Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3062972-3063316-3063327--04160-3070977- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 11. Die Wahrheit Seite 7. Juden zuschulden kommen ließ, und auch die anderen Lehrer antisemitische! Propaganda treiben, wurde für Mittwoch den 7. d. M. Abend im! ^Kaufmännischen Klub" eine Volksversammlung einberufen, in welcher auch j der Direktor erschienen war. Sämtliche Redner geißelten in scharfen j Worten die Vorgänge ans dem hiesigen Gymnasium. Die Versammlung | beschloß, die Angelegenheit dem Landesschulrate, dem Unterrichtsminister > und dem Ministerpräsidenten ans telegraphischem Wege bekanntzugeben und zu verlangen, daß Professor B i e g a n o v s k y seines Amtes enthoben werde. Sarajewo, 5. März. Ans Bihae wird uns geschrieben: Dieser Tage veranstaltete hier der Ausschuß für den Tempelbau eine Unterhaltung, die einen großen moralischen und materiellen Erfolg hatte. Außer den Musikpiöcen, die von der hiesigen Stadtmusik vortrefflich besorgt wurden, gelangte das von Herrn Professor B r b a n ö i 6 aus dem Französischen übertragene Theaterstück „Königin Esther" zur Darstellung. 'Die Rollen waren — mit einer kleinen Ausnahme — in den Händen von Vertretern der hiesigen israelitischen Jugend und wurden vortrefflich gespielt. Von den Damen zeichneten sich besonders aus: Frau F. Löwp, Frl. Paula Rechnitz er als Königinnen, ferner spielten sehr gut Frau F. I z r a e l, Frl. G. M i l j u 8 und Frl. C. H e i n r i ch. In den Herrenrollen zeichneten sich die Herren A. R e ch n i tz e r. L. S i l b e r st e i n und T. Atti as aus. Der Saal war dickt gefüllt. Alle hiesigen Beamten mit den Herren Kreisleiter Baron R e d w i tz und Gerichtspräsident Herrn Wasowicz an der Spitze, ferner das gesammte Offizierskorps mit dem Herrn Hauptmann Mihaljeviö, die gesamte Geistlichkeit aller Konfessionen, sowie die ganze Bürgerschaft von hier und viele Gäste von auswärts waren erschienen. Der Saal war hübsch dekoriert. Ein separat errichtetes Buffet bot den Gästen alle denkbaren Erfrischungen zu müßigen 'Preisen. In demselben waltete ihres Amtes die um die ganze Sache so verdienstvolle Frau Dr. Körbel, von den Damen: Frau Cäcilia Emma und Elvira R e ch n i tz e r sowie Frau Dr. P o r d e s eifrig unterstützt. Die Honneurs machte der Ausschußpräsident Herr Dr. Körbel, dem die ausgezeichnete Ordnung und der flotte Verlauf des Ganzen zu verdanken ist. Der Reinertrag betrug K 1004.84 und wird gewiß dazu beitragen, daß das Gotteshaus bald zur Eröffnung gelangt. Paris. Die Tochter des Baron Max Springer, Mme. Fould, rvurde am 11. d. M. in Paris von einem Knaben entbunden. Kingesendet. Sehr geehrter Herr Redakteur! Zur Aufklärung der Notiz, die der Vorstand des Choral-Tempels ln Ihrer w. Zeitung vom 9. d. M. veranlaßte, ersuche ich Sie um Aufnahme folgender Zeilen: Die Behauptung, daß ich nicht widerrechtlich entlassen und überhaupt nur auf ein Jahr akzeptiert war, ist durchaus nicht richtig. I. Wurde mir ausdrücklich vom Vorstande bei meiner Aufnahme als Oberkantor versprochen, daß mir die Generalversammlung — welche allein das Recht besitzt, das Definitivum zu verleihen — dasselbe im Monate Oktober verleihen wird. Monat Oktober ist schon längst verschwunden, aber die Generalversammlung hat bis zum heutigen Tage noch nicht stattgefunden. II. Hat doch eigenhändig der Herr Vizepräsident, nachdem meiner Frau abgeraten wurde, nach Rumänien zu gehen, folgende Depesche aufgesetzt: Hiesige Gemeinde entläßt mich nicht. Posten sehr gut. Zukunft gesichert. Sei unbesorgt . . . III. Hat auch Se. Ehrwürden Herr Dr. Beck einen Brief an meine Frau gerichtet, wo ebenfalls von einem Jahre gar keine Rede ist, sondern nur von einer gesicherten Zukunft. IV. Hat ja doch der Herr Vizepräsident in einer gut besuchten 'Vorstandssitzung, wohin auch ich gerufen wurde, nachdem ich fort wollte von hier, an mich folgende Ansprache gerichtet: „Ich, der ein Familienvater bin und der schon große Enkel hat, werde doch nicht so schlecht sein, eine Familie von Ferne hieher zu beziehen, wenn ich nicht wüßte, daß der Betreffende eine sichere Zukunft hier haben würde! Sie werden Ihre 'Kinder hier gut versorgen können! Sie werden hier glücklich sein! Wenn Sie nur 10—15 Jahre fungieren werden, können Sie sich ein schönes Kapital erwerben! Wir denken, daß der gottselige Weiß lebt! Sie haben etwas ähnliches mit ihm! Sie werden ganz bestimmt 4000 fl. Einkommen haben und noch mehr!" . . . V. Wird doch jeder vernünftige Mensch einsehen, daß man einen definitiven und pensionsberechtigten Posten mit 14 jähriger Dienstzeit und den man mit allgemeiner Sympathie bekleidete, nicht aufgeben wird, um sich auf ein Jahr akzeptieren zu lassen. Selbstverständlich nach so vielen Versprechungen — welche aber bei weitem der Wahrheit nicht entsprechen, bin ich zu meinem Unglücke hier geblieben. Bukarest 27. H. /12. III. 1906. . Marcus Friedrich, Oberkantor. Aurückgefrmden. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) In einem Momente, wo Unmut, ja Hoffnungslosigkeit den jungen Doktor befallen hatte, ließ sein vertrautester Freund das erstemal das Wort Taufe fallen. Es fiel auf fruchtbaren Boden. Seit er aus dem Elternhause fort war, hatte Josef niemals mit Juden verkehrt. Das Gefühl für seine Religion und Stammesgenofsen war bei ihm niemals sonderlich entwickelt gewesen und war ihm in den letzten Jahren ganz abhanden gekommen. Seine Eltern waren fromm, sehr fromm, das was man orthodox nennt. Sie forderten von ihm, so lange er zu Hause war, eine sorgfältige Beobachtung aller den Juden vorgeschriebenen Gebote, welche er auch, als eine selbstverständliche Sache, genau erfüllte, aber Liebe zu dem Volke, dem er durch seine Abkunft angehörte, hatte er bei diesen nur dem mühseligen Erwerbe lebenden Menschen nicht gelernt. Die Glaubensgenossen, die zuweilen in der väterlichen Krema verkehrten, hatte er in der Pfarrei, wohin ihn täglich sein Studium führte, gründlich verachten gelernt. Seine Religion war ihm mit der Zeit fremd geworden, er war nur noch dem Namen nach Jude. „Und was ist ein Namen?' sagte er sich, „Schall und Rauch!" Diesem zu Liebe war er nicht geneigt, seine Existenz zu opfern. Das einzige Hindernis, das ihm im Wege stand, das war die Einwilligung seiner Eltern. Zwar bedurfte er deren nicht. Er war unabhängig, war volljährig. Aber er wollte diesen entscheidenden Schritt nicht unternehmen, ohne mit ihnen Rücksprache genommen zu haben, ohne ihnen die Gründe für seine Handlungsweise auseinandergelegt zu haben. Wie schlecht kannte er diese, wenn er annehmen konnte, daß sie, wenn auch mit Widerwillen, in seinen Uebertritt willigen würden. Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, das diesen einfachen Leuten als Schreckbild vorschwebte seit dem Tage, da Josef seinen ersten Gang ins Pfarrhaus angetreten hatte, als die Mutter in Weinen, der Vater in Schelten ausbrach. Seine Schwester Rifka, welche in Vertretung der immer kränklichen Mutter die Wirtschaftsführung besorgte, näherte sich dem Bruder, zu dem sie voller Ehrfurcht wie zu einem erhabenen Wesen aufblickte, und sagte: „Tu's nicht, Josselleben, tu's nicht, die Busche für uns märe zu groß, die Mamme überlebte es nicht." ..Gutes Kind," antwortete Josef dem Mädchen, ..Du sprichst, wie Du es verstehst. Habe ich darum meine ganze Jugendzeit mit ernsten Studien zugebracht, einen solchen Rang erlangt, um dann, hart am Ziele, vor einem albernen Vorurteil zurückzuweichen? Was soll aus mir werden?" »Du bist ein geschickter Mensch, Bruderleben, Du wirst schon in irgend einer Khille eine Stelle als Melamed bekommen," tröstete das in weltlichen Dingen ganz unerfahrene Dorfmädchen. Ungeachtet des Ernstes der Situation überkam Josef beim Anhören dieser grenzenlosen Naivetät ein Lächeln. „Und was soll aus D i r werden, wenn es mir auf diese Weise unmöglich gemacht wird, für Dich zu sorgen? Willst Du denn hier in dieser trostlosen Einsamkeit, in diesem weltverlorenen Neste verkümmern?" „Ich verlange nichts anderes von Dir, als daß Du mein Bruder bleibst." „Bleibe ich das denn nicht auch, selbst wenn ich dem Namen nach Christ werde?" „Nein, das bleibst Du nicht. Wenn Du ein Kofer wirst, so werden wir alle Dich aus unserem Herzen reißen, so wie wir unsere Kleider zerreißen und sieben Tage lang auf der Erde sitzen werden, als Zeichen der Trauer, wie um einen Toten, und tot würdest Du von nun an für uns alle sein." „Auch für Dich werde ich tot sein, Mutter," wendete sich der Doktor an die bleiche Frau, welche, still vor sich hinweinend, beim Ofen saß. „Ich wollt', ich wäre schon tot, daß ich Dir keine Antwort auf Deine Frage geben müßte. Aber Gott wird mich bald erlösen, hoff' ich." Der alte Mann in dem langen, schäbigen Kaftan, mit den gewundenen Locken zu beiden Seiten des ehrwürdigen grauen Hauptes, sagte grollend: