Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 11. Programm kandidierte, von den Jüdischnationalen aus das entschiedenste bekämpft und abgelehnt werden, und bei den Wiener Juden dürste er einerseits sür ein solches Programm nicht das nötige Verständnis und andererseits wieder nicht die nötige Unterstützung sinden. Mit Rudols Auspitz, der in den letzten Tagen zu Grabe getragen wurde, hat die Wiener Judenschaft eine ihrer hervorragendsten Persönlichkeiten verloren. Mag auch seine politische Haltung als Abgeordneter manche Anseindnng erfahren haben, so konnten selbst seine entschiedensten Geguer seinen bedeutenden Fähigkeiten und ausgezeichneten Tugenden Achtung und Anerkennung nicht versageil. Er war ein guter, edler Mensch, der mit den reichen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, viel Gutes wirkte und mit großmütiger Freigebigkeit alles Gemeinnützige förderte. Einen schönen Zug ans seinem Leben erzählte Baron Stummer v. Tavarnok in der Trauerrede, die er als Präsident des Zentralvereines sür Rübenzuckerindustrie dem dahingeschiedenen Mitglied widmete. Auspitz war bekanntlich ein entschiedener Gegner des Zuckerkartells und stand mit seinen großen Zuckerfabriken außerhalb des Kartellverbandes. Trotzdem kam natürlich die durch das Kartell geschaffene Preislage des Zuckers auch seinen Unternehmungen zu gute. Er wollte aber davon nichts prositieren und stiftete daher alljährlich einen dem Kartellgewinn entsprechenden Betrag für einen bestimmten humanitären Zweck, nämlich für den Unterstützungsfonds der Angestellten der Zuckerindustrie. Auf diese Art har Auspitz im Laufe der Jahre mehrere hunderttausend Gulden dem genannten Fonds zukommen lassen. Ueberdies hat sich Auspitz, so lange er lebte, stets dagegen gesträubt, daß diese Widmung in der Oeffentlichkeit bekannt werde, und erst an seinem Grabe vor einer tiefbewegten Trauerversammlung wurde das Geheimnis enthüllt. * -i- Frankreich hat ein neues Ministerium, das seine charakteristische Färbung durch den Eintritt Clemenceau's erhält und schon heute zur Erinnerung an das Ministerium Gambetta das „Große Ministerium" genannt wird. Georges Clemenceau ist ein energischer, integrer Charakter, der seinen wahrhaft freiheitlichen Prinzipien alles unterordnet, und unbekümmert um die politischen Konsequenzen mit seiner feurigen Beredtsamkeit rücksichtslos für das eintritt, was er für recht und billig hält. So gab er sich auch gelegentlich der Revision des Dreyfuß-Prozesses, wo er die schönen Worte sprach: „Es darf Niemandem ein Unrecht geschehen, weil er ein Jude ist." Das Jünglein an der Mage. Auf dem parlamentarischen Markte, der gegenwärtig im österreichischen Abgeordnetenhause etabliert ist, herrscht großes Feilschen. Jeder Volksstamm tritt mit einem förmlichen Heißhunger an den Großhändler in Reichratsmandaten heran, und kein Volk und keine politische Partei, selbst nicht der Polenklub, der wie gewöhnlich den Löwenanteil davonträgt, zeigt sich mit dem Dargebotenen zufrieden. Wie verhält es sich nun mit unserem Volke? Hat dasselbe auch wenigstens einen ernsten Versuch gemacht, sich Gehör zu verschaffen? Leider nur ein Teil, nämlich die 800.000 Juden in Galizien und in der Bukowina, während das Gros der westlichen Juden, in mißverstandenem assimilatorischem Interesse, die Geltendmachung politisch-nationaler Forderungen in diesem so eminent wichtigen Zeitpunkte fallen ließ. Die Gründe, weshalb jene Auchjuden, die sonst wohl nicht allzu bescheiden sind, gerade hier so verschämt tun und das jüdische Blut, das in ihren Adern fließt, für minderwertiger ansehen als das deutsche, tschechische, slovenische u. a., sind geradezu unfaßbar. Gerne möchten wir uns der harten und herben Worte, welche uns dieses verächtliche Versteckensspiel der Großjuden in die Feder drängt, enthalten, aber diese Schändung des jüdischen Namens und jüdischer Volksehre muß unser jüdisches Nationalgefühl empören, man fühlt sich in seiner eigenen Person betroffen und voll Bitterkeit fragt man sich: „Weshalb fühlt Ihr Großjuden Euch so wohl in Eurer Goluthstellung, weshalb wollt Ihr nicht heraus aus der politischen Sklaverei und im Völkerkonzerte festwurzelnd, ausrufen: „Iwri Anochi!