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Die Wahrheit · 1906-03-09 · Heft 10 (9.3.1906) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10. Die Wahrheit. Leite 5. davon sagen, um nicht persönlich zu werden, daß er mir keinen Besuch abstattete." Der ewige Opponent: „Sie waren damals gerade verreist." Das Vorstandsmitglied: „Er hätte sich doch meiner Frau vorstellen können. Meine Herren, wir müssen darauf sehen, daß unsere Angestellten den Frauen gefallen, bedenken Sie, die Zeit verlangt dies. Die Frauen haben ein Recht darauf, in Erziehungsfragen mitzusprechen. Das sagt meine Tochter, die liest viel. Es steht dies in einem Buche von einer Frau Elle-. Der ewige Opponent (laut lachend): Ellen Key, meinen Sie, ich habe ihre Schriften gelesen; der Hauslehrer der Kinder meines Freundes pflegt über diese Frau Vorträge zu halten. Doch was hat der jüdische Lehrer mit dieser Schwedin zu tun?" Der Vorsitzende: „Meine Herren, ich sehe, der Verlauf unserer Debatte führt uns ins Uferlose. Es ist schon spät." (Alle nicken, manche sind auch eingenickt.) „Fahren wir also fort: Herr B ist ledig, schon 38 Jahre alt, hat minder gute Zeugnisse, ist, nach der Photographie, ein ziemlich schöner Mann, weiß, wie ich höre, gut Disziplin zu halten." Ein Vorstandsmitglied: „Der Mann soll sehr strenge sein. Und, warum hat er sich uns nicht schon vorgestellt? Wir wollen für unsre Kinder keinen Zuchtmeister. Jedes Kind hat ein Recht darauf, sich nach feiner Art zu entwickeln." Der ewige Opponent: „Das sagt Ellen Key auch. Aber ich glaube wir sollen auch darauf sehen, daß unsere Kinder etwas gescheites lernen." Ein Vorstandsmitglied (etwas bissig): „So viel ich weiß, Herr Kollege, entbehren Sie des Kindersegens. Warum sprechen Sie also von „unseren Kindern?" (Man lacht. Der Opponent fährt hitzig auf und verläßt unmutig den Saal.) Der Vorsitzende (sehr höflich): „ Meine Herren, werden wir nicht persönlich. Ich sehe die Stimmung ist für Herrn C. Das ist ein junger Mann von 25 Jahren, Reservelieutenant, stattlich, mit schönem Barte, er ist zwar ein Neuling im Lehramte, durch seine höflichen Manieren aber, durch seine gebildete Sprechweise, sein anheimelndes Organ hat er sich aller Herzen, auch unserer Damen, im Sturm erobert." Der ewige Opponent: (ist wieder zurückgekehrt, hat sich auf seinem Sitze etwas zornig niedergelassen und dampft jetzt sehr bedenklich) „Er ist auch keine schlechte Partie!" Die Vorstandsmitglieder springen erregt auf. Man fuchtelt mit Händen und Worten. Die Stimmung wird immer erregter. Es ist sehr schwül geworden, die Petroleumlampen verbreiten ihren höchst düsteren Schein. Der Vorsitzende (feierlich): „Meine Herren, ich weise den Zuruf des Herrn Vorredners mit Entrüstung zurück." (Lautes Beifallklatschen.) „Wir haben die nicht unwichtige Frage der Aufnahme eines. Lehrers sorgfältig geprüft". (Der ewige Opponent lacht laut auf. Der Vorsitzende wirft ihm einen strengen Blick zu.) „Schreiten wir nun zur Abstimmung. Ich glaube nach der herrschenden Anschauung versichert zu sein, daß sie alle gewillt sind, Herrn C zu wählen. Das ist ein Mann gleichsam ohne alle Voraussetzungen. Er ist jung, er hat Takt und Manieren, er wird auch die rechte Methode als Lehrer finden." Der ewige Opponent: „Hoffentlich wird er auch ein guter Schwiegersohn." D e r V o r s i tz e n d e^wirft ihm einen verächtlichen Blick zu. C wird gewählt. Das Damenkränzchen Pomeisls wird zufrieden sein. Dem Vorsitzenden ist ein Stein vom Herzen gefallen. Sehr zufrieden gehen die Vorstandsmitglieder auseinander. ... Der „ewige Opponent" schreitet bedächtig, manchmal für sich hinlächelnd, „seinem" Kaffehause zu. Der Kil lezer. Sibl. Stoffe in Kunst und Kiterntnr. Das Buch der Bücher, die Bibel, hat nicht allein auf das religiöse Denken und Fühlen, das moralische Bewußtsein und sittliche Handeln aller zivilisierten Völker den größten Einfluß ausgeübt, sondern auch seit jeher die hervorragendsten Geister und Genies, Dichter und Künstler zur Schaffung großer und unvergänglicher Werke begeistert. Dramatiker und Bildhauer, Maler und