Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. Die Wahrheit. :eite o. Wenn es uns also möglich ist, auf Grundlage der gesellschaftlichen Faktoren zu einer Erklärung derjenigen Erscheinungen zu kommen, die uns bei der Betrachtung der jüdischen Kriminalität aufstoßen, so würde es wissenschaftlich jedenfalls ein viel sicheres Ergebnis sein, als das an sich nicht unmögliche, aber kaum nachweisbare Zurückgreifen auf die Rasseneigentümlichkeiten. An der Hand einer Tabelle gibt der Vortragende hierauf eingehende Daten der Reichskriminalstatistik und fährt dann fort: Daß nach der Tabelle die absolute Zahl der Verurteilten ganz beträchtlich gestiegen ist, erscheint durchaus noch nicht als ein Zeichen für die Zunahme der Kriminalität. Wir müssen die absoluten Zahlen vielmehr in Relation setzen zur Bevölkerungsziffer, und zwar zu der Zahl der strafmündigen Zivilbevölkerung. Die dann gefundenen Zahlen ergeben sich aus der zweiten Spalte dieser Tabelle. In den Spalten 5, 6, 7, 8 sind dann die vier großen Hanptgrnppen der Verbrechen urterschieden. Nun fragt es sich, wie stellt sich innerhalb dieser Gesamtziffern die jüdische Kriminalität dar? Ich habe für diesen Zweck eine besondere Tabelle zusammengestellt: 3. U e b e r s i ch t (a bedeutet den Durchschnitt 1882/91, b den Durchschnitt 1892/1901). Auf 100.000 strafmündige Zivilpersonen der gleichen Religionsgemeinschaft kommen Verurteilte : Strafbare Handlungen über j haupk | Verurteilte ©Dali- I Kathogelische! lisch- ,Chr.st-n Juden Ueberhaupt a) 10811 663 1153 1030 784 b)1207 i 1122 1361 1206 1030 1. Hauptgruppe, Straftaten gea) 124' 124 124 124 104 gen Staat, Religion, öffentb) 169j 169 164 167 234 liche Ordnung j 2. Hauptgruppe. Strafsachen gea) 403 359 477 401 330 gen die Person b) 522 461 634 523 382 3. Hauvtgruppe. Straftaten gea) 499j 476 546 500 346 gen das Vermögen. b) 512 489 559 513 410 4. Straftaten im Amt . a) 5 5 5 5 5 b) 4! 4 1 4 3 Wenn wir die strafbaren Handlungen überhaupt ins Auge fassen, so sehen wir, daß die Kriminalität der Christen im ersten Dezennium 1030 betrug gegenüber 963 bei den Evangelischen und 1153 bei den Katholiken und 784 bei den Juden. Es zeigt sich also eine wesentlich ungünstigere Stellung der Katholiken nnd eine wesentlich günstigere Stellung der Juden. Im nächsten Dezennium finden wir bei den Christen überhaupt 1206 Fälle, bei den Katholiken 1361, bei den Juden 1030. Verteilen wir nun diese Gesamtziffern auf die vier Hauptgruppen, so sehen wir sofort eine ganz auffallende Erscheinung bei der ersten Hauptgruppe, und zwar ist im ersten Dezennium die jüdische Kriminalität mit 104 geringer als die der Christen mit 124. Für das zweite Dezennium springt die Ziffer der jüdischen Kriminellen beträchtlich in die Höhe auf 234, während die Ziffer bei den Christen bezüglich dieser' Delikte 167 beträgt, — zweifellos eine ganz merkwürdige Erscheinung. Bei den übrigen Hauptgruppen ist überall die jüdische Kriminalität eine bessere. > Fortsetzung folgt.) Aus der Wiener Kultusgemeinde. (Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 18. März 1906, unter dem Borsitze des Herrn 1. Vize-Präsidenten Dr. Gustav K o h n. Beginn 10 Uhr vormittags.) Vor Eingang in die Tagesordnung hält der Vorsitzende dem jüngst dahingeschiedenen Vorstandsmitgliede, Herrn Rudolf A u s p i tz, einen tiefempfundenen Nachruf, in welchem er der hervorragenden Charaktereigenschaften des Verblichenen, seines segensreichen Wirkens im Dienste der Oeffentlichkeit, seines besonderen, stets in vornehmster Weise geübten Wohltätigkeitssinnes gedenkt. Der Vorsitzende verfügt unter Zustimmung der Versammlung, welche sich zum Zeichen der Trauer von den Sitzen erhoben hat, die Einverleibung der Trauerkundgebung in das Protokoll. Der Vorsitzende gedenkt weiters in warmen Worten des dahingeschiedenen I. Kantors im Leopoldstädter Tempel, Herrn Moritz Blatt, der sich durch seinen besonderen Pflichteifer, durch seinen makellosen Lebenswandel allseitiger Wertschätzung erfreute. — Auch diese Trauerkundgebung wird unter Zustimmung der Versammlung dem