Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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■na Seite 6. Die Wahrheit. 9h\ 12. uommeit und an vier Längstafeln reihten sich die Gäste und Mitglieder der Chewra an. Nach herzlichen Begrüßnngsworten des Präsidenten Salo Cohn, der als interessante historische Reminiszenz eine Einladung der Wiener Chewra Kadischa zur Chewra-Sude im Jahre 1320 zur Verlesung brachte, sprach Oberkantor Singer den Segenssprnch „Hamozi lechem“ und hieraus wurde vom Restaurateur Tonello das Menu serviert, das allerdings wegen seiner Unzulänglichkeit von vielen Teilnehmern scharf kritisiert wurde. Zwischen den einzelnen Gängen wurden Toaste gesprochen, von denen leider manche nicht überall im Saale vernehmlich waren, und es würde sich vielleicht in Zukunft empfehlen, das Präsidium der Festtafel nach der Mitte der Längsseite zu verlegen, damit die Redner von jedem Platze im Saale aus gehört werden und das störende Verlassen der Sitze während der Reden vermieden wird. Den ersten Toast aus Seine Majestät den Kaiser sprach der erste Vizepräsident der Kultusgemeinde Dr. Gustav K o h n, und am Schlüsse desselben spielte die Musikkapelle die Volkshymne. Weiters toastierten Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n auf die Kultusgemeinde, Rabbiner Dr. Schmied! auf die Chewra Kadischa,! Dr. Leopold K o h n ans den Kultus-Vorstand, der Vizepräsident der Chewra Kadischa Dr. Markus Spitzer auf die Mitglieder und Förderer der Chewra, Baurat Ritter von G o l d s ch m i d t auf die Rabbiner und Vertreter der Wissenschaft, Reichsratsabgeordneter Dr. Strauch er aus die Einigkeit im Judentum und kais. Rat Wilhelm Pollak auf die Damen. Mit dem Tischgebete, das Oberkantor Guttmann mit seiner prachtvollen Stimme in echt traditioneller Weise wunderbar vortrug, schloß das schöne Fest, für dessen Gelingen allen Arrangeuren, und in erster Reihe dem Präsidenten der Chewra Kadischa, Dank und Anerkennung gebührt. Bevor wir jedoch diesen Bericht schließen, sei uns nur noch eine Bemerkung gestattet. Es entspricht einer althergebrachten jüdischen Sitte, daß bei einer Chewra-Sude auch jüdischer Gesang erklinge, und schon aus diesem Grunde müssen wir es bedauern, daß die Vertreter des. jüdischen Gesanges, die Kantoren, so spärlich bei dM Feste vertreten waren. Der Vorstand der Chewra-Kadischa sollte daher diesbezüglich jenen Funktionären, die auch bei den Funktionen am Friedhose in erster Reihe in Betracht kommen, mehr Berücksichtigung als bisher zuwenden. Einmalige Abfertigung. Zur Widerlegung einiger der Wahrheit nicht entsprechender Behauptungen, die jüngst in einem „Prager Brief" der „Jüdischen Volksstimme" über die Religionslehrer-Präparandie und die Talmud-Thora-Schule in Prag aufgestellt wurden, werden wir um Ausnahme nachstehender Richtigstellung ersucht: 1. Es ist u n w a h r, daß ein Schüler der Lehrerbildungsanstalt, der zugleich auch Hörer der Religionslehrer-Präparandie war und den „Stolz" derselben bildete, ..eines schönen Tages sich taufen ließ". Wahr ist, daß jener Hörer der Lehrerbildungsanstalt, der auch in unserer Präparandie Aufnahme gefunden hat, an einen Glaubenswechsel nicht dachte, noch jetzt unserer Anstalt angehört und die Vorlesungen nach wie vor besucht. 2. Es ist u n w a h r, „daß sich eine Anzahl von Gymnasiasten, Realschülern . . . zum Besuche der Präparandie bereit erklärte und die meisten kein Hehl daraus machten, daß sie die Präparandie nur im Interesse der Stipendien besuchen würden . Wahr ist, daß sich die Hörer der Präparandie zum größten Teile dem Lehrfache widmen. Die Lehrerbildungsanstalt wollte keine weiteren jüdischen Kandidaten aufnehmen, und so sind die 'Hörer der Präparandie gezwungen, sich für die Lehramtsprüfung privatim vorzubereiten, was allerdings einige in der Weise aussühren wollen, daß sie jene allgemeinen Fächer, welche an den Mittelschulen gelehrt werden, eben durch den Besuch einer solchen Schule sich anzueignen bemüht sind. Andere Hörer bilden sich zu Mittelschullehrern heran und besuchen zu diesem Zwecke die hiesige Hochschule, oder sie nehmen Unterricht in Kantorat. bezw. in Schechita, und es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß solche Kultusbeamte, wenn sie auch den Religionsunterricht erteilen können, den Landgemeinden in Böhmen