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Die Wahrheit · 1906-04-06 · Heft 14 (6.4.1906) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 14. Die Wahrheit. :eite 5. schelmisch, weniger überladene Toilette, dafür prächtige, mit Smaragden geschmückte Ringe, die sie gerne zeigt) : „Aufrichtig gesagt, liebe Freundin, interessiert mich dieser Herr Spinoza wenig. Diamantenschleifer, sagen Sie, sei er gewesen? Ein trauriges Brot. Für die Gesundheit ist diese Arbeit wenig zuträglich. Doch, was soll man tun? Es muß doch auch Diamantenschleifer geben. Woher würden wir sonst unseren Schmuck nehmen?" (Sie kokettiert lächelnd mit ihren mit Ringen geschmückten, etwas feisten Fingern und blickt malitiös aus ihre Nachbarin.) „Ein Jude war der Herr Spinoza gewiß, denn sonst würde ja hier über ihn keine Vorlesung gehalten werden. Ich hätte wirklich im Meyer über ihn Nachlesen können. Dort findet sich alles, selbst ein Artikel über diesen Herrn Spinoza wird dort enthalten sein, wie ich nicht zweifle. Denn so wichtig, wie der Schauspieler I) wird wohl auch Herr Spinoza sein. Jüngst las ich zufällig einen Artikel über A im Meyer; denken Sie nur, wertgeschützte Freundin, der Mann ist sechzig Jahre alt und gibt noch Liebhaberrollen. In einer solchen sah ich ihn im Theater der Residenz. Er schmachtet und girrt und ist im Jahre 1846 geboren, also volle sechzig Jahre alt, wie uns sehr indiskret im Meyer verraten wird." Die Dame mit dem violetten Hute (etwas schüchtern, flüsternd): „Entschuldigen Sie, werte Freundin, aber wer ist der Meyer?" Die Dame mit dem grell roten Hute (auslachend): „Den Meyer kennen Sie nicht? Den Helfer in der Not, wie ihn mein Schlingel, der Quartaner, zu nennen pflegt. Das ist« doch der Verfasser des Konversationslexikons. Wirklich schöner Einband. Die Bücher nehmen sich aus der Etagsre sehrschmuck aus. Ich sage Ihnen, in diesen Bänden findet sich alles. Meine Minna, die höhere Tochter sagt: Literaluraufsätze, die sie in der Schule zum Ausarbeiten erhalten, lassen sich mit Hilfe des Meyer am besten verfertigen. Wer den Meyer besitzt, der kann jetzt über alles reden: Literatur, Philosophie, Kunst, Geschichte u. s. w. Man macht es in der Tat heute den Leuten leicht,' gebildet' zu sein. Ich rate Ihnen,' liebe Freundin; schaffen Sie sich den Meyer an, Bücher muß doch heute jeder anständige Mensch besitzen. Und wenn sie schön eingebunden sind und auch sonst nützlich, dann scheue man nicht die kleine Ausgabe." Die Dame mit dem violetten Hute: „Solche Konversationslexikons finb wirklich eine gute Einrichtung. Ich muß mit meinem Manne darüber sprechen, der Meyer muß ins Haus kommen. Man hätte sich über den Spinoza gewiß unterrichten können. Wir wären ihm nicht ganz fremd entgegengetreten. Ein Dichter, der ein Diämantensch leiser geworden ist,, 'ein spanischer Jude, der in Amsterdam gelebt hat, ist ein interessanter Mensch. Ob er wohl verheiratet war und Familie hatte? Die Juden scheinen sich übrigens nicht sehr schön gegen ihn benommen zu haben. Ich habe so was läuten gehört, mein Sohn, der Oktavaner, hat es heute nebenbei erwähnt. Ja, da erinnere ich mich, er sagte auch etwas von einem Theaterstücke, in dem der Spinoza spielt, aber ich bitte Sie, verehrte Freundin, wer merkt sich alle diese Namen, die so fremdartig klingen?" D i e D a m e m i t dem g r e l l r o t e n Hute (hat mit halbem Ohr zugehört, da sie in tiefsinnige Betrachtung einer neuen Blouse versunken ist, in der Frau N. heute zum erstenmale sich zeigt): „Wie meinen Sie. verehrte Freundin, in welchem Theaterstücke der Schauspieler Th. aufgetreten ist? Die D a m e m it d em vi o l ett en H u te: „Nein, ich meine Spinoza" Die Dame mit dem grellroten Hute: „War denn der Mann auch Schauspieler"? . Die Verwirrung hat den Höhepunkt erreicht. Ich möchte gerne den Damen mit meiner Weisheit dienen und sie auf den Namen „Uriel Äcosta" bringen, aber inzwischen ist das Gesurre und Gesumme verstummt, die Gestalt des Redners ist auf dem Podium aufgetaucht. Er verbeugt sich. Allgemeines, freundliches Zunicken, namentlich von Seite der schöneren, aber nicht ganz schwächeren Hälfte der Zuhörerschaft. Der Vortragende hat ein dickes