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Die Wahrheit · 1906-03-09 · Heft 10 (9.3.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 10. die geschichtliche Tatsache der Hinrichtung ihren legendarischen Charakter angenommen. Dort wird nämlich erzählt, Herodes habe den Propheten ergreifen, binden und in den Kerker werfen lassen, weil er ihm gesagt habe, er dürfe seines Bruders Weib nicht haben. Bei einem Feste, anläßlich von Herodes' Geburtstage, habe Salome vor ihm getanzt. Davon ganz entzückt, habe er ihr freigestellt, eine Bitte an ihn zu stellen, deren Erfüllung er mit einem Eide bekräftigte. Nun habe ihre Mutter, welche Johannes wegen seiner Verwürfe Hatzte, ihre Tochter angewiesen, das Haupt des Johannes zu verlangen. Daraufhin ließ Herodes, wenn auch ungern, Johannes im Gefängnisse hinrichten und dessen Haupt seiner Stieftochter auf einer silbernen Schüssel überbringen. Milde hat nun diese Legende mit vollständigster dichterischer Freiheit umgearbeitet. Es läßt Salome Johannes nach einem Gastmahle aus dem Kerker holen. Sein erster Anblick erfüllt sie mit einer glühenden sinnlichen Leidenschaft. Und da er ihre Liebkosungen verschmäht und mit sittlicher Entrüstung sich ihnen entzieht, sinnt die Verschmähte auf Rache. Der Geburtstag des Herodes bot ihr nun die gewünschte Gelegenheit. Vor Herodes, der längst auf seine Stieftochter ein lüsternes Auge geworfen hatte, den „Tanz der sieben Schleier" aufführend, bei dem dessen wollüstige Gier sich aufs höchste steigerte, äußerte sie den schon angegebenen Wunsch. Doch wie sie den blutigen Kopf erhält, erwacht ihre unbändige sinnliche Leidenschaft von neuem, ihre erotischen Triebe entzünden sich an dem grauenerregenden Gegenstände und sie bedeckt ihn mit brünstigen Küssen. Herodes selbst ward darüber von einem solchen Ekel ersaßt, daß er der Wache den Befehl gab, Salome zu töten. Viele haben gegen den Dichter die Einwendung erhoben, daß das Benehmen der Salome menschlich und psychologisch unmöglich sei. Diesen gegenüber will ich nun hier darauf Hinweisen. daß uns im Talmud etwas ähnliches von einer römischen Kaisertochter erzählt wird. Eine Tochter Hadrians (?), denn nur dieser Kaiser kann gemeint sein, fand solches Wohlgefallen an dem blendendschönen R. Jsmael b. Elischa, einer von den zehn Gesetzeslehrern, die auf Befehl Hadrians nach der Unterdrückung des barkochbäischen Aufstandes hingerichtet wurden, daß sie sich die ihm von Kopf und Angesicht abgezogene Haut geben und . dieselbe präparieren ließ, um sich an deren Anblick zu erfreuen. Der Schädel oder die Schädelhaut (Laralrstals) des R. Jsmael war viele Jahre in Rom zu sehen (Chulin 123 a, Raschi Abudasarah 11 b). Auch in der am 9. Ab in allen Synagogen vorgetragenen Kinah ..^.r86b-ba1'wonoii", welche von dem grausamen Tode der 10 Märtyrer handelt, wird des Umstandes mit der Kaisertochter erwähnt. Bei einer Angehörigen der herodianischen Familie kann wohl die gleiche Perversität wie bei einer römischen Kaisertochter zu finden gewesen sein. Ist doch Herodes I. selbst nach Talmud B. bathra 3 a pervers gewesen. Der Antisemiten wegen will ich jedoch bemerken, daß Herodes nicht von jüdischer, sondern idumäischer Abstammung war, den Römern sich vollständig angeschlossen und deren ganzes Gehaben und auch ihre Laster sich Zu eigen gemacht hat.- Die Assimilation der Hordianer mit den Römern war so groß, daß von der Zeit an der Name „Edom" auf die Römer übertragen und alle prophetischen Verkündigungen der Bibel über „Edom" auf Rom bezogen -wurden. Die Agadisten der folgenden Jahrhunderte sprachen von den Schlechtigkeiten und Gewalttätigkeiten Esaus und Edoms und meinten damit immer Rom. Prag-Weinberge. Stark. Amerikanischer Kries. Die Presse beschäftigt sich überall unverhältnismäßig viel mit den Juden. Nirgends hat das so viel Berechtigung wie in Amerika und ganz besonders in New-Iork. Sind ja die Juden in solchen Massen in den Vereinigten Staaten eine neue Erscheinung, und in New-Iork soll die Zahl der Juden innerhalb weniger Jahre auf über eine Million angewachsen sein. Genau läßt sich die Zahl nicht angeben, weil viele Juden als Deutsche, Ungarn re. registriert werden, und mit dem Registrieren es in dem freien Amerika überhaupt nicht so genau genommen wird. Wenn man bedenkt, wie die tapferen Teutonen, die sich so gern als die Herrenmenschen xar excellence ansehen und