willkommen sein müssen. Nun sind allerdings zu den Vorlesungen an der Präparandie auch einige Hospitanten zugelassen worden, junge Studenten, die von jüdischen Dingen mehr wissen wollen, als ihnen der Religionsunterricht auf der Mittelschule bietet. Wenn der Berichterstatter, der das Judentum zu bedauern so oft vorgibt, unserer Anstalt und ihrer Leitung daraus einen Vorwurf machen will, so tue er es immerhin, aber er erdreiste sich nicht, während er einen solchen Vorwurf erhebt, den Anschein erwecken zu wollen, als handelte er im Sinne und im Interesse des Judentums, dem eö ein (Segen wäre n •mvb -pn v2i. 3. Es ist unwahr, daß man die „Mehrzahl der Stipendien halbiert habe, um die Schülerzahl aus mehr als fünf zu erhalten". Wahr ist, daß es bei der Eröffnung der Anstalt auf die Anzahl der Kandidaten gar nicht ankommen konnte und daß es es keiner künstlichen Mittel bedurfte, „um die Schülerzahl auf mehr als fünf zu erhalten". Von fünf Stipendien sind drei ganze vergeben und zwei halbiert worden, wobei ausschließlich Qualifikation und Bedürftigkeit der Petenten maßgebend waren. 4. Es ist unwahr, daß ich die „unartigenKinder" der Talmud-Thora den Direktoren der von ihnen besuchten Schulen anzeige (das Anstandsgefühl verbietet mir, diese dreiste Unwahrheit ganz wörtlich zu zitieren). Wahr ist, daß die Lehrer der Talmud-Thora es sehr gut verstehen, ihre Schüler zu meistern und zur Disziplin anzuhalten — der Kenner der Verhältnisse wird diese Leistung doppelt anerkennen — und daß ich als Direktor gar keine Veranlassung habe, die Ordnung durch Anwendung außerordentlicher Mittel ausrecht zu erhalteu. Ich habe mich aus mancherlei Gründen entschlossen, e i nmal einige Unwahrheiten des famosen Wahrheitshelden auszudecken, und das hat mich Ueberwindung genug gekostet. Wer nach dieser „einmaligen Abfertigung" noch glaubt, sich von einem namenlosen Individuum über die meiner Leitung anvertrauten Anstalten orientieren lassen zu sollen, ans dessen Anerkennung und Wohlwollen werden wir leicht verzichten lernen. : Zum Schlüsse muß ich mein Bedauern darüber ausdrücken, daß es sich Judentum, nationale Idee und Zionismus gefallen lassen müssen, wenn auch nur inoffiziell vertreten zu werden von einem Blatte, welches Artikeln, wie der. hier gekennzeichnete, seine Spalten öffnet, um einem sensationslüsternen Publikum „interessant" zu erscheinen, und das zu einer Zeit, da jedes wahrhaft jüdisch fühlende Herz schwere Sorge drückt und jede jüdische Kraft in den Dienst des Gesamtjudentums sich stellen sollte. Möge sich jeder ehrlich gesinnte und ernstdenkende Jude die Frage vorlegen, ob die Verhältnisse in Böhmen nicht dringend fordern, daß eine Anstalt, wie die Religionslehrer- Präparandie, von jedermann aufs tatkräftigste gefördert, und nicht von ihrer ersten Geburtsstunde an in einer, unter gebildeten und ernsten Männern keineswegs üblichen Weise und mit ausgesucht unwürdigen Waffen bekämpft werde. Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein.. Prag, Josesstädterg. 64. im März 1906. Dr. H. B r o d y, Direktor der Religionslehrer-Präparandie und der Talmud-Thora-Schule. Verschiedene Nachrichten. j Wien Seine Majestät der Kaiser hat der Frau Emilie von | Pfeiffer, geborene Biedermann, den Elisabeth-Orden zweiter Klasse verliehen. Frau von Pfeiffer hat vor kurzem ihr 70. Lebensjahr vollendet. I Wien, lI üdische Toynbee-Halle, XX.. Othmargaffe 46.) - Eintritt frei für jeden Erwachsenen. Beginn der Vorträge: an Wochentagen um 1/28, an Sonn- und Feiertagen uni 7 Uhr abends. Wochenprogramm: Freitag, den 23 März: Bibelvortrag. Herr Religionslehrer Leopold Weiß. Samstag, den 24. März: Konzert. Sonntag, den 25. März: „Moderne Kulturfragen im Lichte unseres Schrifttums." Herr Rabbiner Dr. Simon Mandl aus Neutirschein. Montag, den 26. März: | „Die Lehre vom Menschen." (Schluß.) Herr Dr. Jos. Pollak, Universitäts-Professor. Dienstag, den 27. März: „Ueber Totenkultus mit besonderer Berücksichtigung der Juden." Herr D. V i n e t a. Mittwoch, den 28. März: Musikalische Vorträge. Kammermusik-Quartett Specht. Donnerstag, den 29. März: „Wesen und Wert der Impfung." Herr Dr. Bauer. Freitag, den 30. März: Bibelvortrag. Herr Religionslehrer H. Löw-Bogl. Samstag, den 31. März: Literarischer Abend. — Sonntag, den 25. März d. I., 3 Uhr nachmittags: Kinderjause. —