Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion u. Slbmiiiiihalioit: Wien, II/, Nvvaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. üulvvati* 2ü HeN. per No»pareille--jeue. Abonnementsu. Znsertionsbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. > ayrcheit 'nakhängige Aeilschrifl für Mische Intereß'en^ Erscheint jeden Areitag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ j Verngspvers:! Äanzjähriq ... st. is.—;| j Halbjährig ... ft. 6.— j;! Für CultuSbeamte:;i «»unzjädrig ... ft io — ' Für Ansilind: ' \\ Äanzjavrig . . . s Mark |;j ti Rubel oder lti Fes '! Ur. 1t._Wien, 16 Wiir; _ 1906. Inhalt: Ans der Woche. — Das Zünglein an der Wage. — Purim-Erinnerungen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Zurückgefunden. Ans der Woche. Der Abgeordnete Dr. Strauch er, der immer in der vordersten Reihe steht, wo es sich um die Verteidigung jüdischer Interessen handelt, ist nun auch im Abgeordnetenhause mit großer Entschiedenheit für die bei der Wahlreform verkürzten Rechte der Juden eingetreten. Auch die Juden, sagte er, müssen bei aller Begeisterung für das allgemeine Wahlrecht die Nichtgewährung ihrer Förderungen nach nationaler Autonomie und proportionaler Vertretung bedauern. Der staatserhaltende Charakter des jüdischen Volksstammes sowie die Notwendigkeit einer Kompensation für eine so starke Einbuße durch den Wegfall ihrer Vertretung aus den Handelskammern hätte eine ganz andere Berücksichtigung der Vertretung der Juden in dem neuen Parlament erfordert. Die Regierung hat ihre Information nur aus einer ganz dünnen Schichte der Judenschaft im Westen und einer noch dünneren im Osten geholt. Diese oberen und privilegierten Juden sind mit dem Judentum nur in ganz losem Zusammenhänge. Die Juden glauben, umsomehr ein Recht auf eine ihrer Zahl entsprechende Vertretung zu haben, als der Ministerpräsident erklärt hat, die nationalen Minoritäten schützen und das Parlament zu einem getreuen Abbilde unseres Vaterlandes machen zu wollen. Gerade die Judenschaft benötigt diesen Schutz ganz besonders zur Sicherung ihrer so oft gefährdeten politischen Rechte und auch wirtschaftlicher Interessen. Gestützt aus den so oft malträtierten Artikel 19, bitte Redner auch für sein Volk um Durchführung der gesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung bei der Wahlreform. Gerade national gesinnte Männer müßten Verständnis dafür haben, daß auch? die Wünsche einer getretenen Minorität berücksichtigt werden sollen. Die Slowenen erhalten bei einer Zahl von 1,192.000 oder 4'65 Prozent der Bevölkerung 23 Mandate, die Italiener für 727.000 Einwohner oder 2-83 Prozent 16 Mandate u. s. w., während die Juden mit 1,225.000 Einwohnern bestenfalls fünf oder sechs Mandate haben werden. Denn auch in den wenigen sogenannten jüdischen Wahlbezirken Galiziens und der Bukowina besitzen die Juden keine absolute Majorität, und es ist auch noch mit gewissen Wahlpraktiken zu rechnen, die ihnen auch diese geringe Vertretung in Galizien wegschnappen könnten. Eine gerechte Wahlreformvorlage soll, wie der Ministerpräsident betonte, eine Photographie aller sozialen und nationalen Strömungen eines Landes sein. Das ist diese Vorlage, soweit es sich um die Juden handelt, nicht. Die Juden können nach der Vorlage höchstens ein Drittel der ihnen gebührenden Manj datszahl erreichen. Das ist ein unerhört schweres Unrecht. Die > Juden haben sich mit vielen Völkern vertragen, und sie sind j auch heute noch die treuesten Parteigänger der Deutschen. Abg. Dr. Lemisch: Nicht überall'. Abg. Dr. S t r a u ch e r: Behandeln Sie dann die Juden nicht so, wie Sie es tun! Ich speziell habe keine andere Bildung, als die deutsche. Warum bin ich minderwertig? Abg. Dr. L e m i s ch: Das sind Sie nicht. Sie sind nur ein Jude. Abg. Dr. S t r a u ch e r : Wir bleiben Freunde des deutschen Volkes, weil wir Anhänger der gigantischen deutschen Kultur sind. Es ist ungerechtfertigt, denn die Judenschaft beansprucht, daß ihr insbesondere in der Bukowina, wie bisher, zwei Mandate sichergestellt werden, sowie Redner auch dafür eintreten müsse, daß den Deutschen in der Bukowina die ihnen der Zahl nach gebührende Vertretung gesetzlich gewährleistet werde. Bei den unwürdigen Exzessen, wie sie leider in diesem Hause zur Unsitte geworden sind, wollen die Juden von Abgeordneten vertreten sein, die mit Mut auch für die Juden)chaft eintreten. Wir Juden wollen nichts anderes, fchloß Redner, als das, was die übrigen Völker dieses Reiches anstreben, nämlich eine ihrem Volkstume und ihrer Zahl entsprechende Vertretung im Abgeordnetenhause. Das jüdische Volk in Oesterreich hält treu zum Staate und znm Kaiserhause; Oesterreich soll ein Hort für alle Völker sein, welche das Szepter der Habsburger eint, und alle in ausgleichender Gerechtigkeit mit gleicher Liebe umschließen. Um diese ausgleichende Gerechtigkeit bitte ich auch für mein Volk.! Leider steht Dr. Srraucher bisher allein im Reichsrate und es wäre nur zu wünschen, daß die wenigen Mandate, die für. das künftige Abgeordnetenhaus den Juden in Aussicht stehen, mit ebenso energischen und aufrichtigen jüdischen Vertretern besetzt werden. An Bewerbern selbst für diese wenigen Mandate fehlt es schon jetzt nicht, und sonderbarer Weise auch aus solchen Kreisen, die sich bisher der jüdischen Wahlreformbewegung gegenüber ziemlich kühl verhalten haben. So ließ z. B. die „österr. Wochenschrift" in ihrer letzten Nummer ihren Herausgeber durch den besonders in galizisch-jüdischen Kreisen allgemein verehrten Hofrat v. G n i e w o s z einem P. T. Publikum bestens empfehlen. Die Aspirationen Dr. Bl ochs auf ein Abgeordnetenmandat sind aber ziemlich aussichtslos und er wird das Einsammeln der Früchte diesmal wohl Jenen überlassen müssen, die auch die Aussaat besorgt haben; denn in Galizien würde er, selbst wenn er auf ein unabhängiges jüdisches