Protokolle einverleibt. Im Ernlanfe befinden sich: An Spenden.: Rudolf Auspitz s. A. zur Verteilung an Anne X 2500. Rosalia Goldschmidt anläßlich des Sterbegedächtnistages ihres sel. Gatten, Herrn Karl Goldschmidt: Für Seelengedächtnis und Seelenlicht X 50, zur Verteilung an jüdische Arme am Sterbetage X 200, Chewra-Kadischa X 200, Handluugs-Kranken-Bereiu X 200, Wiener isr. Versorgungshaus X 600, Waisenverein X 200, zusammen X 1450. Josef G r ü n f e l d zur Errichtung eincr Dr. Josef Grünfeld-Widmung für jüdische Hörer der k. k. medizinischen Fakultät in Wien in 4"/oiger ungar. Kronenrente X 1200. Wilhelm H i r s ch l e r s. A. (Berlassenschafi) als Legat X 500. Als Entnahme der Sammelbüchsen des Stadttempels X 270-78. Dr. Jakob Engel für das israel. Spital X 50. Sammlung der Schülerinnen des Frl. Fr. für die israel. Schulküche in der Brigittenau X 11. Sekretär Dr. Emil Adle r anläßlich der Barmizwah des Sohnes des Herrn Verwalters Koditschek für das israel. Bersvrgungshaus X 10. N. Z., Uug.-Hradisch, für die russischen Juden X 10. Anna Rosenberger für die Brigittenauer Schulküche X 5. Rosa B u n z l für die russischen Juden X 4. Firma Jenny und F r i tz i für Arme X 4. Rvja H. I o s e f für die Brigittenauer Schulküche X 2. T e m p e lsp en d en : Im Leopoldstädter Tempel: Nathan Kaufmann X 20, Isidor Schwarz X 100, Julius K l a a r X 40. Max Jeiteles X 50, Georg Jeiteles X 100. Ein Dankschreiben der Familie Wollner für die Teilnahme des Vorstandes an dem Leichenbegängnisse der verstorbenen Rabbinerswilwe Frau Anna Wollner. Ein Dankschreiben der Frau Hermine Kadisch für die Teilnahme des Vorstandes anläßlich des Hinscheidens ihres Vaters. Der nach längerer Abwesenheit zum erstenmale in der Sitzung wieder anwesende Präsident Dr. Alfred Stern wird bei seinem Erscheinen von der Plenarversammlung lebhaft begrüßt. — Der Präsident dankt in warmen Worten für die ihm während seiner Krankheit bewiesene Teilnahme und für den ihm bereiteten warmen Empfang. Aufnahme des Namens des seligen Präsidenten der Kultusgemeinde, Herrn kais. Rat HeinrichKlinger s. A., in dieHaskarahdesStadtnnd Leopold st ädter Tempels. Der vom Vertreterkollegium gestellte diesbezügliche Antrag, über welchen im Sinne des Maskir Neschomot-Normales mittelst Stimmzettel abgestimmt wird, erscheint einstimmig angenommen. Folgenden Vereinen werden Subventionen bewilligt: dem Tempelvereine in Hietzing, dem Bethausvereine Emunas Awes in Fünfhaus, dem Brigittenauer Frauen-Wohltätigkeitsvereine, dem Brigittenauer Unterstützungsvereine, der Chewra Kadischa und dem Frauenvereine in Währing, dem Vereine zur Bekleidung armer alter Männer, dem Frauen-Wohltätigkeitsvereine Simmering. Au Stiftungen werden verliehen: die „Dr. Adolf Sacksffche Stiftung für Herz- und Aorta-Kranke" an 34 Personen im Gesamtbeträge von K 8316.—, die „Dr. Adolf und Emanuel Stern-Stiftung für Rigorosanten der Medizin" an 6 Personen mit Beträgen von je K 206.— Nach Erledigung von Personalangelegenheiten wurde die Sitzung um 12 Uhr mittags geschlossen. Brudermahl der Wiener Chewra Kadischa. Das Brudermahl, das die Wiener Chewra Kadischa Sonntag, den 18. Mürz in den Sofiensälen veranstaltete, hat durch sein glanzvolles Arrangement und die Zahl der Teilnehmer all seine Vorgänger weit übertroffen. Der feenhaft beleuchtete Saal, die prächtige Saaldekoration, die mit Blumen reichgeschmückte und festlich gedeckte Tafel, der schöne Kranz von Damen auf den Gallerten, vereinigte sich zu einem herrlichen, allen Teilnehmern unvergeßlichen Bilde, das in allen Details den kunstsinnigen Geschmack des Präsidenten der Chewra Kadischa, Herrn Salo Cohn, verriet, der mit gewohnter Freigebigkeit einen großen Teil der Kosten dieser Veranstaltung aus eigenen Mitteln bestritt. Die Stimmung war eine außerordentlich animierte und wurde durch die vollendeten Darbietungen der Musikkapelle Müller und die geistreichen Reden noch mehr gehoben. An der Front des Saales halte der Vorstand der Kultusgemeinde und der Chewra, in deren Mitte Oberrabbiner Dr. Güdemann und Rabbiner Dr. Schmiedl, Platz ge-