Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 14 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Msterr.-lilMr. mautorrn -3ritnng. Istdor Fömit Kantor und Chordirigent der türk. Gemeinde in Wien. Zu seinem 25 jährigen Dirigentenjubiläum am 7. April 1906. Selten ist es einem Manne in solch' verhältnismäßig jungen Jahren gegönnt, ein fünfundzwanzigjähriges Berufsjubiläum zu begehen und trotz seiner Jugend auf eine so beachtenswerte und vielfach anerkannte Tätigkeit zurückzublicken, wie dies bei Isidor Löwit in Erscheinung tritt, der am 10. April 1864 geboren, nunmehr schon ein Vierteljahrhundert beruflicher Wirksamkeit vollendet. Allerdings ist der heutige Jubilar von Kindesbeiden an in seinen Beruf hineingewachsen und schon als Knabe verriet er eine ausgesprochene gesangliche und musikalische Begabung, die auf seinen ganzen Lebensweg bestimmend einwirkte. Im Jahre 1870 trat Löwit in den Leopoldstädter Tempelchor ein, dem er durch 10 Jahre angehörte, und da er über eine selten schöne und kräftige Altstimme verfügte, galt er bald als einer der besten Solisten. Im Jahre 1873 war er Sängerknabe in der komischen Oper in Wien, lernte beim Chormeister Hossinger die Jntervallenlehre und war als neunjähriger Knabe ein vorzüglicher Blattleser. 1878 trat er ins Konservatorium als Violinspieler ein und studierte bei den Professoren Carl Hoffmann und Maxintsack Violine, bei Rauch Klavier, bei Adolf Proßnitz allgemeine Musiklehre, bei Robert Fuchs Harmonielehre und später bei Professor Schmidt Stimmbildung. Auf diese Weise gewann er eine tüchtige Grundlage für seine theoretische und praktische musikalische Ausbildung, und da er auch in der Pflege des Synagogengesanges den beiden großen Meistern Sulzer und Goldstein folgen konnte, so waren für seinen späteren Beruf als Synagogen-Chordirigent die möglichst günstigsten Vorbedingungen geschaffen. Als im Jahre 1880. durch die Berufung des Oberkantors Bauer von Graz nach Wien eine Reform des Gottesdienstes in der Wiener türkisch-israelitischen Gemeinde inauguriert wurde, war der damalige überaus kunstsinnige Vorsteher, Herr Marcus M. Russo, sich sofort darüber klar, daß auch ein auf der Höhe der Zeit stehender Chor geschaffen werden müsse, und hiefür wurde Isidor Löwit auserwählt. Mit jugendlicher Begeisterung, Energie und Sachverständnis ging dieser nun an seine schwierige Aufgabe, und die Lösung derselben war eine so glänzende, daß, als am Sabbat-Hagadol 1881 zum ersten Male der Chor beim Gottesdienste fungierte, auch die konservativeren Elemente in der Gemeinde sich mit der durchgeführten Reform vollkommen versöhnten. In welch ausgezeichneter Weise nun Isidor Löwit, der im Verlaufe der Zeit auch einen Teil des kantoralen Dienstes übernahm, durch 25 Jahre hindurch den Chor leitete, darüber herrscht in Fachkreisen ein einstimmiges Urteil, und wer je Gelegenheit hatte, bei einem gottesdienstlichen oder sonstigen feierlichen Anlasse, wo die chorale Wirkung in den Vordergrund geschoben wird, den türkischen Tempel zu besuchen, der wird dem trefflichen Dirigenten die Palme der Anerkennung nicht versagen. Auch als Komponist hat Isidor Löwit in dem für sephardischen Gottesdienst gemeinschaftlich mit Oberkantor Bauer herausgegebenen Werke „SchirHakawod" ein hohes Mast musikalischen Könnens gezeigt. Neben seiner vollgültigen beruflichen Tätigkeit hat Isidor Löwit jedoch niemals auch feine Pflichten als Kollege und Mensch außeracht gelassen und sich im österr.