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Die Wahrheit · 1906-04-06 · Heft 14 (6.4.1906) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Leite 8. Die Wahrheit Nr. 14. nach kaum halbjährigem Bemühen mit seinen jugendlichen Sängen: überraschende Resultate zu erzielen; die a capella zu Gehör gebrachten Choräle von Mendelsohn, Haendel, Meyerbeer u. s. w. erhielten verdienten Applaus und erwies sich der Saal des Hotels zum „König von Ungarn" nur etwas zu klein für die kräftig schönen Stimmen. Herr I. Schwarz, der die Begleitung besorgte und einige Solostücke spielte, erwies sich als guter Pianist. Alles in allem war es ein genußreicher Musik-Abend. Herr Rabbiner Dr. Funk dankte am Schluffe des schönen Konzertabends allen Mitwirkenden namens des sehr befriedigten Auditoriums. Szeuiex. In der Nacht vom 27. März verschied hier Frau Bernath Grünfeld im Alter von 52 Jahren. Eine brave, fromme Frau ist mit ihr nach längerem, schweren Leiden aus dem Leben geschieden. Die Verblichene, eine hochachtbare, wohltätige Frau, erfreute sich der allgemeinen Verehrung und Hochschätzung, und die gesamte Bevölkerung der Stadt beeilte sich, ihr die letzte Ehre zu erweisen. Bezirksrabbiner Marmorstein hielt der Verstorbenen einen überaus ehrenden, ergreifenden Nachruf. Szenicz Unser Landsmann, Herr Samuel W o o ln e r aus Peoria, hat auch diesmal, wie alljährlich am 11. März, an seinem Geburtstage die hiesigen Armen und Bedürftigen bedacht. Dieser Tage gelangte seine edle Spende an unseren Herrn Rabbiner Marmorstein, welcher dieselbe den Intentionen des Spenders gemäß verteilte, um die Not und das Elend der hiesigen Armen zu lindern. Mit dankerfüllten Herzen beten die Beteiligten zum himmlischen Vater für das Glück und Wohlergehen dieser hochherzigen Familie Wo o l n e r, die sich in Liebe und Treue der Bewohner ihres Geburtsortes stets erinnern. Gott erhalte sie zum Ruhme und Stolze ilifferer Gemeinde, zum Heile Und Wohle der Menschheit. Dies wünschen wir aus der tiefsten Tiefe unseres Herzens. Czernowitz. Der weltberühmte Chasan Riffe Beizer ist im Alter von 86 Jahren in Sadagora gestorben Das Leichenbegängnis fand unter zahlreicher Teilnahme Montag, den 26. März statt. Berlin, 4. April. Die Petersburger Telegraphenagentur hatte sich aus Berlin melden lassen, daß 7000 Flüchtlinge von hier ausgewiesen worden seien. Dieser Meldung hat die „Bossische Zeitung" mit der Erklärung widersprochen, es seien im ganzen wöchentlich etwa 50 bis 60 Rnffen ausgewiesen worden. Der Polizeipräsident selbst bestätigt das in einem Interview mit einem Vertreter des „Lokal-Anzeiger". Er erklärte, dich sich zur Zeit in Berlin 7000 unbemittelte oder wenig bemittelte und beschäftigungslose Russen aufhalten, von denen etwa 6500 Juden sind. Es liegt die Befürchtung nahe, daß diese Ausländer wegen ihrer Mittellosigkeit über kurz oder lang dem städtischen Armenwesen zur Last fallen werden. Ferner ist eine Anzahl von ihnen bereits durch ihr Verhalten lästig geworden. Unter diesen Umständen sei es Wicht der Polizei, dahin zu wirken, daß solche unangenehme Elemente unter den Ausländern das deutsche Reichsgebiet bald wieder verlaffen. Um aber hiebei jede unnötige Harte zu vermeiden, hat sich das Polizeipräsidium kürzlich an das hiesige jüdische Hilfskomitee, mit dem es im besten Einvernehmen steht, gewendet. Eine allgemeine polizeiliche Aufforderung an die 7000 russischen Flüchtlinge, Deutschland zu verlassen, ist nicht erfolgt. Die Angelegenheit wird in den nächsten Tagen in einer Konferenz, die unter Zuziehung des jüdischen Hilfskomitees im Polizeipräsidium stattfinden wird, beraten werden. Kopenhagen. Am 1. April begieng Herr Oberkantor A. Simon sein 25 jähriges Amtsjubiläum in der hiesigen Gemeinde, aus welchem Anlaffe ihm zahlreiche Ovationen zuteil wurden. London. Vorige Woche verschied hier der allgemein hochgeachtete Oberkantorder Poets' Road-Synagoge (nördlicher Stadtteil) Rev. Lesse r im Alter von 73 Jahren. Derselbe war besonders beliebt, weil er die altherkömmlichen Melodien ohne Beimischung künstlicher Verzierungen beibehielt und sehr eifrig in philantropischer Beziehung wirkte. Er verband mit seinem edlen Charakter alle guten Eigenschaften eines pflichttreuen Beamten. Neueste Erscheinungen: Awaudas Scheliach Zibbur. Neuestes vollständiges Handbuch zum Gebrauche für Kantoren, enthaltend die wichtigsten Gebete und Gebräuche anläßlich der verschiedenen regiösen Funktionen in- und außerhalb der Synagoge, nebst musikalischen Beiträgen von Oberkantor Josef Singer, Wien. Verlag Jos. Schlesinger, Wien und Budapest. Zum 80. Gedenktage der Einweihung des Wiener Stadt- Tempels. Am 9. April l. I. werden 80 Jahre verflossen sein, seit das älteste Wiener Bethaus — der Stadt-Tempel — eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben wurde. Zur Erinnerung an diesen Tag erscheint zu Beginn