität der Juden in Deutschland. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Zurückgefunden. . Die geehrten Kerren Aöonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. April begonnene 2. Huartat ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Mattes keine Unterbrechung erleide. Ans der Woche. Am ersten Pessachtage, es waren gerade an diesem Tage 80 Jahre seit der Errichtung des Gotteshauses in der Seitenstettengasse verflossen, da nahm Herr Oberrabbiner Dr. Güdej mann Anlaß, auf das Jubiläum dieses ehrwürdigen Wahr- I Zeichens der Wiener Kultusgemeinde hinzuweisen und im An-! schluß an seine Festbetrachtung die Zeiten von Einst und Jetzt! zu vergleichen. Dabei lieh er seinem Bedauern darüber Ausdruck,! baß zur Zeit der Gründung der Wiener Kultusgemeinde! die Großen in Israel, bei jedem Anlasse ihr Judentum offen! bekundeten und an Festtagen dieses Gotteshaus füllten, während j heute die meisten dem Gottesdienste fernbleiben und auch sonst! dort nicht zu sehen sind, wo es gilt, für das Judentum ein-! zustehen. Allerdings mußte der ehrwürdige Redner an diesem j Tage gar Viele in der andächtigen Versammlung vermissen, sie! waren ja gerade beim Tanze um ein neues goldenes Kalb, auf dem Wege nach Paris, um der russischen Reaktion, die bereits Tausende und Abertausende jüdischer Glaubensbrüder grausam hingeschlachtet hat, das allmächtige Mittel zu neuen Greueltaten zu beschaffen. Und an der Spitze dieser finanziellen Operation steht ein Mann, der eine führende Rolle in der Wiener Kultus- : gemeinde einnimmt! Fürwahr, die einstigen Führer der Wiener Kultusgemeinde hätten derartige Operationen niemals mir ihrem Namen verknüpft, und darum ist es auch zu begreifen, daß, wie Herr Oberrabbiner Dr. Güdemänn erst kürzlich bei einem anderen Anlässe treffend aussührte, die klassische Periode der Wiener Gemeinde bereits überschritten ist. Was die Juden in Rußland von einer reichlich mit Geld versehenen russischen Regierung zu erwarten haben, das beweisen die neuerlichen schlimmen Nachrichten aus den jüdischen Ansässigkeitsgebieten: dunkle Kräfte wühlen in der Tiefe und die Anzeichen bevorstehender neuer Maffakres treten immer deutlicher hervor. Aber auch die Hoffnungen, die sie aus die konstitutionellen Demokraten setzten, erweisen sich nach den neuesten Meldungen aus Petersburg als eitel und nichtig. Um nämlich einen Erfolg bei den Wahlen zu erzielen, versprach die konstitutionell-demokratische Partei jedem, was er brauchte, so den Bauern Land, den Arbeitern denAchtstundentag, den Grenzmarken die Autonomie und den Juden die Gleichberechtigung. Gegenwärtig hat es sich herausgeftellt, daß die Bauern für die Partei des Bodens wegen stimmten, dabei aber beschlossen, mit ihr nur so lange zu gehen, als die I u d e n f r a g e nicht aufgeworfen werde, da sie in keine Vergünstigungen für die Juden zu willigen gesonnen sind. Daher beschloß die in Rede stehende Partei schon jetzt, die Judensrage in der Reichsduma nicht anzuregen. Wie die Petersburger Telegraphenagentur erfährt, werden die Juden von der konstitutionell-demokratischen Partei Rechens.ch a s t fordern und Repreffivmaßnahmen gegen sie ergreifen. So sieht die wahre russische Dankbarkeit aus, und solches Gelichter kapitalskräftig und übermütig zu machen, dazu leihen jüdische Finanzgrößen ihre Hilfe. O armes Judentum, was mußt du nicht alles von deinen „Großen" erleiden! $ * , -ir In emer der letzten Sitzungen des Wiener Gemeinderates vor den Osterfeiertagen wurde dem jüdischen Gemeinderate Donat Z i f f e r e r eine in dieser Körperschaft unter den jetzigen Verhältnissen seltene Ehrung zuteil. Herr Donat Zifferer gehörte dem Wiener Gemeinderate seit 11 Jahren an, und infolge seiner angegriffenen Gesundheit sah er sich genötigt, sein Mandat niederzulegen, von welchem Entschluß er schriftlich den Vizebürgermeister Dr. Neumayer (Dr. Lueger weilte damals zur Erholung an der Riviera) in Kenntnis setzte. Dieses Schreiben gelangte in öffentlicher Sitzung zur Verlesung, wozu der Vizebürgermeister wörtlich bemerkte: „Herr Donat Zifferer, der im Jahr 1895 vom ersten Wahlkörper in den Gemeinderat.gewählt wurde, nahm an den Arbeiten des Gemeinderates stets regen Anteil. Ein sehr gewandter, temperamentvoller Redner, nahm er durch sein jederzeit maßvolles Auftreten für sich ein, und wiederholt fand sich die Majorität bestimmt, den von ihm gegebenen wertvollen Anregungen Folge zu leisten. Der Gemeinderat sieht mit Bedauern Herrn Zifferer aus seiner Mitte scheiden und wird ihm ein freundliches Andenken bewahren." Solche anerkennende Worte, denen übrigens von keiner Seite widersprochen wurde, hat man schon lange im Wiener Rathaus über die öffentliche Tätigkeit eines Juden nicht gehört.

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