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Die Wahrheit · 1906-03-02 · Heft 9 (2.3.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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um Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 9. So äußerte sich Leo Tolstoi Dr. Hugo Ganz gegenüber j im Juli 1904. Die Wahrheit dieses denkwürdigen Ausspruches > sollten wir gar bald erleben! Der Antisemitismus verwandelt die Seele in eine Trümmerstätte und verwandelt alles um sich | in Trümmerstälten; nichts ist ihm heilig!! Vivos voco, mortuos plango, foJgura frango! Glocken riefen bisher die Gläubigen zum Gebete, sie gaben dem Verschiedenen das letzte Geleite und mahnten beunruhigte Gemüter bei drohenden Unwettern an das Walten einer gütigen Gottheit. Seit dem 26. Jänner ist dies anders. An diesem Tage verkündigte um 4 Uhr nachmittags eine Kirchenglocke die Flucht Gottes ans Rußlands Gauen, gaben Glockentöne das Signal j zum Beginne eines teuflischen Schauspieles, wie es die Weltj bühne seit Neros Tagen nicht gesehen. Auf ein Glockenzeichen brachen am 26. Jänner in Homel plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, Tscherkessen, Kosaken und Dragoner hervor und fingen an, nach beiden entgegengesetzten Richtungen der Rnnijanzewstraße zu feuern. Und während ein Teil des Militärs auf die jüdischen Passanten und Insassen der Häuser und Geschäftsläden schoß, raubten die Tscherkessen, von Polizisten und allerlei Mob geleitet, die Warenhäuser aus und setzten dann die Stätten ihres wüsten Treibens in Brand. Der Versuch zu löschen, wurde durch das Feuern des Militärs ans die Löscher unmöglich gemacht. „Leute, die des Zaren Rock trugen", raubten, mordeten und brannten alles ohne Scheu nieder. Das ist das Novum bei den Homeler Exzessen: Räuber und Mörder im Waffenrock! Die orthodoxe Geistlichkeit Rußlands rührt sich nicht, trotzdem die Judenschlächtereien, gleich den Stierkämpfen in Spanien, zu Volksbelustigungen geworden sind, und das christliche Europa, das vor wenigen Jahren eine Weltarmee mit einem Welnnarschall an der Spitze nach dem fernen Osten entsandte, weil in Peking ein Mann — allerdings eine offizielle Persönlichkeit — bei hellem Tage von chauvinistischen Chinesen erschossen worden war, schweigt sich jetzt gründlich aus; dafür redet aber ein Chinese! Man träumt in Europa seit den ungewöhnlichen Erfolgen Japans von der gelben Gefahr und übersieht es, daß der größte Teufel im Weißen selber steckt. Solche Menschenschlächtereien, wie sie in den letzten Monaten im strenggläubigen Rußland vorgekommen sind, hat die farbige zivilisierte Menschheit nicht gesehen, und zwar einzig nüd allein deshalb, weil es im fernen Osten keinen religiösen Fanatismus gibt. Dieser ist es, welcher die Völker Europas schon seit Jahrhunderten zerfleischt und auch, in den fernen Ländern den Haß gegen die weißen Teufel, so nennen die Boxer die Europäer, entfacht. Der chinesische Gesandte in Berlin, General Iintschang, sagte dies offen heraus. Auf die Frage, was von den beunruhigenden Nachrichten über eine feindselige Volksströmung gegen die Fremden in China ,zu halten sei, bemerkte er vor kurzem Folgendes: „Ich muß mir da im Urteil einige Beschränkung auferlegen, doch will ich sagen, daß die Schuld nicht auf Seiten der Chinesen liegt. Die heiligsten Gefühle unseres Volkes sind ein Jahrhundert hindurch vom Auslande gröblich mißachtet und verletzt worden. Selbstverständlich tritt einmal eine Reaktion ein, und .dann haben wir die unliebsamen Erscheinungen, über die jetzt Europa klagt. Dabei haben die Ausländer selbst die Schuld. Ich mache in erster Reihe die Missionäre verantwortlich, wenn von den Chinesen Feindseligkeiten gegen die Ausländer verübt werden. Sagen Sie selber: Muß es uns nicht tief verletzen, wenn da so ein Missionär ankommt und uns zu seiner Religion, was er so nennt, mit Freundlichkeit oder auch mit Gewalt bekehren will? Auf unsere Empfindungen wird dabei keine Rücksicht genommen. Unser Ahnenkultus und die Lehre des Konfuzius sind uns durch jahrtausendlange Uebung teuer und heilig. Gibt es etwas Besseres und Höheres, so wollen wir es gerne kennen lernen und auch annehmen. Aber die Leute, die es uns bringen, müssen auch darnach sein. Dann dürfen nicht protestantische und katholische Missionäre sich miteinander