Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063329--04178-3070997- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Wahrheit Uiebüftiou u. Sldininistialion: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 1530S. Unlsratjc xu Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jnsertionsberräge sind in Wie» zahlbar und klagbar. ^abhängige Aeitfchrist für Mische Interessen^ Erscheint jeden Areitng. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ i Lezugspyets: j!> l! Äanzjährio ... st. us.— ii!: Halbjährig .ft K — I Für LttltilSbruiiltr: '^»»zjädrig . . ft. 10 - Für Ausland: Äanziährig . . . 6 Mark 6 Rubel oder >0 Fcs. Ur. 13. Wien, 30. Mär; 100« Zuhalt: Gabriel Rießer. — Lemberger Brief. — Aufgaben jüdischer Gemeindepolitik. — Tempelverein für Wieden-Margarethen. — Galizischer Hilfsverein. — Verschiedene Nachrichten. — Schir Zion. — Sberkantor Schönberger, Potsdam. Ire geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. April beginnende 2. Kuartat ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Mattes Keine Unterbrechung erleide._ Einstellung der Weiterbeförderung russischer Emigranten in Wien. Da es sich bei der Sichtung der in Wien angesammelten zahlreichen Emigranten seitens der „Israelitischen Allianz" ergab, daß ein großer Teil der Auswanderer zur Weiterbeförderung gänzlich ungeeignet ist, so daß diese Aermsten durch die zwecklose Reise nach Wien nur in unnützer Weise ihre eigenen letzten Mittel oder die Unterstützungen der Provinzkomitees der „Allianz" verschwenden, so hat der Vorstand beschlossen, ähnlich wie es bei der großen Emigration in den 90er Jahren geschah, die Sichtungen in Wien ganz einzustellen und mit denselben die hart an der russischen Grenze befindlichen Filialen der „Allianz" zu betrauen. Dort wird es viel leichter sein, die Auswanderer nach Kategorien zu gruppieren und diejenigen, welche erwerbsfähig sind, unter Vermeidung unnützer Ausgaben ans kürzestem Wege nach den von der Zentrale der ..Allianz" in Wien zu gebenden Direktiven nach den entsprechenden Reisezielen in überseeische Länder zu befördern, während die nichlgeeigneten Elemente, soweit der Aufenthalt in der Heimat für sie faktisch ohne Gefahr ist, dorthin zurückkehren können oder soweit die begründete Furcht vor Exzessen fortbesteht, in der Nähe der Grenze für Rechnung der „Allianz" bis zum Eintritt der Ruhe verpflegt werden können. Gabriel Metzer. Zum 100. Geburtstag: 2. April 1906. Von Prof. Dr. Martin Philippson (Berlin).*) Nun kehrt zum Hundersten Male der Tag wieder, an dem Gabriel R i e ß e r in Hamburg geboren wurde. Der unerschrockene geistvolle Verfechter von Recht und Freiheit für seine israelitischen Glaubensgenossen und für das ganze deutsche Volk steht Frankfurt besonders nahe, da er vier Jahre lang, von 1836 bis 1840 in dem nahen Backen heim gewohnt hat, mit Frankfurter Menschen und Dingen in engstem Zusammenhänge, und da er 1848 und 1849 Mitglied und viele Monate hindurch Vizepräsident der deutschen Nationalversammlung gewesen ist. S. Franks. Ztg. vom 25. März 1906. Rießer, dessen Ruhm doch zumeist auf seinen Sch ri f t e n beruht, war eigentlich kein geborener Schriftsteller; nur um literarisch oder wissenschaftlich zu wirken, har er weder als Jurist noch als Politiker die Feder ergriffen. Mehr zum empfangenden Genuß geistigen Lebens als zu desfen Erzeugung angelegt, bedurfte er, wie das aus seinen eigenen Briefen (Gesammelte Schriften Bd. I. S. 272—289) hervorgeht, „stärkster lebendiger Jinpulse von außen", „starker Anregungen, um auf einen bestimmten Punkt gedrängt, in diesem konzentriert und produktiv zu werden". So hat ihn die eigene trübe Erfahrung, als er, der Jude, trotz vorzüglicher, von seinen Lehrern gerühmter wissenschaftlicher Studien, weder in Heidelberg als Privatdozent, noch in Hamburg und Hessen als Rechtsanwalt oder Notar Stellung finden konnte, dazu veranlaßt, als Vorkämpfer gegen das an ihm und an seinen Glaubensgenossen geübte Unrecht in die Schranken zu treten. So hat ihn auch die ewige Verbindung, in der er feit 1841 von Hamburg aus mit den benachbarten Verteidigern des deutschen Volkstums in Schleswig-Holstein gegen die dänische Unterdrückung stand, in die allgemeine deutsche Politik eingeführt, in der er bald eine hervorragende Rolle spielen sollte. Die Aufgaben traten also von außen an ihn heran; aber sie mußten seinem tiefen Gefühl für Wahrheit und Recht entsprechen, wenn er sie ergreifen und durchführen sollte, sie mußten sich mit seinem innersten Wesen verschmelzen. Wahrheit und Recht, — die erfüllten seine Seele mit elementarer Macht, für die entbrannte er in lebhafter Begeisterung, deren Verletzung regte ihn zu leidenschaftlichem Unwillen an. Aus dieser Quelle erflossen jene Wärme der Sprache, jener Glanz reiner Sittlichkeit, jene feurige, hinreißende Kraft, die ihn als Redner wie Schriftsteller auszeichneten, seinen Schöpfungen große und allgemeine Wirkung sicherten und ihm selbst zahllose Freunde und Bewunderer erweckten. Sein überlegener Scharfsinn, sein eindringendes Verständnis und klares Urteil, der verschwenderische Reichtum seiner Gedanken standen stets im Dienst innigen Gefühls und tief begründeter Ueberzeugurg. Scharfsinn und Geistesfülle verleiteten ihn nie zu zwecklosem Witzeln, zu kränkendem Hohn, zum Spielen mit Worten oder Dingen — sie ordnen sich stets der Sache unter in unbedingter Hingebung an den Gegenstand und das Ziel. So flammend oft der Grimm Rießners über Unrecht. Verleumdung, Kleinlichkeit, Vorurteil auflodert, er hat nur die Sache, niemals die Person des Gegners im Auge. Im Grunde war er ein Mann der Güte und des Friedens, dem Streite abhold: auch in dieser Beziehung war seine eigentliche Anlage der Richtung gerade entgegengesetzt, in der seine Tätig-