Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Gelten.-Ungar. Kantoren -Zeitung. Schir Zio»». Gesänge für den israelitischen Gottesdienst von Salomon Sulzer. Revidiert und herausgegeben von Josef Sulzer. Besprochen von Oberkantor Josef Singer in Wien. (Fortsetzung.) Das 537 Großfolio-Druckseiten umfassende Werk ist nach jeder Richtung hin glänzend ausgestattet: überstarkes Dokumentenpapier, welches für eine lange Dauer garantiert; übergroße Notenköpfe, die gleichsam zum bequemen Singen einladen, und eine sachgemäße Anordnung des Materials — alles am geeigneten Platze — sind Vorbedingungen, die im Vorhinein selbst dem Laien sympathisch erscheinen. Vielleicht wäre gegen das Volumen des etwas unbequem starken Buches Einwendung zu erheben, doch kann diese scheinbare Unbequemlichkeit durch eine Teilung in Bänden leicht behoben werden. Und nun zum Inhalt des Werkes. Wir gestatten uns als Einleitung unserer heutigen Besprechung den Schlußpassus jener Artikelserie, die wir vor mehr als 20 Jahren veröffentlichten, anzuführen, dernicht allein unseren Standpunkt jenem allerersten Synagogenrezitativ Meister Salomon Sulzers gegenüber, dem weltberühmten „Natt godlu ma’aseoho“ kennzeichnet, sondern auch ein Helles Schlaglicht aus sämtliche synagogal gesanglichen Darbietungen des Meisters wirft. Derselbe lautete: „Richten wir unser Augenmerk auf die Bedingungen, welche bei jedem schaffenden Künstler, also auch bei Sulzer, vorausgegangen sein müssen, um ihn zum Schöpfer eines solchen Werkes geeignet zu machen, so müssen wir entschieden zur Ansicht gelangen, daß im Seelenleben Meister Sulzers die gewonnenen Anschauungen, d. h. Kenntnis der Musikklassiker und der Gottessunke Genie, in heiliger Umarmung sich küßten. Das Vertiefen in die Gliederung dieser formvollendeten Rezitation „Na godlu ma’a3ech.o‘: soll dem angehenden Kantor die Richtung vorzeichnen, die er zu verfolgen hat. Vorlegeblätter zum getreuen Darnachrichten für den Kunstnovizen, zur Weckung und Verfeinerung des Geschmackes, zur Kräftigung und Erweiterung der eigenen Anschauung sind allerdings äußerst nötige Hilfsmittel; allein fragen wir, wären Epigonen der Malerei mit eigener Meisterrichtung möglich, wenn die Kunstjünger zum ewigen Kopieren selbst Rembrandtscher und Rafaelscher Originale gezwungen würden? Und erst beim Synagogenrezitativ, welches lediglich der Ausfluß momentaner Gefühlsregung sein soll, wohin würde es da führen, wenn man zum ewigen Nachsingen stets eines und desselben Rezitativs verurteilt wäre? Soll und darf denn das Synagogenrezitativ dort stehen bleiben, wo es vor 40 Jahren stand?*) Müssen unsere Synagogenkomponisten, bei ihren einschlägigen Arbeiten eine ewige Generalpause eintreten lassen? Wir überlassen die Antwort hierauf den maßgebenden Kreisen und eilen zum Schluffe. Der Schir Zion II enthält zumeist Reproduktionen der im Schir Zion I befindlichen älteren Werke; einzelne Nummern, die ein allerdings etwas verspätetes Zurückgreifen zur Tradition nicht verkennen lassen, und treffliche Kompositionen von Julius Sulzer, k. k. Hofkapellmeister, und Josef Sulzer, Solo-Zellist am k. k. Hofoperntheater in Wien, den beiden reichtalentierten Söhnen ihres berühmten Vaters rc."