niemand fürchten, gejammert haben, als Berlin noch nicht 70.000 Juden zählte, dann muß man billig staunen, wie gleichmütig man es in Amerika hinnimmt, daß allein die Hauptstadt des Landes etwa doppelt so viele jüdische Einwohner zählt als das ganze Deutsche Reich. Die Amerikaner wundern sich höchstens, daß die Juden einen ihrer Anzahl nicht entfernt entsprechenden politischen Einfluß haben, ja beanspruchen, daß sie sich yicht wie die Iren orgnisieren und den ihrer Anzahl ensprechenden Anteil an der Stadtregierung sich sichern. Man entsetzt sich aber auch keineswegs vor dem Gedanken, daß New-Mork ebenso einmal unter einem jüdischen Stadtoberhaupte stehen könnte, wie London bereits wiederholt gestanden hat. Welche Krämpfe wohl die deutschen Antisemiten befallen würden, wenn die Berliner Stadtvertretung sich einfallen ließe, einen jüdischen Oberbürgermeister zu wählen, was ja noch nicht gleichbedeutend wäre mit seiner Bestätigung, die unter den jetzigen Verhältnissen in Deutschland wohl ausgeschlossen ist. Allseitig wird anerkannt, daß schon die Kinder der eingewanderten Juden sich vollständig assimiliert haben. Wer sich in Amerika nicht assimiliert, das sind die Chinesen, die Italiener und einige andere Volksstämme. Die „New-Iork Tribüne" hebt hervor, welche Rolle die Juden in dem New-Aorker Baugewerbe allein spielen. In Amerika ist man nicht in dem Wahn befangen, die Juden könnten und wollten nicht mit ihrer Hände Arbeir ihr Brot verdienen. Sind ja, wie wir dem genannten Blatte entnehmen, von den in New-Iork eingewanderten 500.000 russichsen, rumänischen 2C.. Juden etwa 350.000 gelernte Handwerker und ungelernte Arbeiter. Aber man war bis vor kurzem mehr gewöhnt, die Juden als Schneider, Kürschner u. dgl. beschäftigt zu finden, und man ist einigermaßen verwundert, jetzt zu sehen, daß sie auch alle zum Häuserbau erforderlichen Arbeiten verrichten können, daß sie als Bauhandwerker in dem großen New-Iork eine allen in die Augen fallende Erscheinung bilden. In ganzen Quartieren werden lange Häuserreihen vom Grund- bis zum letzten Dachstein von Juden erbaut und mit allem Beiwerk, wie Klempnerarbeiten, Glaser-, Maler-, Stukkaturu. s. w. Arbeiten versehen. Da die meisten von diesen jüdischen Arbeitern noch streng religiös sind und am Sabbath nicht arbeiten wollen, werden sie von christlichen Bauherren natürlich nicht gern in Dienst genommen; so sind denn jüdische Bauherren eingesprnngen, die von ihren Glaubensgenossen Bauten aufführen lassen und ihnen den Sabbath gönnen. Indessen kann wohl nur von den beschränktesten Dummköpfen, von unerfahrenen oder böswilligen und verlogenen Antisemiten behauptet werden, daß die Juden nicht arbeiten können oder wollen. Dieses Vorurteil ist vielleicht nur in Deutschland zu finden. Es soll aber hier auch ein anderes Vorurteil widerlegt werden, das verbreiteter, aber darum nicht minder unbegründet ist. Dem Juden wird eines der natürlichsten Gefühle, die Vaterlands-, die Heimatliebe abgesprochen. Ein russischer Schriftsteller hat einmal geschildert, in wie rührender Weise sich ihm die Heimatliebe eines jüdischen Verbannten in Sibirien geäußert. Aber schließlich wird man sagen, es will nichts bedeuten, daß ein Mensch, daß auch ein Jude sich unter dem Druck der sibirischen Oede und Kälte mit besonderer Innigkeit in die Heimat zurückversetzt und für die allergewöhnlichsten Vorgänge und Zustände daheim ein besonderes Interesse an den Tag legt. Daß aber Juden in dem freien Amerika, wohin sie sich vor russischen Räubern und Mördern, die unter dem Schutz der hohen Obrigkeit Juden schlachteten, mit knapper Not gerettet, nach der russischen Heimat, wo sie selbst in ganz ruhigen Zeiten einem unerträglichen Druck ausgesetzt waren und auch ohne Revolution Metzeleien zu fürchten hatten, zurücksehnen könnten, das scheint doch von Juden ganz unglaublich zu sein. Dennoch ist es eine von zuständiger, wissenschaftlicher Seite festgestellte Tatsache, daß im Durchschnitt jeden Tag bei den jüdischen Wohltätigkeitsanstalten in New-Iork Bittgesuche eingehen, um Rückbeförderung nach Rußland. Nichts vermag diese Bittsteller von ihrem Wunsch abzubringen, weder die Schilderung der Notlage, in welche sie sich freiwillig zurückbegeben, noch die Mitteilung, daß neue Judenmetzeleien stattgefunden haben oder bevorstehen. Sie kennen

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