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Die Wahrheit · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 12. wird und durch die angeführten Uebelstände Unsummen von Geld, die für wirksame Hilfe verwendet werden könnten, ganz unnützer Weise auf kostspielige Spazierfahrten vergeudet werden. Hier Abhilfe zu schaffen, wäre also eine der wichtigsten Aufgaben der deutschen Hilfsorganisationen, die uns umso leichter erscheint, da wir die Ueberzengung gewonnen haben, daß nur rein geschäftliche Rücksichten auf die Schiffahrtsgesellschaften für die unbehinderte Durchfahrt durch deutsches Gebiet maßgebend sind, indem jenen Expeditionen, die z. B. durch Organe des Norddeutschen Lloyd ab Wien aus besorgt wurden, keinerlei Schwierigkeiten an der deutschen Grenze gemacht werden. Auch auf eine andere Seite der Hilfsaktion, die sich nunmehr in vielen Fällen als verfehlt erweist, müssen wir bei diesem Anlässe aufmerksam machen. Die Frankfurter Konferenz hat bekanntlich beschlossen, mit den gesammelten Hilfsgeldern nicht die Emigration zu fördern, sondern den größten Teil derselben zur Unterstützung in Rußland zu verwenden, und so wurden, wie jüngst Dr. Nathan in Berlin mitteilie, bereits an 6 Millionen Mail in Rußland verteilt. Aber die wahrscheinlich mangelhafte Organisation der dortigen Komitees hat gerade dasjenige, was der Frankfurter Beschluß vereiteln wollte, herbeigeführt, und durch die Unterstützung wurden sozusagen Prämien auf die Auswanderung ausgesetzt, indem Tausende und Abertausende, sobald sie nur das Geld vom Komitee erhalten hatten, sofort zum Wanderstabe griffen. Wo diese Summen, vielleicht mit Ergänzung eigener Mittel, zur Fahrt nach einem überseeischen Lande ausreichten, da war allerdings die Unterstützung nicht schlecht angebracht; aber leider genügte das Geld in den meisten Fällen nur zur Reise über die russische Grenze, und da Deutschland für mittellose Auswanderer an der Grenze hermetisch verschlossen ist, die österreichische hingegen gastfreundlich offen steht, so ist auch hier wieder ein fortwährender Zuzug vollkommen unbemittelter Elemente nach Galizien und Wien, der die ohnehin schwierige Lage der Wiener Allianz noch mehr erschwert. Der internationalen Vereinbarung gemäß, sollten alle diese Leute eigentlich gar nicht unterstützt, sondern einfach nach Rußland zurückgewiesen werden. Aber das ist viel leichter gesagt als getan; denn erstens werden wir hier in Wien, was wir vom menschlichen Standpunkte auch gar nicht bedauern, nicht so durch die Polizeigewalt unterstützt, wie die deutschen Komitees, und zweitens müßten dann in den Sichtungskomitees nur Polizisten und Gendarmen sitzen, nicht aber Männer, die auch ein fühlendes jüdisches Herz im Leibe haben. Die Wiener Allianz ist also in einer äußerst schwierigen Situation. Sie ist dem größten Ansturm von Rußland ausgesetzt, sie zahlt die Zeche für die Auswanderer nach England, damit diese dort nicht als Paupers landen, und sie bekommt noch als Draufgabe die Zurückgewiesenen aus Deutschland. Und so entstehen in Galizien und Wien Massenansammlungen von Emigranten. für welche die Mittel der Wiener Allianz nicht ausreichen können und zu deren Bewältigung, um eine Katastrophe zu vermeiden, die internationalen Organisationen sich früher oder später w erden vereinigen müssen. * * -i- Mit Eugen Richter hat nicht nur der deutsche Parlamentarismus einen seiner glänzendsten Vertreter verloren, sondern sein Heimgang wird auch von allen Freunden des Liberalismus aufs tiefste empfunden. Auch im Kampfe gegen den Antisemitismus stand er in erster Reihe und es war ganz natürlich, baß der Führer einer freiheitlichen Partei gegen die reaktionärste aller politischen Richtungen sich wenden mußte. So hat denn auch Richter mit seiner gewandten, scharfen Feder, mit der Wucht seiner glänzenden Beredsamkeit in Versammlungen wie im Parlament dem Antisemitismus und seinen Vertretern manche schmerzhafte Wunde beigebracht. Von den Reden, die in der Reichshauptstadt gegen das Stöckertum gehalten worden sind, waren die Eugen Richter'schen wohl die wirkungsvollsten. Im Parlament äußerte er sich das letztemal gegen den Antisemitismus, als im preußischen Abgeordnetenhause der Konitzer Mord zur Sprache kam. Es war in der Sitzung vom 9. Februar 1901, als Richter die Situation mit den Worten kennzeichnete: „Wenn ich von Ritualmord und dergleichen höre, da weht es mich an wie aus der Atmosphäre eines Narrenhauses heraus." Die antisemitischen Abgeordneten haben oft genug die Geißel seines Spottes zu fühlen bekommen. Der zum geflügelten Wort gewordene Beiname „Spaßmacher der Junker," den Herr Liebermann von Sonnenberg heute noch trägt, ist von Richter geprägt worden. Kein Wunder, daß er gerade von dieser Seite mit einem ganz besonderen Hasse verfolgt wurde. Die Kriminalität der Inden in Deutschland.