Tonkünstler mit unsterblichen Namen haben aus ihr ihre Ideen und Motive geschöpft und an den von ihr gelieferten Stoffen ihre Meisterschaft erprobt. Um nur einige zu nennen: Racine (Esther und Athalie), Otto Ludwig (die Makkabäer), Hebbel (Judith, Herodes und Mariamne), Michel Angelo (Moses), Leonardo da Vinci (das Abendmahl — Sederabend), Hände! (Israel in Egypten, Josua, Samson. Saul, Elias, Judas und Makkabäus). Welchen Einfluß Luthers Bibelübersetzung auf die Entwicklung und Ausbildung der deutschen Sprache gehabt hat, ist allgemein bekannt und anerkannt. Daß hohe geistliche Würdenträger, katholische und protestantische Dom- und Hosprediger, bei besonders feierlichen Anlässen, wie Taufen, Konfirmierungen, Trauungen und Beerdigungen von fürstlichen Persönlichkeiten, den Text zu ihren Reden und Ansprachen mit Vorliebe aus dem alten Testamente wählen, weiß jeder bibelkundige Zeitungsleser. Selbst Kaiser Wilhelm II., der durch seine Anwesenheit bei den Vorträgen des Prof. Delitzsch und seine Bemerkung über den durch dieselben verminderten Nimbus der Juden keinen besonderen Respekt vor der Größe und Göttlichkeit des alten Testamentes an den Tag legte, läßt es in keiner seiner Reden an Zitaten aus demselben fehlen. So hat er auch jüngstens seine bei der Beeidigung der Soldaten gehaltene Ansprache mit einem sehr wirksamen Spruche aus Jesaia 42 geschlossen. Welche Stellung übrigens das Christentum und insbesondere der Protestantismus zum alten Testament einnehmen soll, darüber hat es zu keiner Zeit vollständige Klarheit gegeben. Dieser Punkt bildete schon in alter Zeit einen Gegenstand des Streites zwischen den verschiedenen christlichen Sekten und führte auch nach der Reformation Streit und Spaltung unter den Evangelischen herbei (der antinomistische und synergistische Streit zwischen den Anhängern Luthers und Melanchthons). Zur Ausgleichung dieser Streitigkeiten wurde zwar von dem Tübinger Kanzler Andreä eine Einigungsformel entworfen, welche auf Betreiben des Kurfürsten August von Sachsen (1580) 96 lutherische Reichsstände Unterzeichneten. (In der Konkordienformel heißt es, daß zwar das Evangelium allein Seligkeit schaffe, die Predigt des alten Gesetzes jedoch zur Zucht, Belehrung und Abhaltung von Sünde förderlich sei, gute Werke folgen zwar notwendig aus dem wahren Glauben, seien aber zur Seligkeit nicht erforderlich.) Die Konkordienformel wurde aber von vielen protestantischen Staaten und Städten, wie Anhalt, Heffen, Pommern, Holstein, Bremen. Braunschweig, Straßburg u. s. w., nicht angenommen. Wo dies ja der Fall war, wurde sie in die Zahl der zum allgemeinen Gesetzbuch des Kirchenglanbens erhobenen symbolischen Bücher ausgenommen. Allein, wenn auch die christlichen Theologen sich nie darüber einigen konnten, welche Stellung sie dem alten Testamente in ihrer Glaubenslehre einräumen sollen, so hat doch dieses durch seine großen, kraftvollen und Willensstärken Persönlichkeiten und durch seine lebendig-dramatischen Schilderungen von großen geschichtlichen Ereignissen und Begebenheiten, zu allen Zeiten, bis auf den heutigen Tag, die Aufmerksamkeit aller geiftesgeweckten und talentierten Schriftsteller und Künstler auf sich gelenkt und ihnen reichlichen Stoff zur Betätigung ihrer Begabung und ihres Könnens geliefert. Einen Beweis hiefür haben erst die letzten Tage gebracht. Ich meine die Oper „Salome" von Richard Strauß, die im Dresdner Hofoperntheater zum ersten Male, jüngstens im Breslauer Stadttheater aufgefiihrt wurde. Strauß hat des englischen Dichters Oskar Milde gleichnamiges Buch komponiert. Milde wiederum hat die Geschichte von der Enthauptung Johannes des Täufers durch Herodes Antipas über Verlangen seiner Stieftochter Salome, welche von ihrer Mutter Herodias, der entführten Gemahlin seines Bruders Herodes Bonthus, dazu angereizt wurde, zu einem Drama verarbeitet. Ueber die Hinrichtung des Johannes, der wahrscheinlich zu den Effäern gehörte, berichtet Josefus (Altertümer XV11L, 5). In den Evangelien (Matth. 14, 3—12 und Marc. 6, 7—29) hat

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