-ungarischen Kantoren- Verein sowie bei vielen anderen humanitären Institutionen als unermüdlicher strebsamer Mitarbeiter in den Dienst der Allgemeinheit gestellt. Daß es ihm gegönnt sei, auf all diesen Gebieten bis ins höchste Alter erfolgreich zu wirken, ist der Wunsch, den wir ihm zu seinem Jubeltage entbieten. Schir Zion. Gesänge für den israelitischen Gottesdienst von Salomon Sulzer Revidiert und herausgegeben von I o s e f S u l z e r. Besprochen von Oberkantor Josef Singer in Wien. (Fortsetzung.) Die zuverlässig st e Gewähr für die anerkennenswerten musikalischen Qualitäten, die der verehrte Herausgeber bei. Veröffentlichung des vorliegenden Werkes ins Treffen führte, bietet uns jedoch Inhalt und Formgestaltung derjenigen Original-- kompositionen, die er selbst dem Synagogengesange widmete- Richten wir unser Augenmerk gleich aus die erste Komposition Hisoreri Nr. 11, Seite 24 in E-Dur, so müssen wir dankbar anerkennen, daß hier - die vollbewußte Verwendung einer musikalischen Kunstbestrebung sowohl in Berücksichtigung des- Wortinhalies als der Festesstimmung zu Tage tritt, die wir von einem Künstler, dessen Wiege einst allerdings in einem Kantorhause stand, der jedoch seiner Musikwirksamkeit Jahrzehnte hin-- durch eine ganz andere Richtung verleihen mußte, gar nicht erwartet hätten. „Lisoreri" heißt zu deutsch „Juble!" und nun beachte man, wie es auch in diesem vierstimmigen Vokalsatze in allen Stimmen jubelt und jauchzt; der Aufstieg in halben' Tönen der Sopranstimme findet in der melodischen Nachahmung, der anderen Stimmen einen ergreifenden Widerhall, als ob nach überstandener Wintersnot die dankbare Lerche aus dem wogenden Felde sich zum blauen Himmel erhebe und ihre Jubellieder in. die Lüfte hinausschmetterte: „Erhebe dich, Menschheit, juble, juble! Kummi ori! uri, uri! etc.!" Nicht minder sachgemäß und logisch begründet fand der Trostesgedänke oder das Wort des Zuspruches und der Aufmunterung bei dem Textesinhalte Lo sewoschi welo sikolmi in der sanft vermittelten Modulation von E-Dur nach DesrDur musikalisch trefflichen Ausdruck. Der Wechsel der Szenerie vom aufwallenden Jubel zum besänftigenden Tröste '(Hisoreri und Lo sewoschi) böte dem mitten in der Sezession lebenden. Komponisten vielleicht erwünschte Gelegenheit, einen möglichst grellen und unvermittelten Harmoniewechsel freie Entfaltung zu gestatten; auf solch billige Effekte wird hier — wovon sich jeder überzeugen kann — verzichtet. Von der Voraussetzung ausgehend, daß, wenn auch im Leben oder selbst in der Natun grelle Erscheinungsabstufungen denkbar seien, im Verhältnisse des Menschen zu seinem Gotte, d. h. im Gebete, beziehungsweise in der Musikillustration des Gebetinhaltes, solch' drastische Uebergänge nicht gezeichnet werden dürfen, läßt die Komposition - den Halbruhepunkt auf uiZloh in E-Dur bedächtig nach Es-Moll hinübergleiten (lo sewoschi), um den quintlosen Nonenakkord A, 0, Ges, B bei den Worten lo sikkolmi gleichsam einzu-- schieben, der jedoch tatsächlich nichts anderes bewirken soll, alsdie später beabsichtigte Septakkordharmonie zu vermitteln, die sich..gesetzmäßig, wie vorausbestimmt, nach Des-Dur auslöst (umä tehemi). Wir belauschen gleichsam den mit zarter Hand zögernd suchenden und lastenden Vorgang des Komponisten bet der musikalischen Wiedergabe der Textesworte: ma tischtochachi uma tehemi? — .was zögerst und was zauderst du?" Bei dieser farbenprächtig harmonischen Darstellung erscheint es uns gleichsam wie ein Rätsel, mit welch' kärglich-musikalischen. Mitteln, wie gleichsam mit einer Handvoll von Akkorden — die sich zudem nur auf die nächsten Verwandtschaftsgrade be- . schränken — hier so außerordentlich vornehmer Haushalt geführt wird. Diesen harmonisch-musikalischen Qualitäten des verehrten Herausgebers stehen jedoch seine Melodischen Eignungen in noch bedeutungsvollerem Maße - gegenüber. Man betrachte jede einzelne Stimme des -vorliegenden Hisoreri und man dürfte alsbald--