Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063329--04179-3070998- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 13. feit sich entwickelt hat. Der Zorn über Unrecht und Unwahrheit riß ihn, wie über die Vorliebe zu geistiger Rezeptivität, auch über sein Friedensbedürfnis hinweg. Nur umso stärker packte er ihn und regte ihn auf. In diesen Kämpfen entfaltete Rießer festen Mut, sowohl den persönlichen, wenn es galt, mit greifbaren Waffen dem Widersacher entgegenzutreten, als auch den moralischen, in öffentlicher Rede für den zu Unrecht Geschmähten oder Benachteiligten Partei zu nehmen. Er hat selbst einen Heinrich Heine, dessen Dichtergenius er höchlichst bewunderte, zum Zweikampfe herausgefordert, als dieser Poet in seinem Buche über Börne die Ehre einer Dame angegriffen halte. Gabriel Nießer stammte aus einer Rabbinerfamilie; sein Vater war freilich halb Jurist, halb Kaufmann, ein scharfsinniger Mensch, dabei, wie seine Vorfahren, auch talmudisch gelehrt. Der junge Gabriel hat gleichfalls hebräifche Studien getrieben, indes sich bald .von allem Zwange des jüdischen Zeremoniells befreit. Er ist aber zeitlebens ein treuer Anhänger seiner Religion geblieben, die er, wenn sie von allem Formenwesen gereinigt sei, für dasjenige Bekenntnis hielt, das zugleich Herz und Vernunft am meisten befriedige, und dem er deshalb m wahrer Dankbarkeit ergeben war. An den Feiertagen besuchte er regelmäßig den Tempel. Er verwarf mit dem Abscheu des ehrlichen Mannes den liebertritt zu einer anderen Kirche, wenn er gegen die innere Ueberzeugung nur aus schnödem Eigennutz oder unsittlicher Bequemlichkeit erfolge. Nicht minder verurteilte er das Taufen der Kinder, das auf das Familienleben und auf den Charakter der Täuflinge geradezu zerstörend wirke. Allein nichts lag ihm ferner als intoleranter Hochmut. „Jede Einseitigkeit", sagt er in seinem dritten Artikel gegen Bruno Bauer, „jeder Dünkel des Besserseins, jedes angemaßte Privilegium im Besitze der Wahrheit, jede Bevorzugung, die sich ein besonderes Dasein beilegt, auf Kosten der Menschheit, soll durch das Schwert der Kritik überwunden und auf den Wert, der ihm zukommen mag, zurückgeführt werden." Er schrieb der christlichen Zivilisation, unter der er allerdings die ganze, oft dem christlichen Kirchentum so entgegengesetzte moderne Entwicklung verstand, den segensreichsten Einfluß auf die Gestaltung des Staatswesens der Gegenwart zu. Der Staat umfaßt, nach seiner Ueberzeugung, das materielle Gesetz, die Religion die innere sittliche Pflicht. Beider Gebiet müssen durchaus getrennt bleiben und auseinander gehalten werden. Als Rießer wegen seines jüdischen Bekenntnisses mit dem Gesuche um Zulassung zur Rechtsanwalffchaft vom heimischen Zenat ebenso abgewiesen worden wie von der badischen Regierung mit der Bitte um Gestattung seiner Privatdozentur in Heidelberg, als andererseits der Sieg der Revolution in Frankreich und Belgien im Sommer und Herbst 1830 ganz Europa erschütterte und auch in Deutschland die Dinge in Fluß brachte: da fühlte er sich zu seiner ersten Schutzschrift für seine Glaubensgenossen gedrängt. Sie enthält im Keime alle ihre'Nachfolgerinnen und ist vielleicht die beste und wirksamste: ..Ueber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland. An die Deutschen aller Konfessionen, Altona, 1831." Dieses Büchlein eröffnete eine neue Zeit in der Geschichte des Kampfes der deutschen Juden um ihre Emanzipation. Es schlug einen bis dahin unerhörten Ton an. Hier gab es keine ängstliche Widerlegung einzelner Beschuldigungen mehr; keine keifende Anklage des Gegners; keine witzelnden Antithesen; kein Ghetto-Deutsch. Nein, von dem unanfechtbaren Standpunkte aus „Gleiche Pflichten, gleiche Rechte," und in der festen Ueberzeugung: „Der Jude, dessen Voreltern seit anderthalb Jahrtausenden in Deutschland sitzen, ist kein Fremder, sondern ein Deutscher," wurde für die Israeliten die volle Gleichberechtigung mit den christlichen Staatsbürgern nicht etwa erbettelt, sondern gefordert. Gefordert nicht als eine Gnade, nicht unter Zugeständnissen und Versprechungen, sondern gefordert als das unverbrüchliche Recht des Juden und als offenbare Pflicht der Regierungen und Volksvertretungen. Das