*) Nachdem der Vortragende in seiner Einleitung den Standpunkt der modernen Strafrechtswissenschaft bezüglich der Beweggründe der Kriminalität im allgemeinen präzisiert hatte, wandte er sich dem eigentlichen Thema seines Vortrages mit folgenden Ausführungen zu: Wenn wir nun an die Betrachtung unseres Themas herantreten, so sehen wir sofort, es ist die Fassung des Themas: „Kriminalität der Juden im Deutschen Reich" durchaus nicht wissenschaftlich einwandfrei. Wir werden sofort bedenklich gegen die Stellung des Themas selbst. Man verlangt, daß wir die Gesamtziffer der Kriminalität teilen. Das ist ein durchaus berechngtes Verlangen. Aber nach welchen Gesichtspunkten sollen wir diese Teilung vornehmen? Die Christen, evangelische und katholische, sollen mir auf die eine, die Juden auf die andere Seite stellen. Was ist nun.aber ein Jude im Sinne der Kriminalstatistik? Der Angehörige der jüdischen Religionsgesellschaft-? Mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit hat unser Kaiserlich Statistisches Amt in den betreffenden Abschnitten der Jahrgänge der Reichskriminalstatistik immer und immer wieder betont: wir müssen davon ausgehen, daß die monotheistischen Religionen -ungefähr denselben Stamm an ethischen Vorstellungen und ethischen Normen haben, und es kann daher die Zugehörigkeit zu dieser oder jener Religion überhaupt kein Faktor der Kriminalität sein. Es wird dieser Erwägung weiter hinzugefügt werden müssen, daß die Religion, das heißt die Religiosität, als ein für die Kriminalität wichtiger, weil abhaltender Faktor angesehen werden muß, daß aber dieser Faktor, dieses innere Erfülltsein von ethisch-religiösen Vorstellungen, sich statistisch überhaupt nicht erfassen läßt. Es wird also auch die Kriminalität der Juden nicht abgeleitet werden dürfen von der Zugehörigkeit zur jüdischen Religion. Dieser gesellschaftliche Faktor, der uns durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Gruppe gegeben wird, scheidet also. aus. Es bleibt nur die Möglichkeit, den Begriff der Juden im kriminalstatistischen Sinne individuell, anthropologisch zu uehmen und zu sagen: welches ist die Krimiualität der Juden als Rasse? Also nicht die Zugehörigkeit einer bestimmten Religion, die der freien Willkür des Einzelnen überlassen bleibt, sondern! die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse, in die man hineingeboren wird, soll das Entscheidende sein. Auch gegen die Auf- > fassung des Themas in diesem Sinne ließen sich schwere Bedenken geltend machen. Vom wissenschaftlichen Standpunkte aus wäre es nicht unmöglich, daß die Kriminalität der jüdischen Rasse gewisse Eigentümlichkeiten darbietet. Aber kriminalstatistisch können wir diese jüdische Kriminalität, das Judentum als Rasse betrachtet, überhaupt nicht feststellen. Derjenige, der gestern noch Jude war, von unzweifelhafter jüdischer Abstammung, und der sich heute taufen läßt, wird morgen bei der Volkszählung oder wenn er eine strafbare Handlung begeht, als Christ und nicht als Jude erscheinen. Wir sind also gar nicht in der Lage, selbst wenn wir von der Annahme ausgehen sollten, es beständen bestimmte Eigentümlichkeiten der jüdischen Rasse, die sich kriminell bemerkbar machten, es wissenschaftlich durch die Statistik nachzuweisen. Aber selbst wenn wir einen solchen anthropologischen Einftuß der jüdischen Rasse auf die Kriminalität Nachweisen könnten, so dürfen wir doch nie das Uebergewicht vergessen, das die gesellschaftlichen Faktoren auf die Gestaltung der Kriminalität ausüben, wenn nicht in der einen Generation, so doch in den vorausgegangenen Generationen. *) Aus einem Vortrage des Geheimrates Prof. Dr. Franz v. Liszt

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