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Die Wahrheit · 1906-03-09 · Heft 10 (9.3.1906) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit Redaktion u. 3lbminiftintiou: Wien, II/, Nvvaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei > I53V2. | Julrrate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. JnsertiouSbeträize sind in Wien zahlbar und klagbar. Unabhängige Aeiischrifl für jvöifche Zntere^E Erscheint jeden Kreitag. Motto : „Das Siegel Goctes ist Wahrheit!“ Gezugspneis: j | Ganzjährig ... St. i*.— ■ Halbjährig ... ft. 6.- :j li _ :i!| i| I Für Cultusbeamte: >i i n . i Gnnziahrig . . . ft. >o - | Für Ausland: | j Ganzjährig . . . i Mark i 6 Rubel oder lü FcS.! Kr. 10. Wien. 9. Mär; 1906 Inhalt: Wohin? — Protektion. — Biblische Stoffe in Knnst und Literatur. — Amerikanischer Brief. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Zurückgefunden — Jahresbericht des österr.-ungar. Kantoren-Vereines. Wohin? Vor gerade zwei Jahren war es, alsein talentvoller jüdischer Maler aus Rußland im „Jüdischen Museum" in Wien ein ergreifendes Bild zur Ausstellung brachte, das in düsteren Farben flüchtende russische Juden darstellte, die aus den grausamen Verfolgungen ihrer unmenschlichen Heimat nur ihr nacktes Leben gerettet hatten und der nicht minder erbarmungslosen Fremde zustrebten, um dort ein ruhigeres Heim zu finden. Auf weiter, kahler Steppe bewegte sich der traurige Zug mühsam vorwärts und aus den blutleeren Lippen der elenden Jammergestalten entrang sich die bange, stumme, aber doch so beredte Frage: „Wohin?" Was damals die Phantasie des Künstlers erschaut, ist jetzt von der grausen Wirklichkeit weit übertroffen worden. Seit den schrecklichen Oktobertagen des Vorjahres, da die mordgierigen Huligane in allen Teilen des weiten russischen Reiches raubend und plündernd über die Juden herfielen und mit bisher unerreichter Bestialität gegen Leben und Eigentum der Schutzlosen wüteten, ergießt sich unaufhörlich ein Strom von Auswanderern nach den westlichen Ländern, und da die deutsche Grenze nur den Reichen und Wohlhabenden offen ist, für die Armen und Elenden aber strenge verschlossen bleibt, wenden sich alle jene Bedauernswerten, die nur die unsägliche Not als ihre Habe bezeichnen können, nach Oesterreich. j So wurde Galizien, Bukowina und Wien von russischen I Emigranten überschwemmt, und der Jammer, der sich da vor! unseren Augen enthüllte, ist geradezu unbeschreiblich. Die „Israel. Allianz zu Wien", auf welche die Blicke aller gerichtet waren, wurde vor eine äußerst schwierige und verantwortungsvolle! Ausgabe gestellt. Zunächst mußten die Füchtlinge vor Hunger - und Kälte geschützt und dann über ihr weiteres Schicksal entj schieden werden. „Wohin?" Das war auch hier die bange Frage,; die täglich hundertfältige Antwort verlangte und bei den Emii granten. besonders in der ersten Zeit, wenn von der - Rückkehr nach Rußland gesprochen wurde, einen wahren Wutparoxismus erzeugte. Die Beschlüsse der Frankfurter Konferenz, die die Verwen- . düng der gesammelten Gelder zum größten Teile für die Unter-; stützung in Rußland bestimmte und die Emigration aus Kosten i der Hilssgelder möglichst eingeschränkt wissen wollte, haben die! Situation der „Israel. Allianz zu Wien" außerordentlich erj schwert. Was sollte sie mit den Tausenden tun, die in Galizien! und der Bukowina auf ihre Kosten erhalten wurden, was mit den Hunderten, die sich in Wien befanden und zu einer RückftESCftl kehr in die Heimat nur durch Polizeigewalt zu bewegen gewesen wären? Die deutschen Hilfskomitees haben es allerdings leichter, an den Beschlüssen der Frankfurter Konferenz sestzuhalten. Hinter ihnen steht die unerbittliche deutsche Polizei, die jedem unbemittelten russischen Auswanderer den Eintritt aus deutsches Gebiet verwehrt und bei jenen, welchen das Ueberschreiten der Grenze gelungen ist, das Ausenthaltsrecht an einem Orte auf drei Tage abkürzt. Wie grausam die diesbezüglichen Verwaltungsmaßregeln der deutschen Regierung sind, geht besonders aus dem Umstände hervor, daß aus der Reise nach einem überseeischen Hafen, wie Hamburg, Bremen, Amsterdam, Antwerpen, die Durchfahrt durch deutsches Gebiet nur jenen Emigranten gestattet ist, die sich mit Schiffskarten von den in Deutschland zum Transporte russischer Auswanderer anerkannten Schiffahrts-Gesellschaften ausweisen können; . jene hingegen welche Schiffskarten von nichtkonzessionirten Gesellschaften, wie z. B. „Allan-Linie", „Dominion", „American-Linie" besitzen, werden an der deutschen Grenze unbarmherzig zurückgewiesen und beklagen nicht nur den Verlust ihres für Fahrt und Schiffskarten mühsam erworbenen Geldes, sondern fallen noch, da sie wieder nach Oesterreich umkehren, der Wiener Allianz zur Last. Daß die deutschen Hilfskomitss hier noch nicht Abhilfe geschaffen haben, ist ein neuerlicher Beweis dafür, daß ihnen alle Mittel, und seien es selbst die grausamsten behördlichen Verfügungen, willkommen erscheinen, um die Emigration hintanzuhalten. All diese Umstände erschweren und komplizieren die Hilfsaktion der „Israel. Allianz zu Wien" ganz außerordentlich, aber trotz der verschiedensten Widerwärtigkeiten und des Mangels der nötigen Kapitalien für eine Emigration im großen Stile hat die Allianz in den letzten drei Monaten nicht nur für die Verpflegung von Tausenden Emigranten in Galizien, Bukowina und Wien Sorge getragen, sondern auch nahezu 2000 Personen nach dem Westen emigriert. In der ersten Zeit war das Tempo ein wenig langsamer, in den letzten Wochen jedoch, besonders seitdem von Seile einer anderen Hilfsorganisation bedeutende materielle Unterstützung für die Emigrierung gesunder, kräftiger Leute nach Argentinien zugesagt wurde, gehen die Expeditionen ziemlich flott von statten. Freilich kann selbst bei der größten Liberalität nicht immer aus die Wünsche der Emigranten Bedacht genommen werden. Bor allem wird, trotzdem es die meisten nach Nordamerika zieht, die Auswanderung dorthin nur bei Vorhandensein genügender Geldmittel und wenn auch die übrigen Einwanderungsvorschriften vollauf erfüllt erscheinen, seitens der Allianz unterstützt

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