Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1906-03-02 · Heft 9 (2.3.1906) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063316-3063325--04136-3070951
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 9. Die Wahrheit Lette 7. Sehr charakteristisch ist, wie sich selbst einer nicht „auf so hoher Stufe des Rasse-Bewußtseins" stehender Herr ausläßt. Er schreibt: „Wenn beispielsweise die außerehelichen Kinder der Großstädte gesammelt würden, um sie aufs Land zu bringen, so würde doch sicher — zumal wenn man eine gewisse Auslese übte — mancher Tropfen Blutes aus den herrschenden Klassen, also aus dem heutigen „Herren-Geschlechte mit durchgesickert sein und in die junge Aufzucht gelangen. So weit also in den oberen städtischen Klassen noch edles „Herrenblnt" vorhanden lst, würde es auch in einem Teil der illegitimen Sprößlinge sich wiederstuden. Die neuen Kinderheime und Zuchtkolonien brauchten also solchen Edelblutes nicht zu entbehren. Und von dort würde tüchtiges Blut sich rasch empor arbeiten als minderwertiges und so die Verjüngung des Volkstums von unten auf beschleunigen — auch wenn es erst „in Knechtsgestalt" seinen Weg suchen müßte. Oder meint unser Freund, daß edles Blut an Güte verliere, wenn es zu derber ländlicher Arbeit herangezogen würde — wenn es „dienen" müßte? Das würde allen modernen züchterischen Anschauungen widersprechen". Sollten die Herrschaften, die nebenbei den Mittelstand verteidigen, nicht, lieber gleich den Edelsten das ,.g'u8 primae noctis“ zurückgeben? Man hat den sozialdemokratischen Zukunftsstaat mit einem Zuchthaus verglichen. Mit noch viel mehr Recht könnte man den antisemitischen Rassen-Jdealstaat mit einem — Schweinestall, allenfalls mit einem Gestüt vergleichen. Es wird einem ja ganz übel, wenn man diese Schweine- und Pferde- .zucht-Nedeblüten auf diemenschliche Gesellschaft angewendelfindet. Ein anderer in der antisemitischen Literatur nicht ganz unbekannter Herr — Hentschel heißt der Mann — empfiehlt „die polygame Hochzucht. Er „weiß" heute, „daß die arische Rasse ihre Gestaltung der Gunst einer wahrscheinlich durch Jahrtausende wirkenden Hochzucht verdankt". Es soll nicht verschwiegen werden, daß ein anderer dazu bemerkt: Ich behaupte, Hentschel weiß von der Entstehung der Rassen so viel wie ich, und ich so viel wie Hentschel — nämlich nichts". Der Mann hat ja so recht! Im übrigen aber steht auch dieser Herr durchaus auf der Höhe. Nach ihm sollte die Liebe „füglich bei einer ernsthaften Erörterung der Ehefrage gänzlich aus dem Spiele bleiben." Der ..völlig verschwommene Begriff der Liebe" ist nach diesem Herrn — er heißt Vogel — „ausschließlich ein Produkt moderner Sentimentalität, entstammt der dreimal verfluchten Bücherschmökerei und ist ein phantastisch ekelhaftes Zerrbild der natürlichen, gesunden Empfindung, die, wenn die Zeit gekommen, Gleiches zu Gleichem gesellt." „Es ist — so fährt dieser nach seinem eigenen Geständnis von Entstehen der Rassen nichts wissende Arier fort — ein unverbrüchliches, in diesem Fall möchte ich sagen: heiliges Naturgesetz, dem wir uns zu unserem eigenen Verderben entziehen können, daß der Geschlechtstrieb nur Art-Genossen zusammenführt. Denn nur dieses Gesetz sichert den Bestand, die Reinheit und die Eigenschaften der Art, auf denen ja letzten Endes ihre Dauer beruht. Wer diesem Gesetz widerstrebt, beweist damit pur, daß er entartet ist, er versündigt sich an seiner Art; und seine sogenannte „Liebe" ist pervers! Wenn Hause also schreibt: „Ueber alle Menschen-Gesetze und Maffen-Theorien geht die Liebe", so heißt das: die Dinge auf den Kopf stellen. Die Liebe weiß nichts von Raffen-Theorien; wenn sie aber die echte, naturgemäße ist, so folgt sie instinktiv dem immanenten obersten Naturgesetz der Zeugung, dem selbst jedes Tier gehorcht". Und ein anderer .Necke, der Amtsrichter ist. und u. a. das Vorhandensein „dekadenter Erscheinungen in der Bureaukratie" auf „das Eindringen des Judentums oder auf die allgemeine Entartung der gesamten gebildeten Schichten unseres Volkes" zurückführt, ist der Meinung, „daß man schamlose Ehen" zwischen Deutschen und Jüdinen auf jede Weise verhindern soll, gegebenenfalls auch nicht zaudern darf, Nachahmer durch Bezeigung von Verachtung zurückzuschrecken! „Jedenfalls dürfen wir uns von der Befolgung der Grundsätze der Rassenlehre auch nicht durch Schlagworte, wie „Liebe" und „Erziehung zur Natur" abdrängen lassen." Doch genug von der edlen Zunft der Rassenverbesserer, die von Rassen nichts wissen und nichts wissen können. Wir rvollten nur zeigen, wie herrlich weit deutsche „ Reformatoren^! es nach rückwärts gebracht haben. Das edelste, sublimste, von! den besten Geistern aller Völker am meisten verherrlichte Gefühl soll dem Tiertrieb weichen, die Menschen wieder Bestien werden. Von dem Barbarismus zur Bestialität ist eben nur ein Schritt, den viele Antisemiten ohne große Ueberwindnng getan haben. Auch auf gefftigen Gebiete kennt man wie auf physiologischen! Atavismen, Rückbildungen, die oft in unendliche Fernen! zurückgreifen. Liegt es an der Zeit, daß auf so vielen Gebieten! atavistische Rückbildungen so häufig sind? Schicksaltragödien! werden epidemischin der Malerei, in der Mode greift man j aus Ideen primitiver Völker zurück; man tritt für Polyandrie und für das „Mutterrecht" ein. Ist das Zeitalter krank, und ist der Antisemitismus auch nur eine epidemische Krankheit, wie es deren im Laufe der Jahrtausende so viele gegeben hat? Gleichviel, gegen den Rückfall in die noch vorhistorischen Zeiten müssen die Gebildeten, gegen die von der geistigen Seuche Ergriffenen müssen alle Gesunden zusammeuhalten. Die Antisemiten sind keineswegs nur Feinde der Juden, sie sind gefährlich auch für das Christentum, wenigstens ihm feindlich gesinnt, sie sind Feinde unserer Kultur, unserer Sitten, des Volkes, des Menschengeschlechts. Und darum machen sich die den Antisemitismus bekämpfen, nicht blos um die Juden, sondern um die ganze Welt verdient. Auch geistige Seuchen bekämpft man am besten durch rücksichtslose Befolgung des Satzes: Principiis obsta! Verschiedene Nachrichten Wien (I s r a e l i t i s ch e K u l t u s g e in e i n d e.) An Spenden sind eingelausen: Charlotte Klmger für das ifraclitiiche Bersorgungshaus X 500 in österreichischer Kronenrcnte. Im S r a d r r e m p e l: Albert Winrerberg X 20, Simon Liebmann X 30, Theodor Porges X 20, Ignaz Beckmann X 50, Armin Bofchan X 50, kaif. Rar Paul Lemberger X 20, Ernst Klinger X 20. Max Schwaiger X 10. kau. Rat Leopold Sachs