Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1906-03-30 · Heft 13 (30.3.1906) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063316-3063329--04181-3071000
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6. Nr. 13. Die Wahrheit. immer weitere Teile — für einen Fußtritt reif machten. .. Die Armen wären unfehlbar verloren, wenn 'sie nicht endlich zur Einsicht gekommen wären, daß sie, so fortfahrend, sich selbst Len Untergang vorbereiten; sie fingen daher in dieser Stunde an, mit mehr Liebe ihren Boden zu behandeln; statt Fußtritte auszuteilen, fanden sich fleißige Hände, die bemüht waren, jeden Zoll Boden, der sie trug, liebevoll zu pflegen, und gerade die schwächeren Teile erfreuten sich ihrer besonderen Sorgfalt, damit sie nicht abbröckeln, und die unbarmherzigen Fluten das Unheil nicht auf weitere Kreise ausdehnen... Gott wollte sie nicht verderben, darum gab er ihnen den Verstand wieder. Aus den Gemeindestuben ist der Geist des Lebens entschwunden, seitdem sie ausgehört haben es zu sein und in Kultusstuben sich verwandelt haben. Sie müssen wieder Gemeindehäuser werden; Häuser der Gemeinde, wo alles Gemeinsame der Judenheit zu Hause ist. Aber, um diese Ziele zu erreichen, müssen alle jene Hand mit anlegen, die begreifen, um was es sich handelt, daß es um unsere Seele und um die Seelen unserer Kinder geht. Da gibt es nur zwei Parteien: Diejenigen, die die Erhaltung eines lebendigen Judentums wünschen nud jene, die es höchstens als „alte Reliquie" noch behalten möchten. Es muß aber auch dafür gesorgt werden, daß dieses Verstehen weitere, immer weitere Streife ergreift, dann werden die Gespenster und die Gespensterfurcht aus unserer Mitte verschwinden. Tempel-Uerein für Wieden- Margarethen. Die Tempel- und Bethausvereine, die in den einzelnen Wiener Bezirken bestehen, spielen bei der Fürsorge für den gottesdienstlichen Kultus der Wiener Judenschaft eine hervorragende Rolle, da sie die Aufgabe der Kultusgemeinde betreffs Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Gemeindemitglieder wesentlich erleichtern und durch die Opfer, die sie aus eigenem sür die Erhaltung der einzelnen Gotteshäuser bringen, den Gemeindesäckel nicht unbedeutend entlasten. Diese gewiß nicht zu unterschätzende Tätigkeit der Bethausvereine, wie das ersprießliche Wirken jener Männer, die an der Spitze derselben stehen, hat schon wiederholt seitens des Kultusvorstandes Anerkennung und Würdigung gefunden, und es ist nur gerecht und billig, wenn die Vereine, falls ihre Mittel zur Deckung der laufenden Bedürfnisse nicht ausreichen, von der Gemeinde ausgiebig unterstützt werden. In der Zuwendung derartiger Subventionen ist auch der Kultusvorstand bisher entgegenkommend gewesen, und nur wenn für neue Synagogenbauten größere Anforderungen an den Gemeindesäckel gestellt wurden, mußte er sich begreiflicher Weise eine größere Reserve auferlegen, besonders in den letzten Jahren, wo — wie die Einen sagen, aus weiser Rücksicht auf die nicht gerade glänzenden finanziellen Verhältnisse der Gemeinde, oder wie die Andern behaupten, aus einer gewissen Abneigung maßgebender Faktoren gegen jede Erhöhung des Kultusbudgets — im Vorstande ein etwas schärferer Wind gegen die Bethausvereine wehte. Auf diese Weise kam es öfters zu einem Widerstreit der Anschauungen des Kultusvorstandes und der Vertreter der Bethausvereine, und so ging es auch dem Tempelvereine für den IV. und V. Wiener Bezirk, der bei der völligen Unzulänglichkeit des gegenwärtigen, in einem Miethause untergebrachten Bethauses schon seit mehreren Jahren den Bau eines neuen Tenrpels mit einem Kostenaufwande von zirka ‘230.000 Kronen plant. 