“ Ich bin nnd bleibe Jude, der alle Bürgerpflichten leistet und daher auch seine unverkürzten politischen Rechte fordert? Ihr betörten, geldstrotzenden Sklaven, Euere Selbsterniedrigung paßt für das finstere Mittelalter, nicht aber für das gegenwärtige Jahrhundert der Völkerfreiheit! Ihr werft den galizischen Inden den Kosenamen „Schnorrer" vor, und nun, da die Konjunktur gekommen ist, welche uns den Schnorr- und Bettelsack abnehmen könnte, da geschieht das Traurige, daß Ihr ihn Euch selbst anschnüret. Oder wollt Ihr ungekannt im Trüben aller anderen Volksstämme fischen? O, Ihr Geusen dieser neuen Zeit! Wie wird sich nun das Schicksal unserer 800.000 Juden gestalten? Der Ministerpräsident, dem es um jedes einzelne Mandat zu tun ist, der Mann, welcher wohl - den Ruhm sich sichern will, ein Neuösterreich mit einer Volksvertretung in des Wortes vollster Bedeutung zu schaffen, muß unserem Stamme jene Kategorie auweisen, die die einflußreichen Westjuden diktieren — nämlich als Bürger zweiter Güte, als das Zünglein an der Wage. Galiziens 800.000 Juden werden wieder gezwungen sein, von der Gnade und Ungnade des einen oder des anderen Volksstammes abzuhängen und eine Art Keilstellung einzunehmen. Wiederum werden die Bezirkspaschas und die Polenklubgewaltigen die kleinstädtischen Juden zwingen, zu ihrer Kandidaten Gunst und Vorteil in den Wahlkampf zu ziehen. Und erst die polnische Wahlgeometrie! Wie diese ausfallen und wie diese die Meßschnur ziehen wird über die zu kreirenden Wahlgebiete, das alles wird uns schon die nächste Zukunft lehren. Aber heute wissen wir schon, daß wir ausgeliefert wurden, zumeist durch unsere eigenen Stammesgenossen, die es stets vor ihrem Gewissen und vor der Oeffentlichkeit zu verantworten haben werden, daß wir in dieser Epoche der politischen Neubildung Oesterreichs nicht als ein ethnisches Ganzes angesehen wurden, dem ebenfalls ein Stuhl an der Sonne gebührt, sondern als eine zusammengewürfelte Menschenmasse, die sich jedem fremden Volksstamme anschmarozt, selbst demjenigen, den unsere Liebdienerei ganz unlieb berührt und der der Abneigung gegen uns gar oft beredten Ausdruck gegeben hat. Welchen Weg sollen nun unsere Zulegbürger einschlagen? Zunächst müssen sie sich als Volksganzes organisieren, ihr eigenes Zentralwahlkomitee der galizischen Juden einsetzen — wie dies im Jahre 1873 geschah — und ihre Kandidaten vor sich erscheinen lassen, um ihr Glaubensbekenntnis anzuhören, zu akzeptieren oder zu verwerfen und nur solche zu entsenden, die es auf sich nehmen, als wahre und unabhängige jüdische Volksvertreter auf alle Vorkommnisse im jüdischen Lager offen zu reagieren. In jenen Ortschaften, in denen unsere Brüder ihre Stimmen als Zünglein an der Wage auszunützen in der. Lage sind, dürfen sie, in weiser Voraussicht aller ökonomischen und politischen Folgen, sich nicht verleiten lassen, gegen die ruthenische Bevölkerung die polnische zu begünstigen, vielmehr müssen sie sich im gegebenen Falle einer ehrlichen Neutralität befleißen. Natürlich wird es auch Wahlorte geben, wo durch Pertraktation ein jüdisches Mandat heraus kommt. Das muß aber auch mit großer Vorsicht und weiser Berücksichtigung der gegebenen Verhältnisse geschehen, um sich dann das bittere Gefühl zu ersparen, ein Danaergeschenk erhalten zu haben. Als Devise gelte immer die alte ärztliche Regel: „Ne noceat“, wenn das Mittel auch nicht nützt, darf es mindestens nicht schaden. Auf diese Weise werden wir die Afterstellung, in die wir gedrängt wurden, teilweise als Remedur benützen, um im österreichischen Reichsrate als gefesselter Prometheus zu erscheinen und vielleicht auch an die Bildung eines jüdischen Klubs schreiten zu können. Natürlich wird das letztere nur möglich sein, wenn unsere weisen Westjuden es nicht vorziehen werden, die unwürdige Stellung eines Anhängsels an irgend einem anderen Volke anzunehmen. Eine stramme Solidarität aller jüdischen Abgeordneten im Reichsrate wird von fast allen nationalen Klubs nur als recht und billig aufgefaßt werden