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Die Wahrheit · 1906-04-06 · Heft 14 (6.4.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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-Lene 4. Die Wahrheit Nr. 14. der Bevölkerung, der in jeder Laufbahn tausende von Vorurteilen zu bekämpfen hat, der so schwach ist, daß man ihm aus frivolen Gründen die Allen gebührende Gerechtigkeit so leicht versagen kann, sollte mit einem Male - für Millionen so gefahrvoll zu werden drohen! Wer diese Meinung hört, müßte mindestens glauben, im Staatsdienste stelle sich jeder selbst an und es gehöre zu einer Karriere der Art nichts, als der Wille. Doch wir kennen jene Sprache nur zu gut, wir haben diese Redensarten zu oft in verschiedenartigsten Anwendungen hören müssen, um ihren Sinn zu verkennen". Wir würden den Rahmen dieses Artikels weit überschreiten müssen, wollten wir alle Aussprüche Rießers zitieren, die gegen jedes Vorurteil, gegen jede Lüge, gegen jeden ungerechten Haß der Emanzipatwnsgegner gerichtet waren. Es genüge hier zu erwähnen, daß tiach unermüdlichem Kampfe Rießer die freudige Genngtuung zuteil ward, daß der § 18 der deutschen Grundrechte, der den Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte als unabhängig vom religiösen Bekenntnis erklärt und somit die völlige Gleichstellung proklamiert, in der deutschen Nationalversammlung zum Beschluß erhoben wurde. So hatte die liberale Gagernsche Partei, die jederzeit Rießers sittlichem Ernste, seiner Begeisterung für Freiheit, Recht und Wahrheit Anerkennung zollte, den Sieg über die planmäßigen Verleumdungen der Emanzipalionsgegner errungen. Zum Schlüsse sei es uns gestattet, folgenden Brief Adolf Crsmieux zur Charakteristik Rießners hinzuznfügen*): „Bei jenem schönen und glänzenden Empfang, womit die Frankfurter Israeliten mich ehrten und an den ich bis an mein Lebensende denken werde, hat mir die Vergesellschaftung meines Namens mit dem Rießers am meisten geschmeichelt. Schon bei dem Feste, welches zu Ehren dieses beredten Verteidigers der jüdischen Sache veranstaltet wurde, ertönte der Name Ersmieux neben dem seinigen und unsere beiden Namen wurden genannt und vermengt bei dem Mahle, das mir gegeben ward. Ein Bündnis, das unter so schönen Vorbedeutungen geschlossen ist, bleibt unlöslich. Es erweckt das in mir ein erhebendes Gefühl; und wenn die hohe Ehre mir einerseits größere Pflichten auferlegt, so flößt sie mir anderseits berechtigten Stolz ein." Ja, Gabriel Rießer war ein Jude, im wahren Sinne des Wortes. In seinem Herzen lag der feste und sichere Knoten, indem alle Fäden sich vereinigten, die ihn mit den Herzen seiner Mitbürger innig verknüpften. Er war Jude, Staatsbürger und Mensch. Bisenz. Rabbiner Dr. Josef Hoff. Norlesurrg. (Ein Momentbild.) In die Pomeisler Gemeinde war wieder Aufregung gekommen. Die Pomeisler sind sonst nicht leicht aus ihrer Ruhe aufzustören. Die Männer gehen hier ihrem mehr oder weniger reichlichen Erwerbe nach und haben es gerne, nach des Tages Mühen sich durch ein Spielchen zu zerstreuen. Die Frauen lieben einen mehr oder weniger unschuldigen Klatsch über Toiletten-, Köchinnen- oder Theaterfragen, manchmal auch über die Tugenden oder Untugenden des Nächsten oder der Nächsten, lieber die Untugenden zu plaudern, ist bekanntlich pikanter, und öie Pomeislerinnen lieben die Pikanterien. Wodurch also wurden die Pomeisler männlichen und weiblichen Geschlechtes aufgeregt und, wie ich gleich sagen will, der schwächere Teil insbesondere? Der junge, neugewählte Lehrer hatte eine Vorlesung angekündigt. Selbst die berühmten ältesten Leute konnten sich an eine derartige Unterbrechung des etwas einförmigen Pomeisler Killahlebens nicht erinnern. Und diese Vorlesung mußte man anhören. Dies verlangte erstens das wiedererwachte Pomeisler Nationalgefühl, zweitens die Mode und drittens der Anspruch ans Bildung, den jeder Pomeisler Killahmensch mit Recht erheben durfte. Der Saal des Schützenhauses, sonst die Stätte leichterer Reizungen, war denn auch bis aufs .letzte Plätzchen gefüllt, und *) Siehe Brülls Monatsblätter 1893. S. 135. alles, groß und klein, alt und jung, vornehm und gering, war gekommen, um zu hören und gehört zu werden, zu sehen und