herumbalgen und im ' Seelenfang einander Konkurrenz machen. Was sind es denn für Leute, die sich von den Missionären bekehren lassen? Meistenteils verkommene Menschen, die dabei ihren materiellen Vorteil finden. (Karl v. Scherzer hat sich über die chinesischen Konvertiten ebenso geäußert.) Wie lächerlich ist überhaupt dies ganze Missionswesen! In . Europa gibt es doch wahrhaftig so viel zu verbessern, daß Europäer es wirklich nicht nötig haben, ihren heiligen Eifer an den minderwertigen Chinesen zu verschwenden." Diese Worte Iintschangs verdienen fest angenagelt zu roerden. Jede Judenschlächterei ist ein Bankerott des Christentums in den Augen Andersgläubiger. Iintschang .hat die angeführten Worte offenbar unter dem Eindrücke, den die Greuelszenen in Rußland auf ihn übten, gesprochen. Die Religion der Nächstenliebe muß zunächst eine Religion der Duldung werden, um den bezopften Chinesen zu imponieren. Diese huldigen der religiösen Toleranz, die Europa nicht abhanden kommen konnte, weil sie daselbst überhaupt nie heimisch gewesen ist. In Europa gibt es noch viel zu verbessern! Diese Mahnung Iintschangs sollten wir nicht vergessen. Gar vieles könnten wir von den Chinesen lernen! Wie viel Weihseit liegt in dem Ausspruch Mencius': „Wer kein Mitleid hat, ist kein Mensch!" Die Europäer müssen erst Mitleid lernen, um den Chinesen als Menschen zu erscheinen. Auf dem Wege des Mitleides gelangt man zur Liebe. I. Robinsohn. Geistiger Atavismus. Wir haben die antisemitische Bewegung stets und mit allem Nachdruck und aus vollster Ueberzeugnng als eine barbarische bezeichnet. Man har uns wohl hier und da Uebertreibung vorgeworfen, wenn wir von Antisemiten wie von Barbaren sprachen. Wir wollen zeigen, daß wir nur zu recht hatten und noch mehr jetzt recht haben. Denn anfänglich mochte es doch manchem scheinen, als habe man es bei der antisemitischen Bewegung nur mit einem Rückfall in mittelalterliche Roheit zu tun. Wir freilich sagten uns, daß, wer im 19. und gar im 20. Jahrhundert eine Gemeinschaft, welche, nehmt alles nur in allem, keinem anderen im Laude hinsichtlich der geistigen und sittlichen Bildung im Durchschnitt nachsteht, nur wegen ihrer Religionszugehörigkeit oder Abstammung beleidigen, mißhandeln und entrechten zu dürfen glaubt, ein Barbar ist, und wenn er es noch nicht ganz sein sollte, so notwendig zur schlimmsten Barbarei sinken muß, wie man, wenn keine hemmende Gewalt es verhindert, auf einer schiefen Ebene immer weiter hinabgleiten, in einen tiefen Sumpf immer tiefer hinabsinken muß. Die Russen, die Juden morden, die Marokkaner, die sie gegen eine geringe Geldentschädigung zu ermorden gestatten, sind ja tatsächlich weniger zu verurteilen, denn sie haben sich nie einer Schulbildung zu erfreuen gehabt, wie die deutschen antisemitischen Agitatoren auch wenn sie noch so wenig gelernt haben. Der Antisemitismus ist nicht eine bloße schamhafte Uebersetzung der mittelalterlichen Judenfeindschaft, er ist ein viel, viel weiter zurückgreifender geistiger Atavismus. Nicht bis zum Mittelalter nur mit dessen Judenverfolgungen, Judenvertreibungen, Judenplünderungen, Judenverbrennungen, greifen die Antisemiten zurück, sondern bis auf die'vorchristliche Zeit, in welcher die Deutschen noch nichts von Monotheismus wußten. Sie suchen ihr Heil in Wotan nicht in Christus, von dem sie am liebsten nichts hören, dem sie die Vernichtung der urteutonischen „Kultur" zum Vorwurf machen. Und noch viel weiter fallen sie in der Zeiten Schoß zurück. Nicht etwa nur den Juden, sondern den Polen gegenüber, allerdings auch gegenüber den anderen „fubgermanischen Rassen" empfiehlt einer von ihren Leuten den Bildnngskorb höher zu hängen, ja im Interesse der Germanisation, „eine Kultur- und B.lu Verschmelzung" mit den Deutschen nach Möglichkeit zu verhindern. Also in die Anfänge der römischen Zeit sollen -wir zurück und das Konnubium verbieten. Aber man glaube ja nicht, daß die Germanen nur den „subgermanischen Rassen" gegenüber so wählerisch sein sollen. Leute von starkem Rassenbewußtsein, lesen wir im „H am m e r“,. mißbilligen den Gedanken, daß aus einer Unterschicht von ländlichen Arbeitern jemals ein vollwertiges herrschendes Geschlecht emporwachsen könnte. Also auch mit . diesen kein Konnubium. SM

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