Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063329--04180-3070999- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 13. Die Wahrheil. iette o. daß eine derartige echtjüdische Partei wie 1848 nicht mehr existiert, hingegen eine solche Ausschrittspartei, der das jüdische Wesen nur mehr dem Hörensagen nach bekannt ist. Mit dem Fortschreiten in diesem Sinne werden wohl die Tempel und die Prediger ganz entbehrlich sein, denn polnisch-ethische Predigten können die polnischen christlichen Geistlichen am Sonntag auch vortragen. Wir müssen daher, wollen wir unser Volkstum erhalten, nur solchen Rabbinern und Predigern solgen, welche mit Jecheskiel auf der Höhe jüdischen Wissens, Könnens und Wollens kämpfen, die rings um sich selbst wie um das Volk heilige, ja hochheilige Feuermauern ziehen und in echtjüdischem Geiste leben und streben. Indem wir dem neuernannten Rabbiner Dr. Gntmann zu diesem hohen Posten gratulieren, wünschen wir ihm, daß er als ein moderner Jecheskiel in Israel der schier fortlaufenden Gemeinde voranleuchte, damit sie den Weg ins Vaterhaus zurückfinde, das hocherhaben dasteht in Heiligkeit. Er werde nicht der polnische, sondern der hebräische Rabbiner der Lemberger Gemeinde, dann werden uns die Mehrauslagen nicht reuen. Wie wir von glaubwürdiger Seite erfahren, rührt das Verbot des hebräischen Unterrichtes an den Schulen wohl von der unjüdischen Clique Polacy mojzyszowego wyznania her, die einen Zuwachs ihrer unrühmlichen Untergrabung des Judentums in der Person des Professors Dr. Rosenblatt aus Krakau erhalten hat, dessen Gemahlin polnisch ihr Gebet verrichten soll. Wer wird nicht von der modernen Gattin unseres jüdischen Schulrates lernen und sich an ihr ein Muster nehmen wollen? Gott behüte uns, so müssen mir ausrufen, vor derartigen Nachbildern, Vorbilder fürs Judentum werden wir anderswo suchen. Wie ich übrigens vernehme, werden in dieser Angelegenheit bereits Schritte eingeleitet. Zunächst soll dem jüdischen (?!) Schulrate ein Mißtrauensvotum erteilt und er zum Niederlegen seines Mandates gezwungen werden. Ferner soll seitens des Lemberger Kultusvorstandes ein Memorandum an den Schulrat gerichtet worden sein. Ich denke, hier wären Massenpetitionen an das Ministerium am Platze. Nach den rasenden Fortschritten, welche die Polonisierung im galizischen Israel macht, im Gegensätze zu den Rückschritten auf allen Gebieten des Judentums, droht die Gefahr der vollständigen Verdrängung des nationaljüdischen Wissens aus Hans und Gotteshaus, der dann die Massentanfe auf dem Fuße folgt. Ich rufe daher meinen Brüdern zu: Ecc1e8ia ante portas hebraeas. Wem noch ein jüdischer Funken im Busen glüht, der setze sich für Errichtung hebräischer Lehranstalten und jüdischer Gymnasien ein. Das Judentum erheischt Opfer an Gut, Geist und Herz. Aufgaben jüdischer Gemeindepolitik. In den jüdischen Gemeinden haben sich im letzten Jahrhundert große Wandlungen vollzogen. Vor hundert Jahren waren sie die Mittelpunkte des gesamten jüdischen Lebens; alles, was die Judenheit bewegte und erregte, spielte sich in den Gemeinden ab, war Teil des Gemeindelebens. Die jüdischen Gemeinden regelten und unterhielten den Kultus, sie pflegten jüdisches Wesen und Wissen, sie verwalteten alle gemeinsamen Angelegenheiten ihrer Mitglieder und sprachen über sie Recht. Diese alten jüdischen Gemeinden fanden ihr Ende in der Zeit der Emanzipation. Nicht etwa, weil das Fortbestehen des Judentums als nationaler und kultureller Einheit dem Geiste der Emanzipation widersprochen hätte. Die Emanzipation sollte nur die Fesseln sprengen, die der freien Entwicklung der Individualitäten — sowohl einzelner, als ganzer Volksklassen und Volksstämme — hinderlich waren. Sie sollte für jeden Menschen die Möglichkeit schaffen, nach seiner Fasson selig zu werden, jedem Volksstamme die Gelegenheit geben, sich in seinem Volkscharakter, in seiner eigenen nationalen Kultur auszuleben. Nur die ödeste Gleichmacherei konnte es fertig bringen, in der Emanzipation das Aufgeben aller nationalen Selbständigkeit, das vollständige Aufgehen nicht nur im Staatswesen, sondern auch in der fremden Nationalität zu erblicken. Viele Juden — und gerade die