X 200, Julius Fischl X 40. Ernst Hirsch X 200. Im Leopoldstädter Tempel: Max Rosenberg X 60. Hermann Neubauer X 10. Dr. Adolf Schwarz X 10. Dr. Hermann Löw» X 20. Johann Spitz X 10, Simon Rosenberg X 20. Jacques Karpeles X 50. Emanuel Podiebrad X 20, Dr. Moriz Neumann X 10, A. Feilbogen X 20. Im Tempel XVIII., Schopenhauer st raße 39: Max Koltany X 2, Dr. Gabriel Heßky X 2, Eduard Hirsch X 2 Simon Weiß X 1. Wilhelm Heller X 4, Siegfried Fleischer X 1, Edmund Kohn X 8, Kaspar Spitzer X 2, Jakob Berger X 2, Heinrich Paschkes X 1, Markus Zernik X 2. Leopold Geiger X 5. Friedrich Traub X 20, Dr. David Feuchtwang X 1, Moriz Paul X 2. Heinrich Weiß X 1. Philipp Frank X 1, Simon Bosel X 3, Leopold Bosel X 7. Joses Nossig X 12. Mendl Strach X 1, Samuel Glaser X 1. Markus Haas X 4, Moriz Duschenes X 10, Bernhard Löwie X 1. S'gm. Licht X 7, Rudolf Rosenzweig X 2. Simon Fleischer X 1. Heinrich Paschkes X 1, Leopold Hirschbein X 2. Siegfr. Fleischer X 1. Wien. (C h e w r a K a d i s ch a.) Samstag, den 3. März 1906, 7 Uhr abends (Vorabend des “HS'n, findet im Gemeindebethause. I., Seitenstettengaffe, eine Trauerseier, für die im abgelausenen Jahr verstorbenen Mitglieder der Chewra Kadischa statt. Wien. (Brudermahl der Chewra-Kadischa in Wien.) Die Chewra-Kadischa in Wien veranstaltet nach längerer Pause in diesem Jahre wieder ein Brudermahl, welches am 18. März d. I., 6 Uhr abends, im Sofiensaale (Restaurant Tonello) stattfinden wird. Zur Teilnahme an dieser Feier sind gegen Entrichtung eines Beitrages von X 12.— für das Menu nur Mitglieder der Chewra-Kadischa berechtigt. Einem alten Brauche gemäß erfolgt bei diesem Anlässe die Ausnahme neuer Mitglieder. Anmeldungen zum Beitritte sowie zur Teilnahme an dem Brudermahle sind dem Bureau der Chewra-Kadischa I., Seitenstettengasse 2, schriftlich bekanntzugeben. Wien. (Chewra Bet Hatsila h., Sonntag, den 4. März d. I. (“VIK'T), abends 6 Uhr, findet in der Vereinssynagoge, IX., Grünerporgasse 13, eine Trauerandacht für die im abgelausenen Jahre verstorbenen Bereinsmitglieder statt. Wien. Samstag, den 3. Mürz 1906, abends 7 Uhr, findet im Zeremoniensaale des Tempels, H, Müllnergaffe 21, die ordentliche Generalversammlung für das XXXIX. Vereinsjayr des israelitischen Bethausvereines „Chewra-Beth-Hatfilah" im IX. Bezirke statt. Tagesordnung: 1. Rechenschaftsbericht. 2. Neuwahl von drei Mitgliedern in den Borsmnd. 3. Neuwahl des Ausschusses. 4. Anträge und Interpellationen. Wien. «Jüdische T o y n b e e - H a l l e, XX.. Lthmargasse 46.) Eintritt frei für jeden Erwachsenen. Beginn der Vorträge: an Wochentagen um y28. an Sonn- und Feiertagen und Samstag um 7 Uhr abends. Wochenprogramm: Samstag, den 3. März: Konzert. Sonntag, den 4. März: Ueber besonderes Ersuchen des Vorstandes: „Tausendundeine Nacht." Herr Schriftsteller Adolf Gelber. Montag, den 5. März: „Bilder aus der Volkswirtschaft." Herr Leopold Spitzer. Dienstag, den 6. März: Literarischer Abend. Herr Dr. Leo Feld. Mittwoch, den 7. März: „Ueber erste Hilfe." Herr Dr. I. S a m u e l y. Donnerstag, den 8. März: „Neue Philosophie." Herr Dr. Bernhard W a ch st e i n. Freitag, den 9. März: Bibelvortrag. Samstag, den 10. März: Konzert. (Durch besondere Um-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.