Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Die Wahrheit. :ette o. eigentliche Gottesdienst findet am Sonntag statt, doch wird den konservativen Bedürfnissen auch durch eine Gebetstunde am Samstag Rechnung getragen." Kaffer «ad Gautsch. Die Zeiten kommen und gehen, die österreichischen Minister tauchen auf dem Horizonte der Regierung aus und verschwinden in den faltigen Taschen der Unendlichkeit, eines aber bleibt unwandelbar bei den österreichischen Geschichtelenkern: das falsche Urteil und das Vorurteil über unser Volk. Mag fein, daß der oberste Herr und Landesvater wiederholt die herrlichen Worte verkündet hat, daß seinem Herzen alle seine Völker gleich nahe stehen, bezüglich der Ministerpräsidenten könnten wir diesen Ausspruch im umgekehrten Sinne anwenden und ganz ruhig behaupten, daß die Juden zu allen Zeiten ihren Herzen gleich ferne stehen. Eine geschichtliche Reminiszenz aus meinem Gedächtnisse mag diese Tatsache erhärten. 33 Jahre sind verflossen, seitdem Minister Lasser seinen direkt gewählten Reichsrat zusammentreten ließ. Wir Juden in Galizien standen dazumal besser organisiert und strammer hinter dem ersten politischen Verein ..Schomer Israel . welchem die Spitzen der jüdischen Intelligenz angehörten. Da die liberalen und demokratischen (?!) Polen von einer Transaktion mi: uns nichts wissen wollten, sondern nur die Auslieferung der Judenschaft Galiziens auf Gnade und Ungnade verlangten und ihre Alleinherrschaft im galizisch-polnischen Zentral-Wahlkomitee zentralisierten, ließ das Komitee des Vereines von der Aufdringlichkeit ab und verfügte die Einsetzung eines jüdischen Zentral-Wahlkomitees, das über meinen Antrag Fühlung mit den Ruthenen nahm nnd zu einer Vereinbarung zwecks beiderseitiger Unterstützung der Kandidaten in Ostgalizien führte. Dazumal kannten wir noch nicht die modernen jüdischen Judenfresser, Polacy mojzyszowego wyznania, die Polen mosaischer Konfession, obschon die jüdische Fortschrittspartei seit 1848 das Heft der Kahale in Händen hielt und es zahlreiche Schleppträger und polnischuniformierte Lakaienseelen gab. Der Vereinbarung gemäß sollten folgende jüdische Abgeordnete aufgestellt werden: Aus Brody zwei (Handelskammerkurie und Stadt), für Tarnopol Landesadvokat Dr. Josef Kohn, damaliger Präsident des Vereines „Schomer Israel" und Landesadvokat Dr. Heinrich Gottheb, einer der gediegensten und gebildetsten Advokaten in Stanislau, einer in Drohobycz, Prediger Löwenstein, in der Kurie der Gemeinde Przemysl-Grodek. schließlich in Kolomea-Buczacz-Sniatyn Dr. Hömgsmann, während der westgalizische Teil nur unter Krakauer Diktat stand und den Handelspräsidenten, einen gewissen Mendelbnrg, einen Musterpolen mosaischer Konfession, in den Reichsrat entsandte. Die Agenten des Vereines . Schomer Israel", uneigennützig und patriotisch-jüdisch wie sie waren, taten ihre Pflicht mehr als voll und ganz, und zufolge ihrei Agitation gelangten dann 23 Ruthenen in den Reichsrat, während die jüdischen Kandidaten in Przemysl, Tarnopol und Stanislau durchfielen. Abgesehen von der mangelhaften Agitation seitens der ruthenischen Bundesgenossen hat die Lassersche Regierung durch Anhalten der bäuerlichen Wähler nnd durch manches andere Kunststückchen den polnischen Gegenkandidaten das Mandat in die Hände gespielt. Besonders in die Augen stechend war die Arbeit des damaligen Bezirkshauptmannes in Grodek, welcher einigen hundert Wählern die Legitimationen vorenthielt. Als dieser gouvernementale Gewaltakt im Verifikations- Ausschüsse zur Sprache kam, und dem Minister Lasser vom Reichsratsabgeordneten der ostgalizischen Handelskammer. Herrn Eduard Breier zum Vorwürfe gemacht, und gleichzeitig die Annullierung der Wahl gefordert wurde, was erwiderte der Ministerpräsident? „Ich mag doch kein Judenparlament in Oesterreich!" und damit hatte es sein Bewenden. Nun wie verhält es sich heute, in der Epoche des allgemeinen direkten und gleichen Wahlrechtes mit dem jüdischen Volk in Oesterreich? Leben wir Juden gar nicht in dieser Epoche, wo