gesehen zu werden. Denn unsere Pomeisler lieben es, geräuschvoll aufzutreten, die Pomeislerinnen aber schätzen der Gewandung holde Zier. Mancher prächtig geschmückte Hut leuchtete aus der bunten Menge hervor, und Brillanten, sowie anderer funkelnder Schmuck fehlten nicht an den Ohren und dem Halse der Vertreterinnen von Pomeisls schönerer Hälfte. Auch ich war unter den erwartungsvoll Harrenden, denn auch ich wollte lauschest, was der ..neue Lehrer," ein schöner Mann mit wohlgepflegtem, blonden, germanischen Barlschmucke, uns Pomeislern Neues über Spinoza sagen werde. Denn keinen Geringeren hat sich der Vorlesende auserwählt, als den Weltphilosophen, um än dessen großem Lichte sein Kerzlein zu entzünden und in der Versammlung der Pomeisler leuchten gn lasten. Noch ist ein vierte! Stündchen Zeit bis zum Beginne der Vorlesung, bescheiden sitze ich in einer Ecke, in stiller, andachtsvoller ($r= Wartung, nur manchmal etwas unsanft aufgestört, wenn einer der heißblütigen Pomeisler Jünglinge etwas allzulant seinem Nachbarn von den jüngst bestandenen Abenteuern in der nahen Hauptstadt erzählt, oder einige Pomeisler ihre Meinungen über Verluste in ihrer Branche anstauschen, zwei höchst lebhcHte Backfische sich über die linkischen Bewegungen ihrer Tänzer auf dem jüngsten Kränzchen unterhalten, oder die beiden Damen vor mir über die nicht mehr ganz moderne Toilette der Frau.T ihr nicht ganz unmaßgebliches Urteil abgeben. Diese beiden Damen bringen mich zur Verzweiflung. Ihre Häupter sind mit Hüten geziert, die durch ihre mehr als gewöhnlichen Ausdehnungen mir jede Aus- und Uebersicht benehmen. Der eine Hut schillert in violetter, der andere in grellroter Farbe, und ich kann beim besten Willen nicht begreifen, in welchen Be? ziehungen diese Kopfzierden zu Spinozas Ethik oder seinem Traktatus stehen. Das Gespräch der beiden Hutträgerinnen, von denen leuchtende Blitze aüsgehen, denn sie tragen auch ein gut Teil eines Juwelierladens auf sich, wird ziemlich laut geführt und unwillkürlich werde ich zym Lauscher.. Vielleicht trägt es zur psychologischen Erkenntnis solcher Vorlesungen bei, wenn ich der Mit- und Nachwelt kundgebe, was ich hier vor einer Vorlesung über Spinoza gehört habe. Warum haben aber auch meine Damen so laut gesprochen? Die Dame mit dem violetten Hut (etwas über vierzig, sehr gut erhalten, ziemlich überladene Toilette, blitzende Augen, noch mehr blitzende Boutons): „Können Sie mir, liebe Freundin, nicht sagen, wer eigentlich dieser Spinoza war, über den nun unser junger Herr Lehrer — ein schöner und liebenswürdiger Mann in der Tat — seine Vorlesung halten wird? Mein Mann sagte, er sei ein Dichter gewesen, der aus Spanien nach Amsterdam fliehen mußte vor drei- oder vierhundert Jahren. Das war (überlegen) während der spanischen Judenverfolgung. Muß eine schreckliche Zeit gewesen sein. Gottlob, es ist jetzt besser geworden. Ich möchte auch wissen, was die Pomeisler ohne uns Juden täten. Sie könnten das Theater sperren, die Geschäfte und die Gasthäuser. Es ist übrigens gut, wenn solche Vorlesungen veranstaltet werden, ich bitte Sie, liebe Freundin, man will doch seine Bildung vervollständigen, und in dem Pensionate, in dem ich als Mädchen meine Erziehung erhielt, hörten wir von diesem Herrn Spinoza nichts; jüdische Geschichte wurde überhaupt etwas nachlässig betrieben; wer hätte auch für diese längst vergangenen Dinge ein Interesse gezeigt? Mein Sohn, der Oktavaner, sagt, dies sei heute anders geworden, der Jude müsse national denken, empfinden und fühlen. Von Spinoza wußte er freilich auch nicht viel zu sagen. Er meinte nur, ein National-Jude sei er nicht gewesen; in der Religionsstunde (verächtlich lächelnd) erfahren die jungen Leute aber auch nicht viel. Nur dies habe er gehört -— er hat sich, wie er wahrheitsgemäß bekannte, in jener Stunde gerade mit Mathematik beschäftigt — Spinoza habe über die Bibel geschrieben, das sei den Juden in Amsterdam nicht recht gewesen, daher haben sie ihn verbannt und er ist ein — denken Sie nur, liebste Freundin — Diamantenschleifer geworden." DieDamemit dem grellrotenHute (verflossene Schönheit, aber noch immer annehmbar, rehbraune Augen, lächelt

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