Manuskript aufgeschlagen und beginnt über Spinoza zu lesen. Wir hören nicht viel Neues. Es läßt sich allerdings über ihn wenig Neues sagen. Aber die Damen mit dem violetten und grellroten Hute werden doch erfahren, > daß er kein Dichter gewesen und doch etwas mehr als bloß ein Diamamenschleifer. Auch die Meinung, die sich bei ihnen gebildet zu haben scheint, als wäre er ein Schauspieler gewesen, wird gründlich zerstreut werden. Wir hoffen auch, daß diese Vorlesung sie der Mühe überhebeu werde, im Meyer über Spinoza nachzuschlagen. Womit übrigens nicht geleugnet werden soll, daß der Meyer ein ganz nützliches Buch ist und sogar Vorlesungen überflüssig macht. __ Was berrveckl dir Jüdische Toynbee- Halle? Diese Frage wird in dem soeben erschienenen Jahresberichte der Wiener jüdischen Toynbeehalle mit folgenden, den weiteste:: Kreisen zur Beherzigung empfohlenen Ausführungen beantwortet: Wie in jeder Großstadt leben auch in Wien tausende von Menschen, welche, von früh bis spät hart arbeitend, doch nicht imstande sind, mehr zu erwerben, als gerade zur Fristung der nackten Existenz hinreicht. Und doch wohnt in einem großen Bruchteil dieser Masse der brennende Wunsch, ihr ohnehin meist nur geringes Wissen zu vermehren, ihren Begriffskreis zu erweitern. Aber diese Aermften sind ausgeschaltet von den höchsten Gütern der Menschheit, sie können auch nicht durch den engsten Spalt einen Blick tun aus ihrem Dunkel in die sonnige Welt der Künste und Wissenschaften, wenn sich ihnen nicht hilfreiche Hände entgegenstrecken. Es war also ein sehr verdienstvolles Tun Prof. Dr. Leon Kellners und seiner Freunde, als sie vor fünf Jahren daran gingen, nach englischem Vorbild und unter Adoptierung des Namens Arnold Toynbee's, welcher als erster in England solche Bildungs-Freitische errichtete, eine jüdische Toynbee-Halle in Wien zu gründen. Was eine Toynbee-Halle bedeutet und anstrebt, was namentlich eine im jüdischen Geiste geleitete Toynbee-Halle, oder besser noch, was mehrere solcher Toynbee-Hallen im antisemitischen Wien bedeuten und leisten können, braucht man wohl des weitern nicht auszuführen; diese segensreiche Institution hat sich so sehr in das Bewußtsein der Wiener jüdischen Bevölkerung eingelcbt, daß jedermann weiß, worum es sich handelt, wenn man von der Toynbee-Halle spricht. Ueber ihre derzeitige Einrichtung und ihre Veranstaltungen feien nur noch einige Details hier angeführt. Die Toynbee-Halle in der Brigittenau, Othmargasse 46, besteht aus einem Parterre-Saal mit einem Fassungsraum für etwa 250 bis 300 Personen, welcher mit seltenen Ausnahmen auch allabendlich voll in Anspruch genommen wird, einer Küche und einem kleinen Nebengelasse für die Dozenten und Gäste. Im Saale steht ein Podium mit einem Klavier uud einem Tische für den Vortragenden. Abends um 7 Uhr wird die im Winter behaglich erwärmte und beleuchtete Halle geöffnet und es wird im Winterhalbjahr, d. i. vom November bis März, vor allem ein für eine Stunde berechneter populär wissenschaftlicher Vortrag gehalten aus Gebieten der Geschichte, Naturwissenschaften, der Hygiene, Medizin, Jurisprudenz, Philofophie, Literatur rc. Wir hatten mährend des letzten Winterhalbjahres 1904/5 130 solcher Vortragsabende. Die Vorträge werden selbstredend nicht honoriert. Die gespannte Aufmerksamkeit des Auditoriums, dessen gelegentliche Fragen und Einwürfe, die rege Beteiligung an eingeleiteten Diskussionen u. s. w. zeigen, wie innig der Kontakt zwischen den Vortragenden und ihrer Hörerschaft ist. wie sich das Ohr der letzteren innerhalb der fünf Jahre des Bestehens des Institutes an die Sprache der Gebildeten gewöhnt hat und welchem Verständnisse und Interesse die Themen begegnen. Gegen 8 Uhr tritt eine Pause ein, welche der ungezwungenen Unterhaltung des Auditoriums gewidmet ist und während welcher opferwillige Frauen und Mädchen, von denen viele sich zum Dienste nach eigener mühevoller Tagesarbeit einstellen, den Besuchern Tee mit Cakes offerieren. Für die Mehrzahl natürlich nur als Erquickung und Anregung gedacht, ist leider das Gebotene für eine bedauerswerte Minorität eine sehr willkommene Mahlzeit.

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