100.000 Kronen gedenkt der Bethausverein durch Spenden und Sammlungen aufzubringen, mit 50.000 Kronen sollte der anzukaufende Baugrund hypothekarisch belastet werden und 80.000 Kronen wurden von der Kultusgemeinde als Darlehen beansprucht. Der Kultusvorstand war jedoch zur Bewilligung eines Darlehens in der gewünschten Höhe nicht zu bewegen, stellte nur ein Darlehen von 60.000 Kronen in Aussicht und knüpfte daran die Bedingungen, daß erstens ein billigerer Baugrund erworben, zweitens der Kostenaufwand für den Tempelbau auf zirka 150.000 Kronen herabgesetzt, drittens keine hypothekarische Belastung des Baugrundes stattfinde und schließlich das Darlehen der Kultusgemeinde als erste Hypothek aus Grund und Bau eingetragen werde. In der ablehnenden Haltung des Kultusvorstandes er--> blickte nun der Tempelverein ein unüberwindliches Hindernis für den Tempelbau und er berief für Sonntag, den 25. d. M. eine Generalversammlung ein, in welcher die Demission des gesamten Tempelvereinsvorstandes beschlossen werden sollte. Der Verlaus der Generalversammlung war ein zienilich erregter und es wurde in derselben die, wie behauptet wurde, wenig freundliche Haltung des Kultusvorstandes gegen die Bethausvereine im allgemeinen scharf kritisiert. Außer den Vorstehern und Mitgliedern des Bethansvereines waren Knltusvorsteher kais. Rat Sigmund K a u d e r s, als Delegierter der Kultusgemeinde, Kultusvorsteher Hermann Ellbogen, der Obmann des Tempelvereines im X. Bezirk, Karl Seligmann, und das Mitglied der Bezirkskommission, Herr Sonnenschein, anwesend. Der Vorsitzende, Obmann Adolf Hof mann, begrüßte zunächst den Delegierten des Kultusvorstandes, kais. Rat Sigmund K a u d e r s, und Kultusvorsteher Hermann Eltbogen und eröffnete hieraus die Debatte über den Gegenstand der Tagesordnung. Er sprach auch unter allgemeiner Zustimmung der Versammlung seine Mißbilligung gegen den Kultusvorsteher Architekten Marmorek aus, der bei einer Beratung im Kultusvorstande seine ablehnende Haltung gegenüber dem Tempelbau mit den Worten begleitete, daß arme Inden keinen kostspieligen Tempel brauchen. Eine derartige Aeußerung sei am wenigsten von einem Manneerwartet worden, der bei seiner Wahl für die Förderung der Kultusinteressen und die Berücksichtigung der Wünsche der Bethausvereine einzutreten versprach. Kais. Rat Sigmund Kanders riet entschieden von der geplanten Demission des Vereinsvorstandes ab. Gerade in dieser schwierigen Situation müsse derselbe auf seinem Posten verbleiben und Redner werde mit seinen Gesinnungsgenossen im Kultusvorstande auch fernerhin für die möglichste Berücksichtigung der Wünsche des Tempelvereines eintreten. In ähnlichem Sinne sprachen auch die Herren Sonne ns chein, S chidrowitz und Kultusvorsteher Eltb o gen, der in dem Aufwand, den die Kultusgemeinde für wohltätige Institutionen mache, die Ursache erblickte, daß so wenig Geld für gottesdienstliche Zwecke verwendet werden könne. Aber gerade die Fürsorge für den Kultus sei die wesentlichste Aufgabe der Kultusgemeinde und in diesem Sinne werde er jederzeit im Kultusvorstande feine Stimme erheben. Herr Drexler tadelte die stiefmütterliche Behandlung, die der Kultusvorstand seit jeher dem 4. und 5. Bezirk zu Teil werden lasse. Der Vorwurf des teuren Bauplatzes sei nicht gerechtfertigt. da in diesen Bezirken ein billigerer Platz an zweckmäßiger Stelle überhaupt nicht erhältlich sei. Schließlich beantragte er die Demission des gesamten Vorstandes. Herr Carl S e l i g m a n u sprach gleichfalls für diesen Antrag. Seit 50 Jahren habe die Kultusgemeinde, trotz des ungeheuren Zuwachses der Bevölkerung, keinen neuen Tempel gebaut, und gegenwärtig bestehe im Kultusvorstand keine Neigung, etwas für den Kultus zu tun. Seit 32 Jahren sorge der Tempelverein in der opferwilligsten Weise für den Gottesdienst in den beiden Bezirken, und die Lösüng der vorliegenden Frage sei nur durch Niederlegung der Mandate herbeizuführen. Dann werde die Kultusgemeinde allein die Kosten zu tragen haben. Kais. Rat Adolf Lichtblau und der Schriftführer des Vereines, Herr Franz Frankl, geben eine übersichtliche Darstellung der Leidensgeschichte des Tempelbaues. Immer, wenn man am Ziele zu sein glaubte, wurden von der Kultusgemeinde neue Einwände gemacht, und nun fei jede Hoffnung, auf friedlichem Wege zu einem Resultate zu gelangen, geschwunden. Die Forderung des Kultus Vorstandes, den Kostenaufwand für den Tempelbau auf 150.000 K herabzufetzen, sei umso weniger gerechtfertigt, als der Kultusvorstand selbst seinerzeit an die Bewilligung des Tempelbaues die Bedingungen knüpfte, daß der Tempel an einem frequenten Platze zwischen dem 4. und 5. IL-ULHW — Bl IIIIW UWIIII aMBIIII Ml »iH ■! IImiw mri

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.