Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaktion n. 31 bmitiiftration : Wien, II/, Nvvaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Lnleraie 20 Hell, per NonpareiUc-Zeile. Abonnementsu. JnsertionSbeträge und in Wie» zahlbar »nd klagbar. «abhängige Aeiifchrifl für jnöifch, InLere^en^ Erscheint jeden Zlreitag. Uotto: ,Z)a-j 6ie»e1 Gottes ist Wahrheit!“ jj Verngsp^eis: jj Äanzjährig ... ff. Nt.— |J Halbjährig . .. ff. 6.— jj Für Cultnsbeamte: ji Ganzjährig . . . ff. io — ,j Für Ausland: / Äanzjährig ... 3 Mark!! 6 Rubel oder it> Fcs. |tv. 12 Wien, 23. Mär; 1906. Inhalt: Aus der Woche. — Die Kriminalität der Juden in Deutschland. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Das Brudermahl der Chewra Hadischa. — Einmalige Abfertigung. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Zurückgefunden. — Schir Zion. Aus der Woche. Bei dem glänzenden Brudermahle, das die allehrwürdige Wiener Chewra-Kadischa am letzten Sonntag in den Sofiensälen veranstaltete, richtete der Abgeordnete Dr. Strauch er, der jüngst erst im Abgeordnetenhause mit großer Beredsamkeit für die politischen Rechte und die gerechten nationalen Forderungen der österreichischen Juden eintrat, eine ernste Mahnung an die Wiener Judenschaft, sich nicht nur für die Todten sondern auch für die Lebenden zu organisieren und ihre reichen Fähigkeiten und Kräfte im Sinne einer gesunden echtjüdischen Volkspolitik zu betätigen. Trotz des rauschenden Beifalles, den der Redner fand, zweifeln wir an der Wirkung seiner Worte und darum halten wir es für besonders angezeigt, eine Aeußerung, die ein maßgebendes Mitglied der deutschen Volkspartei Dr. L e m i s ch gelegentlich der Wahlreformdebatte tat und die von den Wiener liberalen Blättern unterschlagen wurde, im Nachstehenden wiederzugeben. Bei Besprechung der Wahlreformvorlage sagte nämlich Dr. Lemisch folgendes: „Wenn ich ein Jude wäre, würde ich mich schämen, wenn man mich einen Deutschen oder Tschechen nennen würde. Der Jude kann nie Deutscher oder Tscheche werden. Er kann sich höchstens der Bildung des einen oder anderen Volkes an schmiegen, um entweder ihm zu dienen oder ihn sich dienstbar zu machen". Wenn die mahnenden Worte des Freundes nichts fruchten, vielleicht wirken die Schmähungen der Feinde und bringen diese die österreichischen Juden zur Besinnung, sich endlich von den Rockschössen anderer loszumachen und ihre eigenen Wege zu gehen. * Eine ähnliche, wenn auch in anderem Sinne beabsichtigte Mahnung, jüdische Politik zu treiben, hat auch Graf Witte an die russischen Juden gerichtet. Einer Deputation, die zur Ueberreichung eines Memorandums über die Entstehung der Pogrome bei ihm erschienen war, gab er folgende Weisung: „Die Juden müssen ihre eigene jüdische Politik treiben, sie brauchen keine andere als eine reinjüdische Plattform, nur auf diese Weise können sie zu ihren Rechten gelangen; würden sie so handeln, dann fänden sie auch Unterstützung seitens der Regierung. Aber die Juden belieben, eine entgegengesetzte Politik zu treiben, sie sorgen ausschließlich für fremde Inter essen, keineswegs aber für sich s elbst. Weshalb, frage ich, interessieren sich die Finnen oder die Polen nicht für rein russische Angelegenheiten? Weshalb liegen ihnen nur ihre Interessen am Herzen? Mein Rat ist: die Juden sollen in die Duma nur Juden schicken; gleichgiltig, zu welcher Partei sie gehören." * * In der letzten Generalversammlung des ..H i lf s v e r e i n e s der deutschen Juden", die am 11. d. M. in Berlin stattfand, wurde unter anderem über die „erfolgreiche" Tätigkeit des Zentralbureaus für Auswanderungsangelegenheiten und der Schutzkomitees an den Grenzen berichtet, die „Taufende von russischen Auswanderern mit Rat und Tat unterstützen." Bei aller Anerkennung des guten Willens unserer deutschen Brüder müssen wir jedoch gestehen, daß wir tagtäglich bei Sichtung des Wiener Auswanderungsmateriales ganz eigentümliche Vorstellungen von der Tätigkeit dieser Organisationen erhalten, denen allerdings der eine Erfolg zugestanden werden muß, daß es ihnen mit Hilfe der deutschen Polizei bisher gelungen ist, die massenhafte Invasion russischer Juden von Deutschland auf Oestereich abzulenken und jede Ansammlung von Auswanderern in Deutschland zu vermeiden. Bei einer derartigen internationalen Aktion, wie die Hilfeleistung für unsere unglücklichen russischen Glaubensbrüder gedacht ist, ist das Zusammenwirken sämtlicher Hilfsfaktoren die notwendigste Voraussetzung eines jeden Erfolges, und wo dieses fehlt, oder gar die eine Organisation der anderen geradezu entgegenarbeitet, ist ein Mißerfolg unausbleiblich. Wir wollen niemandem Vorwürfe machen, aber angesichts der hunderte von an der deutschen Grenze zurückgewiesenen russischen Emigranten, die uns in der Wiener Allianz ihr Leid klagten, drängt sich uns die Frage auf: worin besteht denn „Rar und Tat" der von Dr. Nathan so sehr gelobten Grenzkomilees, wenn sie es nicht verhindern konnten oder wollten, daß unzähligen, gesundheitlich vollkommen einwandfreien russischen Juden, sofern ihre Schiffskarten zur Ueberfahrt nach England, Nordamerika oder Argentinien nicht von einer konzessionierten Schiffahrtsgesellschaft ausgestellt sind, die Durchfahrt durch deutsches Gebiet nach dem Bestimmungshafen verwehrt wird? All diese Unglücklichen werden erbarmungslos nach Wien zurückgeschoben, wo sie der Wiener Allianz zur Last fallen, die dieselben auf dem kostspieligen Umwege über die Schweiz und Frankreich nach Amsterdam, Antwerpen oder Bremen befördern muß? Abgesehen davon, daß bei dem Mangel jeder Grenzsperre von Rußland nach Oesterreich die Wiener Allianz ohnehin dem größten Andrang von russischen Flüchtlingen ausgesetzt ist, muß man noch bedenken, daß eigentlich die gesamte Hilfsaktion für die russischen Juden aus einem gemeinschaftlichen internationalen Fonde bestritten