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Die Wahrheit · 1906-04-06 · Heft 14 (6.4.1906) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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’Jtr. 14. Die Wahrheil :eite 11. die Ueberzeugung gewinnen, daß es eigentlich schwer zn.be-! stimmen sei, in welcher der vier Stimmgattungen eigentlich die! führende Stimme, der cantus firmus zu suchen sei; so singt und klingt ilnd drangt und besänftigt es in jeder der einzelnen Stimmen ohne Unterlaß, als ob jede derselben, losgelöst vom Gesetze der gemeinschaftlichen Harmonie, einen selbstgewählten Pfad zu wandeln berechtigt wäre und erst im ergreifenden Zusammeuklingen der strenggefügten Harmonien *) j gelangt man zur Ueberzeugung, daß hier wohl ein tüchtiges .Kunstgesetz das Szepter geführt. Von der zu Tage tretenden musikalischen Bedentsamkeit dieser Komposition kann sehr leicht auf die anderen selbständigen vierstimmigen Arbeiten des Herausgebers gefolgert werden. Wir vermeinen nun den Geist der in der vorliegenden Nenausgabe des „Schir Zion" enthaltenen polyphonen Arbeiten — wenn auch nur ans einzelnen Beispielen — dennoch genügend gezeichnet zu haben und gestatten uns nur, bevor wir .zur Klarlegung einer anderen Kompositiousgatlnug übergehen, unser Augenmerk noch ans eine überaus wichtige Gruppe dieser gleichfalls polyphonen Richtung zn lenken, u. zw. auf die im Werke knndgegebene Mitwirkung der Orgel und der Harfe beim Synagogengesange. Bezüglich der Mitwirkungsberechttgung der letzteren beim jüdischen Gottesdienste ist nicht viel zn erinnern, dieselbe ist ja in der Tatsache bestätigt, daß im Davidstempel bereits Harsentöne erklungen, und die jüdisch-kantorale Welt dürfte dem Herausgeber dafür dankbar sein, daß er manche Piece — für außergewöhnlich festliche Veranlassungen, wie Trauungen, Gebllrtstag des Landesfürsten rc. — auch mit einer Harfenbegleitnng versah. Was jedoch die Beziehung einer Orgel für jüdisch-gottesßienstliche Zwecke betrifft, gestatten wir uns hiebei auch unserer vor vielen Jahren bekundeten und noch heute unangetasteten Anschauung Ausdruck zu verleihen, daß der Orgel, diesem Musikalischen Wahrzeichen der christlichen Kirche — mit ihren langgedehnten Choraltöneu ’c. — schon aus technischenGründen beim hebräischen Gebetsworte mit seinen kurzen Silben (Sch'wa und Chataf) keine dominierende Berechtigung zuerkannt werden kann. Wir leben der festen Ueberzeugung, daß die Orgel niemals in der Synagoge eine Pflegestätte gefunden hätte, wenn Meister Lewandowsky durch seine unvergeßlichen, deutschtextlichen Psalmkompysitionen. deren integrierendes Wesen auch die Orgel bildete, derselben nicht den Geleitsbries erteilt hätte. Im Rahmen dieser Besprechung können wir leider keine weiteren pro- und oontra-Erklärungen ansühren, gestatten uns uur in aller Kürze die eine Bemerkung, daß die gewaltsame Einverleibung der Orgel in das Gefüge des jüdischen Gottesdienstes weder einer harmonischen noch einer religiös-ästhetischen Notwendigkeit entspricht und daß derOrgel klang bei den Tönen des Instrumentes, welches nach christlich-künstlerischem Empfinden die Königin aller Instrumente genannt wird, - weil dessen Erklingen tatsächlich das Herz des frommen Christen -gläubig bewegt und erschüttert, auf das jüdische Herz und Gemüt in dem Hinblicke auf die Tatsache, daß unsere Ahnen einstens unter Glockenklang **) und Orgelgebrause zur Taufe oder gar .zum Scheiterhaufen geschleppt wurden, geradezu einen gegenteiligen Einfluß üben müsse. — Der Einverleibung des Orgelspieles in das Gewebe des jüdischen Gottesdienstes steht daher auch die historisch-moralische Begründung feindlich gegenüber und kann ausschließlich nur einem bedauerlichen Nachahmungstriebe für äußere Pompentfaltung aufs Kerbholz geschrieben werden. Wer von uns würde es in Abrede stellen, baß das Anhören eines der bekannten Totenmärsche eine ergreifende Wirkung ausübe? — Doch welchem