des nächsten Monats im Verlage der k. u. k. Hofbuchhandlung Wilhelm Braumüller in Wien, eine von Herrn Sigmund Husserl, Archivbeamter der Wiener Israel. Kultusgemeinde, nach archivalischen Quellen verfaßte Entstehungsgeschichte dieses Baues. Aus aktuellen Gründen machen wir unsere Leser auf die bevorstehende, intereffante Publikation aufmerksam, die in der Einleitung einen Beitrag zu den sozialen und politischen Verhältnissen, unter welchen die Wiener Judenschaft in der geschilderten Periode lebte, enthalten wird. Eine ausführliche Besprechung behalten wir uns selbstverständlich vor. Psychologische Stadien in Briefen aus der Hölle von Baccalaureus Bernardus Piscator. Preis 2 Mark, 1906, Leipzig. Teutonia- Berlag. , Die moderne Pretzgesetzgebuag, insbesondere der österr. Preßreformentwurf. Eine geschichtlich rechtsvergleichende Studie von Dr. Wladimir Pappafava, Advokat in Zara. Aus dem Italienischen übersetzt und ergänzt von A. Simon. Zara, Verlag der Internationalen Buchhandlung H. v. Schönfeld. Leipzig, K. F. Koehler, Buchhandlung. FeniUeton. Zurückgefunden. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Ziska, oder eigentlich sein Standbild, war eines schönen Sommertages im Jahre 1879 von seinem Piedestal . herabgestürzt, nachdem durch eine Neigung nach vorn das Gleichgewicht der Statue zerstört wurde. Es war dies ein bisher unerhörter Vorfall, daß ein erzenes Standbild, ein wahrhaftes Kunstwerk, vier Jahre nach seinem Entstehen vernichtet wurde. Man ging daran, statt des ehernen ein steinernes Monument zu errichten, und nahm sich vor, dasselbe ohne Sang und Klang, ohne Festgäste und Festreden, einzuweihen. Das alte, zerbrochene Monument aber fand ein rühmloses Ende in einem Winkel des^ altertümlichen Rathauses, wo es noch heute zu scheu ist. Dr. Dansky weilte eben in Prag, wo er in einem gelehrten, nationalen Vereine einen Vortrag über Linguistik haltensollte. In einer Gesellschaft, mit der er einen Abend verbracht, hatte er von diesem Vorfälle gehört, und sich der fast scherzend ausgesprochenen Beschwörungsformel erinnert, mit welcher damals Hedwig ihr Eintreffen beim Rendezvous zusagte. Wirklich, so fest wie das Standbild des Hussiteuführers war auch die Zusage Hedwigs gewesen. Wie die Vorhersagung eines gottgesegneten Propheten war es eingetroffen. Alle Erinnerungen von damals bestürmten seine Seele. Er hatte Mühe, die Schatten, welche seit damals sein Leben verdüsterten, von sich zu bannen, damit er die übernommene Aufgabe zur Zufriedenheit der Einberufer der Versammlung und zu seinem eigenen Ruhme lösen könne. Längst vor Eintritt der festgesetzten Stunde war der große- Sofieninselsaal von einem distinguierten Publikum dicht besetzt. Es konnte buchstäblich kein Apfel zur Erde fallen. Zuletzt, ganz zuletzt erschien noch ein junges Mädchen im Saale, welches eine vom Komitee ansgestellte Eintrittskarte vorwies, daher trotz der Ueberfüllung noch eingelassen werden mußte. Gleichzeitig, während dieses Mädchen am untersten Ende des Saales, an einen Pfeiler gelehnt, Platz nahm, bestieg der intereffante Fremde, so wurde er allgemein von den Damen genannt, das Podium. Bei den ersten Worten, die er mit tiefer, vollklingender Stimme sprach, durchlief ein Beben den zarten Körper des jungen Mädchens. Sie konnte die Züge des Redners nicht erkennen, ihr Standpunkt war der denkbar ungünstigste, zudem war die Dame etwas kurzsichtig und die Entfernung für ein normales Auge viel zu groß, aber eine innere Stimme sagte ihr: „Er ist es, er ist es, ich habe mich nicht getäuscht. So spricht nur Einer, und das ist er." Hedwig, sie war es, schloß die Augen, um so unbeirrt durch äußere Einflüsse den Wohlklang dieser Stimme auf sich einwirken zu lassen. Nun war er fertig. Dröhnender Beifall lohnte den Redner für seine geistvollen Ausführungen. Hedwig hatte schon die Hoffnung aufgegeben gehabt, dem jungen Manne, für den sie ein so großes Interesse hatte, im Leben jemals wieder zu begegnen, so gerne sie auch Gelegenheit gehabt hätte, sich ihres Wortbruches wegen zu rechtfertigen. Jetzt, wo sie in einem Saale mit ihm weilte und ein anderer Redner seinen Speech hielt, sann sie darüber nach, wie sie sich ihm nähern könnte, da sie so entfernt von ihm saß, und er sie nicht sehen konnte. Endlich faßte sie einen Entschluß. Sie zog ihre Karte hervor, und an den Pfeiler, neben dem sie stand, gelehnt, schrieb sie einige Worte darauf, die sie dem Vereinsdiener gegen ein gutes Trinkgeld zur Besorgung übergab. Dieser schmunzelte ganz bedeutungsvoll, als er Geld und Billet in Empfang nahm, drängte sich durch die dichtgestaute Menge bishinauf zu dem gefeierten Gaste. „Von einer Dame an mich?" fragte Dansky ganz erstaunt. „Welche Dame kennt mich denn hier genauer?" „Das Fräulein sagte, daß sie Ihre Bekanntschaft in Tabor gemacht."

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