maßgebenden — haben diesen logischen und politischen Fehler begangen. Sie haben geglaubt, es der Emanzipation und dem Staate, der sie ihnen gewährte, schuldig zu sein, die eigene Nationalität ganz aufzugeben und alles zu unterdrücken, was jüdisch i m C h a r a k t e r und im Empfinden, im Denken und im Handeln w a r. Nur die Religion glaubte man doch noch als einzige Reliquie von dem Schatze des Judentums in die moderne Zeit übernehmen zu sollen; u n d so e n t st a n d e n die deutschen, französischen, englischen, amerikanischen, sogar russischen und rumänischen Staatsbürger jüdischen Glaubens. Die verderblichen Folgen liegen vor unsern Augen nunmehr klar zu Tage: Die Eutjudung schreitet auf der ganzen Linie vor. Auch die „einzige Reliquie", die man noch bewahren zu wollen vorgab, das religiöse Judentum scheint dem Untergang geweiht. Man werfe einen Blick auf die religiösen Zustände unter den Juden Deutschlands wie sie vor hundert Jahren bestanden und vergleiche damit die trostlose Gegenwart, wo jüdische Männer, denen jüdisches Wissen und jüdische Tugenden noch nicht fremd geworden sind, so selten wurden. einer in einer Stadt, zwei in einer Familie", und der Ernst der gegenwärtigen Lage, sowie die Aussicht für die Zukunft wird jedem Vernünftigen klar sein. Und es mußte so kommen! Denn muß nicht der kräftigste Baum verdorren, dem das Erdreich, in dem er wurzelt, abgegraben wird, die wasserreichste Quelle nicht versiegen, der die Adern abgeschnitten werden? Dies aber geschah dem Judentum mit seiner Entnationalisierung, d. h. Entjudung . . . Und eben dahin ging das heiße Bestreben der blindwütigen Reformer. Nicht um die Zeremonien, ihre Zahl oder die Art und Weise ihrer Ausübung, sondern einzig und allein um die Gesinnung, um die Empfindung, daß sie aufhören, jüdisch zu sein, war es ihnen vorzugsweise zu tun. Es ist daher nicht ohne Komik, wenn man sieht, daß diejenigen Kreise der Gesetzestreuen, die in ihrer fortschreitenden Entwicklung es so weit gebracht haben, daß auch ihnen schon das Judentum nichts weiter ist, als ein Bündel von Zerenwnialgesetzen; sie, die von einer jüdischen Nation nichts mehr wissen wollen, sich wie wütend mit den Reformern herumschlagen. Diese Herren, denen es glücklich gelungen ist, „die Seele zu verbrennen und nur die körperlichen Formen zu erhalten", können sich nicht genug tun im „Trennen"; sie möchten, wenn es ginge, noch die Trennung trennen. In der Hitze des langen und ermüdenden Kampfes scheinen beide Kämpen vergessen zu haben — um was der Kampf eigentlich geführt wird .. ., daß der Kampf gegenstandslos geworden ist, da doch mittlerweile beiden Gegnern die jüdische Seele abhanden gekommen ist. Und um diese, uitb nur um diese entbrannte der grimmige Streit! Einst griffen, so erzählt uns Heine, zwei Brüder, von der Eifersucht entbrannt, zum Schwerte. Wenn Brüder auf Leben und Tod kämpfen, kann es nur Unglück geben; alsbald waren sie beide tot. Sie sind tot und wissen es selber nicht; allnächtlich zur selben Unglücksstunde, an derselben Unglücksftätte erschallt immer aufs neue Schwertgeklirr und Kampfgelöse. Die Lebenden aber, denen ein warmes jüdisches Herz in dem treuen Busen schlügt, haben bessere Aufgaben zu erfüllen und heiligeren Pflichten obzuliegen, als sich um diesen Schattenkrieg zu kümmern. Sie, die offenen Auges die Gefahr für Inden und Judentum erkennen, müssen dasür sorgen, daß sie abgewendet ivird. Der Weg hierzu, da des Uebels Ursprung bekannt, ist gegeben; man muß ihn nur beschreiten wollen. Eine kleine Zahl armer Schiffbrüchiger rettete sich auf eine klesite Insel inmitten des Weltmeeres. Klein und gering war die Fläche, die sie rettend trug, und von Tag zu Tag ward sie noch immer kleiner, denn die unbarmherzigen Wellen haben langsam aber kräftig an die geringe Stütze ihrer Füße genagt, Teile davon in ihrem unermeßlichen Rachen verschlingend. Langsam aber ohne Unterlaß zog das Verderben heran, der Schrecken raubte ihnen die Ueberlegung und sie fingen an. jedes locker gewordene Stückchen ihrer Scholle mit Fußtritten abzustoßen, vermeinend, dadurch die Haltbarkeit des Restes zu sichern, während die stürmischen Wogen, unersättlich wie sie sind, 4 «i