Juden käme es *) Einzelne, etwas hart klingende Parallelfortschreitungen, wenn auch von einer kleinen Quinte zur großen, wären leicht zu vermeiden gewesen. **) In Deutschland soll es eine Gemeinde geben, die durch Glockengeläute die gläubige jüdische Gemeinde zum Gebete aufsordert. in den Sinn, einen solchen b^i einem jüdischen Leichenbegängnisse ertönen zu lassen? — Und wenn er erklänge, so übte er dieselbe Wirkung wie — man verzeihe uns den obskuren Vergleich — wenn bei einer Chewra-Sude christliche — wenn auch ausgezeichnete Musiker — die Festesmusik besorgten. — Eines schickt sich nicht für Alle. So verhält es sich auch mit dem Orgelspiele in der Synagoge. Und trotzdem erscheint, namentlich in Demschland, die Eiuführnng der Orgel beim jüdischen Gottesdienste als ein überwundener Standpunkt und wir haben nur zu konstatieren, inwiefern auch bei der Neugestaltung des „Schir Zion" dieser Standpunkt Berücksichtigung fand. Jawohl! Der Herausgeber des neuen „Schir Zion" konnte leider um so weniger dem verführerischen Andrüngen dieser fremden Ideale und Formen widerstehen, da ja schon im „Schir Zion" H die Orgelbegleitung Eingang gefunden, und vergebens forschen wir nach den Argumenten, die den Heimgegangenen Meister veranlaßt haben konnten, diesem Geschehnisse dadurch den Geleitsbrief zu erteilen, daß er beispielsweise einem Di no oder Weseorew oder gar Birchas kolianim mit einer Orgelunterlage versah. Für das letztere wäre vielleicht ein Erklärungsgrund in der Absicht zn finden, daß der dissonierende Gesang der nicht geschulten Kohanim durch die Orgeltöne gedeckt werde, doch welcher gläubige Jude könnte an einen CI no*) mit Orgelbegleitung denken? Diese offene Erklärung darf keineswegs als Attentat auf die Ideale des Heimgegangenen Meisters erachtet werden, sondern im Gegenteil in der Tatsache einen Entschuldigungsgrund finden, daß wir — bei unserer oft bekundenen Verehrung für denselben, angesichts dieser Nachgiebigkeit Meister Sulzers vor einem unlösbaren Rätsel stehen. Was soll mit diesen drei Orgelpräludien für Pesfach, Schewuoth und Sukkoth in unseren modernen Synagogen begonnen werden, an welcher Stelle sollen dieselben gespielt werden? Oder sollen sie etwa ausschließlich ein Hinweis des Meisters sein, wie solche fremde Quellen dienstbar gemacht werden, um sein eigenes Volk zu bereichern? Wie gesagt, wir stehen vor einem offenen Rätsel und diese drei Orgelprüludien starren uns gleich drei gewaltigen Fragezeichen an. — Bei der sattsam bekannten Reinheit des Nationalgefühles und Keuschheit der musikalischen Gesinnung Meister Sulzers müssen wir an der Ansicht festhalten, daß der Heimgegangene Meister der dazumal herrschenden Orgelepidemie gegenüber nicht ganz teilnahmslos bleiben wollte und sich schweren Herzens dieses Zugeständnis abringen ließ. Und der geehrte Herausgeber der neuen Edition des „Schir Zion"? Wollte oder konnte er dieses ihm überlieferte heilige Erbe nicht antaften? Ein bedeutungvollesGeschehnis, auf welches wir bei Durchsicht des neuen ..Schir Zion" aufmerksam werden, belehrt uns zu wahrer Freude des Besseren, daß in der Ueberzeugung des geehrten Herausgebers eine geheime Ahnung erwacht sein müsse, welche ihn unserem Standpunkte bezüglich der Orgel in der Synagoge sehr nahe rückt. (Schluß folgt.) *) Dieses Gebet ist ja aus dem modernen jüdischen Gottesdienste eliminiert uud findet ausschließlich nur bei den Juden orthodoxer Richtung Anwendung. Duö^aiionen des ij|eu\-iing. Jtuntoren-lemiie: Infolge Ablebens des Vereinsmitgliedes M. Sch l esinger- Wien werden die P. T. Mitglieder laut Vorstandsbeschluß vom 2. April d. I. ersucht, den tm § 14 der Statuten festgesetzten Pflichtbeitrag von K 2 umgehend an den Vereinssekretär Dr. M. Löwy, I., Wipplingerftraße 19, zu senden. Gleichzeitig wird um prompte Einsendung der laufenden Mitgliedsbeiträge ersucht. Der Vereinsvorstand.

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