war der neue Gesichtspunkt, von dem Rießer ausging. Und er trug diese Ansprüche in echt deutscher Sprache vor, voll herrlichen rednerischen Feuers, nicht mit orientalischer Schwülstigkeit, in der sich bislang viele feiner Stammesgenossen nur zu sehr gefallen hatten, sondern mit dem edlen Schwünge des edlen, reinen, wahr empfundenen Pathos. (Schluß folgt). Kemberger Krief. Es scheint unserem Kultuspräsidenten nicht beschieden zu sein, seinem ästhetischen Sinne, wie auch den bestehenden faktischen Verhältnissen Rechnung zu tragen. Schon hatte derselbe im Geiste den Plan fertig, in einer vornehmen Gasse einen neuen modernen Tempel mit einem recht bedeutenden Kostenaufwande zu erbauen, neben welchem sich auch eine neue große Synagoge erheben sollte, schon war alles bis ins kleinste Detail zurechtgelegt, als unser Vizepräsident, der Millionenmann Herr Dr. Jakob Scheff, sein Veto dagegen einlegte, der Lemberger jüdischen Gemeinde neue Lasten aufzubürden, und so wurde dieser Lieblingsgedanke des Präsidenten fallen gelassen. Sparsamkeit im Haushalte eines Gemeinwesens hört sich stets sehr wohlgefällig an, aber wenn man erwägt, wie viele tausende Kronen jährlich eben dieselben Herren ein Jahrzehnt lang für Personen eines Lehrkörpers hinauswerfen, den man der Polonisierung der jüdischen Volksschule zum Opfer brachte, muß man doch anderen Sinnes werden über die rühmliche Tat solcher Sparsamkeit. Nun bringt dieselbe Gemeinde demselben Fetisch noch ein Jahresopfer mit der Bestellung eines Vizepredigers für die polnische Sprache. Das Gute dabei ist nur, daß dieser Mann als einer der tüchtigsten Kräfte des Wiener Rabbinerseminars gilt, wobei wir allerdings gleich hinzufügen müssen, daß Herr Doktor G u t m a n n, so heißt nämlich der Gewählte, sein Wissen nickt bloß an jener Lehranstalt, sondern nach antiker Art durch eifriges Lernen auf den entbehrungsreichen, harten Bänken des Beth. Hamisdrasch sich erworben hat. Dr. Gutmann, dessen Predigten man homiletische Begabung nachrühmt, gehört übrigens zu jenen spärlich gesäten, akademisch gebildeten Rabbinern, welche das Judentum ernst nehmen, strengkonservativ an seinen Satzungen hallen und ln dessen Herz auch die Zionsflamme lodert. Nun noch ein Wort über seine Jnstallierrtng. Die ganz ungeschickte, fast würdelose Inszenierung zeigte eben, daß der Spiritus rector, das Haupt der Gemeinde, Herr Dr. Emil B y k, fehlte, der allein es versteht, bei wichtigen Anlässen denselben den richtigen Ton und das gehörige Dekorum zu verleihen. Unliebsam mußte es den Anwesenden auffallen, wie Herr Dr. Caro als Senior feinen neuen Amtskollegen geradezu andonnerte, bei welchem Getöse Dr. Gutmann, wie ein Siebensünder vor seinem Richter, vor dem Pulte des Promotors Dr. Caro stand. Um ein zutreffendes Bild von dem ganzen Vorgang zu entwerfen, dürfen wir auch nicht unterlassen, die Pointen der beiden Reden kurz zu skizzieren. Rabbiner Dr. Caro wies nämlich seinen Amtskollegen an, die Bahn des Fortschrittes zu wandeln und sich Rabbiner Abraham Kohn vor Augen zu halten; ferner donnerte er gegen das Politiktreiben, da der Rabbiner über den Parteien und nicht in den Parteien stehen soll. Rabbiner Dr. Gutmann hingegen nahm sich den Propheten Jecheskiel und Rabbi Jochanan ben Sakkai zum Vorbild und verlangte die Wiederauferstehung des todgeglaubten Judentums. Der jüdische Geist soll das jüdische Heiligtum sein, das unsterblich dem Volke ins Exil folgt und es erhält. Im weiteren Verlauf zitierte der Redner aus Jecheskiel 43, V. 12, welcher lautet: D'BHp enp r-c rso iSr; ba’-nn bv rvrn min Das jüdische Haus, welches zu allen Zeiten hochstand, muß von den Eltern selbst in seiner Höhe und Festigkeit erhalten werden, damit durch den Lebenswandel der Eltern den Kindern das Judentum eingeschärft und eingeprägt werde. Daß Herr Rabbiner Dr. Caro für feine eigene Person eine gar so sanfte Natur und Figur abgibt, die außerhalb der Parteien steht, muß wohl jedermann bezweifeln, denn er gehört zunächst der extrem fortgeschrittenen Richtung an, ferner bekleidet er jdas Amt eines Gemeinderates ufw Weshalb predigt er also, anderen Band off? Und betreffs des Hinweises auf das Festhalten an dem Fortschritte müssen wir mit Schmerz konstatieren.