Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 10. aber selbst für Argentinien können nur körperlich kräftige, vollkommen erwerbstüchtige Leute, vornehmlich Handwerker und landwirtschaftliche Arbeiter, ausgewählt werden, und minder erwerbsfähige Individuen, schwächliche oder kränkliche Personen, alleinreifende erwerblofe Mädchen oder Frauen müssen, so hart es auch erscheinen mag und so schwer selbst der jeweiligen Commission eine derartige Verfügung fällt, auf die Rückkehr nach Rußland oerwiesen werden, die, allerdings erst in den letzten Tagen, von vielen Emigranten auch aus eigener Initiative gewünscht wird. Die aufrichtige Genugtuung, die -wir begreiflicher Weise darüber empfinden, daß mit Hilfe der Allianz so vielen unglücklichen Glaubensgenossen der Weg zu einer besseren Existenz geebnet wird, erfährt jedoch eine Trübung durch die Sorge um die Zukunft. Seit mehreren Wochen werden tagtäglich Emigranten westwärts befördert, und trotzdem hat sich die Zahl derselben in Wien, wie auch in Galizien nicht wesentlich vermindert. Tag für Tag kommen neue Nachschübe von der russischen Grenze her und und mit Eintritt der wärmeren Jahreszeit sind sicherlich noch größere Massenzuzüge zu erwarten. Bei solch dauernd hohen Ansprüchen müssen selbst die reichsten Hilfsmittel versiegen, und wir fürchten sehr, daß der Zeitpunkt nicht gar so ferne ist, wo auch die Fonde der Allianz sich erschövfen und eine Katastrophe unvermeidlich ist. ..Was dann?" und „Wohin?" sind die bangen Fragen, die uns heute schon auf den Lippen schweben. Protektion. Eine alltägliche Geschichte. Die altehrwürdige, heilige, jüdische Gemeinde Pomeisl ging daran, einen Lehrer für ihre alte, ehemalige Normalschule, anzustellen. Der frühere Lehrer war, erst 40 Jahre alt, an der Krankheit gestorben, die man jetzt gewöhnlich die Proletarierkrankheit zu nennen pflegt. Man denkt bei dem Worte Proletarier gewöhnlich an Fabriksarbeiter. Es dreht sich eben in unserer Zeit alles um die Fabriksarbeiter, man nennt diese Drehung soziale Frage und vergißt, daß es außer den Fabriken noch andere Tretmühlen in dieser „besten aller Welten" gibt. Der an der Tuberkulose verstorbene Lehrer hätte eine Beitrag zu der sozialen Frage liefern können. Getreten wurde er in der Schule, denn trotz seines großen Wissens konnte er leider keine Disziplin halten; viel Plage gabs für ihn und wenig Brot. Daheim hatte er eine Frau, die zwar nicht von Tanthippe abstammte, aber manches von deren Eigenart besaß. Seine Familie bestand — unberufen — aus acht immer hungerigen Sprößlingen, denn der Selige hatte, wie alle Idealisten — ich muß wohl nicht sagen, daß er ein Idealist gewesen, das sind die meisten jüdischen Lehrer — also der Selige hatte die kolossale Dummheit begangen, früh zu heiraten, Geld war bei ihm immer die Nebensache gewesen. Nun lag er draußen auf dem „guten Orte", ihm gings nun wirklich gut, seine Witwe keifte und weinte und die Kinderchen, die neben einander gestellt den Orgelpfeifen glichen, schrieen — nach Brot. Es fand sich also der löbliche Gemeinde-Vorstand endlich veranlaßt, eine Sitzung einzuberufen. Und dies war die Tagesordnung der denkwürdigen Sitzung: 1. Wie sorgt man für die Hinterbliebenen des seligen Lehrers? 2. Aufnahme eines neuen Lehrers. Die Sitzungen des jüdischen Gemeinde-Vorstandes der heiligen Gemeinde Pomeisl sind eigentlich keine öffentlichen; kein unberufenes Ohr soll hören, was hier an Weisheit verzapft wird. Nur der Herausgeber einer in Pomeisl erscheinenden jüdischen Zeitung: „Pomeisler jüdischer Beobachter" genannt, hatte es durchgesetzt, daß er bei den Sitzungen anwesend sein durfte, selbst wenn sogenannte Personalfragen behandelt wurden. Die Kultur fchreitet trotz aller gegenteiliger Anschauungen ja doch fort, und die Oeffentlichkeit verlangt heute selbst das zu wissen, was sich in einer Gemeinde-Vorstandssitzung abspielt. Von dem Herausgeber der genannten Zeitung, der meiu intimster Freund ist, er weiß es auch, daß ich ein altes Faible fürs „Killezen" habe — wurde mir nun nachfolgender wahrheitsgetreuer Bericht über die denkwürdige Sitzung zuteil. Ich glaube keine Indiskretion zu begehen, wenn ich ihn mitteile, ehe er im „Pomeisler jüdischen Beobachter" erscheint. Sitzungsbericht. Es ist fünf Uhr abends. Die Dämmerung senkt sich mälig nieder. Es wird immer dunkler. Der Sitzungssaal der Gemeinde Pomeisl ist — gegen jeden Kulturvorschritt — nur durch Petroleumlampen beleuchtet. Wenig Licht herrscht infolgedessen in dem Sitzungssaale. Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung und konstatiert die Beschlußfähigkeit der Versammlung. Sie ist sehr knapp vorhanden. Der Präsident hält dem seligen Lehrer einen sehr ehrenden Nachruf, der diesem freilich wenig hilft, seinen hungernden Hinterbliebenen noch weniger. Der erste Punkt der Tagesordnung ist rasch erledigt. Man konstatiert, daß für Weib und Kinder des Seligen etwas geschehen müsse. Eine Abfertigungssumme wird votiert, die öffentliche Mildtätigkeit soll wachgerufen werden, man appelliert ja an das jüdische Rachmonus selten vergebens, man wird - auch der Witwe den Rat geben, sich ein Geschäftchen einzurichten, am besten eine „Gänslerei", und alle Gemeinde-Vorstandsmitglieder, die anwesend sind, verpflichten sich, mit ihren Ehegattinnen zu verhandeln, daß sie ihren Bedarf an Gänsen bei der oftgenannten Witwe decken. Die Sache ist abgetan. Inzwischen haben sich die Vorstandsmitglieder f a st vollzählig versammelt. Es brennen die Petroleumlampen trübe, und Zigarrenrauch hüllt die etwas schwüle Atmosphäre im Saale in ein immer dichteres Gewölle ein. Man schreitet zum zweiten Punkte der Tagesordnung: Aufnahme eines neuen Lehrers. Es sind achtzig Gesuche eingelaufen. Der Vorsitzende teilt mit, daß sich unter den Bewerbern viele sehr tüchtige Männer befinden, von deren Aufnahme aber das engere Komitee absehen mußte, da sie Familienväter mit ziemlich zahlreichen Kindern seien. Soll man sich wieder das Elend auf den Hals laden? Ein Vorstandsmitglied: (opponiert immer) „Können Sie mir, Herr Vorsitzender, nicht den Gesetzesparagraphen nennen, der verheiratete Männer mit Kindern, die doch ernährt werden müssen, von der Bewerbung um das Amt eines Lehrers ausschließt? Herrscht auch bei uns Juden das Coelibat oder die Zweikindertheorie des Malthus? Lesen Sie übrigens Zolas „cksoonäits". (Wie man sieht, hatte sich das genannte Vorstandsmitglied viel mit sozialpolitischen und soziologischen Fragen beschäftigt. Allgemeines Murmeln, man weiß nicht, ob des Beifalls oder des Widerspruchs, folgt den Worten des ebenso neugierigen, wie malitiösen Fragers.) Der Vorsitzende (sarkastisch lächelnd): „Auf die Anfrage des sehr geschätzten Herrn Kollegen antworte ich lieber gar nicht und bin der allgemeinen Zustimmung der Herrn Vorstandsmitglieder gewiß." (Bejahende Zurufe. Manche werfen dem Opponenten wütende Blicke zu. Dieser saugt mit Todesverachtung an seiner Zigarre, die zu verlöschen droht.) Der Vorsitzende: „Wir haben nun der geehrten Versammlung einen Ternavorschlag zu unterbreiten. 1. A ist 40 Jahre alt, hat gute Zeugnisse, ist verheiratet, vorläufig kinderlos; kommt aber doch weniger in Betracht." Der ewige Opponent: „Warum, wenn ich fragen darf?" Im Saale ist es schon sehr schwüle geworden. Viele Vorstandsmitglieder sehen besorgt auf ihre kostbaren Chronometer. Der Vorsitzende: „Verzeihen die Herren, es ist schon spät geworden, aber ich muß Ihre kostbare Zeit doch noch ein wenig in Anspruch nehmen. Die Sache ist doch nicht unwichtig." (Man nickt zustimmend.) „Herr A also", fährt der Vorsitzende fort, etwas ängstlich und stotternd allerdings, „ist seiner politischen Gesinnung nach ein jüdisch-nationaler; auch zeigt sein Gesicht einen etwas prononzierten Typus. In unserer Zeit ist dies keine gute Empfehlung." (Ein fehr elegant gekleidetes Vorstandsmitglied nickt ungemein zustimmend.) Ein anderes Vorstandsmitglied: „Als Herr A hier war, um sich persönlich um das Amt zu bewerben, haben viele Damen der Gemeinde bemerkt, daß er wenig Manieren habe; seine Kleidung war etwas defekt, die Krawatte war schief gebunden, sein Organ soll ein kreischendes sein. Ich will nichts fm