aus dem Gesamtösterreich ein Volkskonglomerat erstehen soll mit strenger Berücksichtigung aller Einzelstämme? Werden die Juden mit eben so viel Sorgfalt umgeben und ihre nationalen Eigentümlichkeiten geschützt? Wie stellt sich unser jetziger Ministerpräsident zur Frage der nationaljüdischen Kurie? Ablehnend und kühl bis ins Innere wird den jüdischen Deputationen die lakonische Antwort gegeben, es liege nicht im Plane der Regierung, eine eigene Kurie oder das Proportionalwahlsystem znzugestehen. Ja weshalb denn nicht? Gibt etwa der Judenbürger nicht dem Staate, was des Staates ist, oder wiegt das jüdische Blut und der jüdische Steuergulden weniger als der anderer Stämme katholischer Konfession? Mit Nichten! Es bleibt nur der Gedanke aufrecht, den vor 33 Jahren der damalige Minister geprägt hat: „Ich mag kein Judenparlament!" Welche Rolle wird uns zugedacht? Zunächst die als Bürger zweiter Qualität. Die Juden sollen bleiben die altrömischen Goluthjuden, in bescheidener Entfernung vom echten, unfehlbaren Christenvolke, denen Gnade erwiesen wird, wenn man ihm gestattet, die Brosamen aufzulösen, welche vom Völkertische herabialien. Weshalb aber will der Ministerpräsident trotzdem einige Juden aus Galizien im Reichsrat behalten? Es kann dies nur zu dem Zwecke sein, daß sie als Prügelknaben anderer Volksstämme und als Zünglein an der Wage beim Entbrennen nationaler Duelle dienen. Natürlich mit der Barbezahlung, welche jedesmal einem solchen Puffervolke zuteil wird: moralische und materielle Prügel. Wie immer auch unsere 800.000 jüdischen Bewohner- Galiziens im politischen Chemismus zur Verwendung kommen, eines muß von uns festgehalten werden und uns stets vor Augen schweben: Irräaens xro Judaeo — Der Jude für die Judenpolitik und keine politische Sklaverei und Panszizyna. Die jüdischen Interessen erheischen es gebieterisch, im Streite beider Nationalitäten in Galizien entweder eine ganz neutrale Haltung oder mindestens keine derartige einzunehmen, welche auf Vergewaltigung und Niederwerfung des ruthenischen Stammes nnd weitere Förderung der ohnehin mächtigen Polen abzielt, die ihnen die Herrschaft über Land und Leute sichert. Es erscheint uns ferner als eine dringende Sache, das jüdische Element im Reichsrate enger zusammenzuschließen, wenn dies auch den Unwillen der Regierung erregen wird, welche ein Judenparlament perhorresziert und die Juden bloß als Zulegegewichte zu anderen* Nationen anerkennen möchte. Wie aber schützt sich das jüdische Volk vor jener brutalen Ausnützung, deren Beute es seil 39 Jahren geworden? Zunächst durch eine Organisation und Konzentration aller unserer Gemeinden zu einem galizischen Gemeindebunde, wie er in den Jahren 1878—1902 in Lemberg wohl versucht, aber nicht durchgeführt wurde. Dieser Organisation könnte unser politische Verein ..Schomer Israel" als Folie dienen, ihr obläge die Wahrung, Vertretung und Verteidigung aller Rechte unseres Volkes. Ein derartiges Zentrum für nationale Vorarbeit gliche dem Gefamtgebirne unserer 800.000 Volksgenossen, es wäre ihr Volksanwalt und unbestechlicher Hüter- Dann bliebe es sich gleich, ob der Ministerpräsident ein Judenparlament wünscht oder nicht. Die jüdischen Vertreter im Reichsrate würden nicht bloß Schemen- und Scheinjuden, sondern echre und rechte Vertreter des Judentums abgeben, die das Vertrauen ihres Volkes rechtfertigen und selbst als Zuleggewichter ein gewichtiges und ausschlaggebendes Moment im österreichischen Reichsrate bilden würden. Ben Israel. Komet. „Der nächste Weg zum sittlichen Verderben ist die Geringschätzung der menschlichen Natur." Moses Mendelssohn. „Der Antisemitismus ist nicht ein Unglück für die Juden; denn wer Unrecht erleidet, ist nie zu beklagen, sondern wer Unrecht übt. Der Antisemitismus demoralisiert; er ist das ärgste Uebel in unserer Zeit, denn er vergiftet ganze Generationen; er macht sie blind gegen Recht und Unrecht und ertötet jedes moralische Gefühl; er verwandelt die Seele in eine Trümmerstätte, auf der alles Gute und Edle vernichtet ist."