- Der Letztgenannte, Herr Josef Sulzer, ist der geniale Bearbeiter und Schöpfer der neuen Edition des vorliegenden Werkes. Es bedurfte einer langjährigen, hingebungsvollen Arbeit *) Wir sehen uns veranlaßt, heute die Frage hinzuzufügen: „Hat denn der Meister mit seinen im Schir Zion H verzeichnten traditionellen Rezitativen nicht vollgiltig dargetan, daß auch seine eigene Anschauung eine diesbezügliche Wandlung erfahren hat? seitens des Herausgebers, um das teils gedruckte, teils in vergilbten geschriebenen Blättern vorhandene überreiche Material zuvörderst zu sammeln, aus den Wert zu prüfen, mannigfache künstlerische und administrative Schäden zu beseitigen, vielleicht sich auch hie und da der selbstverständlichen Pietät des Sohnes gegen den Heimgegangenen geliebten Vater mannhaft zu entwinden, um der ihm obliegenden objektiven Kunstgestaltung vollauf gerecht zu werden. Als eine gar nicht zu unterschätzende Leistung seitens des Herausgebers erachten wirauch die Transkription des Gesamtinhaltes des Schir Zion I aus den Sopran- und Tenorschlüsseln in den jetzt mundgerechten Violinschlüssel. Bei dieser äußerlichen Umgestaltung allein konnte es jedoch keineswegs sein Bewenden finden, indem oftmals die Umschreibung, allein, zumeist aber der geläuterte moderne Geschmack eine Veränderung der Harmonien und hiedurch auch eine Veränderung, der Stimmführung erheischte. Man werfe nur einen Blick aus Nr. 1 des vorliegenden Werkes, es ist der allbekannte Lecko dodi in F'-dur (Schir Zion II). Während nach der alten Fassung der Kantor die beiden ersten Takte allein singt und die begleitenden Bässe erst im dritten Takte, und zwar etwas unvermittelt, nach B-dur modulieren, läßt die neue Fassung die begleitenden Stimmen sofort mit dem Kantor die volle F-dur-Harmonie bringen und verrät die später bei der Chorwiederholung verwirklichte Absicht des verminderten Septakkordes (Gis, H, D, F) durch Einschiebung, des pikant klingenden Gis im dritten Taktteile, um dann im vierten Takte den Originalplan des Auftretens der B-dm> Harmonie durch ein .Vorübergleiten der B-inoll-Harmonie ruhig und zielbewußt vorzubereiteu, hauptsächlich jedoch,, um. nebst der überaus stimmungsvollen Harmonisierung auch die Stimführung der Mittelstimme bequemer und leichter zu gestalten. Man nehme sich die Mühe und vergleiche mit uns den Chorsatz des Lecho dodi, zweite Zeile der Neuausgabe, mit der desselben Chorsatzes in Schir Zion II, um zur Ueberzeugung zu gelangen, daß, namentlich die Stimmfortschreitung im Alt und Tenor (Schir Zion II), nebst der unbequemen Stimmlage (Tenor kontinuirlich zwischen 0—F) als auch im Alt (zwischen E und B), die Jntervallenfolge eine stets sprunghafte und überaus unbequeme sei, während in der Neuausgabe, bei not lstän di ger Wahrung der melodischen und harmonischen Formgestaltung, die Stimmführung eine geradezu verblüffend leichte genannt werden muß. Der Hinweis auf dieses eine Beispiel, von dessen Stichhältigkeit sich jeder leicht überzeugen kann, dürfte etwas höher eingeschätzt werden, wenn wir den Nachweis erbringen, daß solche harmonische Nivellierungen zu Gunsten der Kunstgestaltung vom Herausgeber an vielen hunderten Stellen der Neuausgabe vorgenommen wurden. Selbst bei dem großen Würfelschen Es-dur Adon olom wurde vom Herausgeber, (der hiebei auch seinen Schönheitssinn bekundete) manches Fältchen musikalisch weggeschminkt, sogar hie und da ein harmonisches Schönheitspflästerchen aufgelegt, auch etwas Puder verwendet, um somanches musikalische Rnnzelchen zu verdecken. Man beachte nur die Eliminierung der wirklich unnötigen Kantorstimme bei den Chorstellen ascker molock rc. und asaj melech re., ebenso die überaus wirkungsvolle, wenn nicht zu sagen, blendende harmonische Neu- und Andersgestaltung des Chorsatzes beim Kantor-Solo weku echod rc. und man wird gerne zugestehen,, daß hier ein tüchtiger Tonsetzer den Griffel geführt hat. Und wenn auch von mancher Seite ein solches Vorgehen als eine Versündigung gegen die künstlerische Bedeutung Meister Würfels bezeichnet werden sollte, wir anerkennen diese Veränderungen vollinhaltlich, weil dieselben dem Gesamtorganismus geradezu meisterlich eingefügt erscheinen und der prächtigen Komposition jugendlich pulsierendes Leben verleihen.