Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 4. Die Wahrheit Nr. 8. Polen das Brod des politischen Elends genießen, zu müssen z vereitelten, aber daß er sich mit seinem ganzen Einflüsse gegen! die zionistische Bewegung wandte, das kann und wiro die jüdische Oeffentlichkeit kaum mit stiller Resignation hinnehmen und dieser Umstand rechtfertigt selbst die turbulentesten Vorgänge im Volke. Wir wollen nicht zu unserem ökonomischen und sozialen Nebbich noch ein politisches Nebbich prägen, das kein einziges arisches Volk kennt! Traurig genug, daß es jüdische Parlamentarier gib;, deren ganzes Streben dahin geht, den jüdischen Stamm im politischen Leben wie einen ganz unentbehrlichen Volksstummel irgend einem anderen Stamme anzukleben oder anzubiedern. Noch sind wir im dichten Morgengrauen und es steht zu befürchten, daß Sr. Exzellenz der Herr Ministerpräsident noch immer auf die 39 Jahre alte Gewohnheit eingeübt ist, die es ihm unmöglich erscheinen läßt, das jüdische Volkselement auch als ein solches sui generis zn behandeln.*) Allein wer immer und aus welchen Beweggründen immer jene gerechte, zeitgemäße und erwnnsche Stellungnahme verabsäumte, unserem Volke reifen ganz andere Vertreter mit altjüdischer Nackensteife, welche die Gifttraube der politischen Assimilation aus dem Weingarten Israels aushacken werden, einerlei ob dieses Experiment mit mehr oder weniger Schmerz, oder mit größeren oder geringeren Opfern verbunden ist. Daß dieser Moment nahe ist, dafür rufe ich unsere akademische Jugend als Zeugin an. Fraget nur die jüdischen Akademiker, und sie werden es Euch sagen, offen und unumwunden vor ihren akademischen Behörden und der polnischen Journalistik. So geschah es auch am 14. Februar dieses Jahres. Da versammelten sich die jüdischen Hochschüler Galiziens, denen sich noch Deputationen von der Czernowitzer Universität u. A. anschlossen, aus der Lemberger k. k. Franzens-Universität im Saale III. Gegen 500 war ihre Zahl, so daß der Saal nicht alle fassen konnte. Von den Universitätsbehörden erschienen der Rektormagnifikus mit den Dekanen der medizinischen und der juridischen Fakultät, und sie waren Ohrenzeugen der großartigen Debatten, welche da über die Sache der Anerkennung der jüdischen Nationalität von Universitätshörern geführtwurden. SieVernahmen den tosenden Applaus, welcher den einzelnen Prorednern zu teil wurde, nicht minder aber auch die Mißstimmung, ja den Hohn, welchen die Worte eines Redners von der kaum zehn Mann starken Klique der Polacy mojzyszowego wyznania hervorriefen. Zufolge Raummangels können wir die einzelnen Reden nicht einmal auszugsweise bringen und müssen uns nur mit der Andeutung begnügen, daß der talentvolle und gewandte Redner, Herr Friedrich Aschkenasy, das Referat führte, daß derselbe nachwies, wie Israel seiue Stammesgeschlossenheit seit 2000 Jahren bewahrte und diese niemals aufgeben werde, und zum Schluffe folgende Resolution vorschlug: „Die am 14. Februar 1906 in der Lemberger Universität versammelten jüdischen Hörer der drei Fakultäten wenden sich an den Ministerpräsidenten und den Minister für Kultus und Unterricht mit dem dringenden Ersuchen, sie mögen die Anerkennung der jüdischen Nationalität auf allen Fakultäten der Lemberger Universität in möglichst kürzester Zeit durchführen. Gleichzeitig wendet sich die jüdisch-akademische Jugend an den hohen akademischen Senat mit der Bitte, er möge diese der Wissenschaft wie auch der Ethik und der Freiheit der akademischen Bürger entsprechende Forderung, die der Ausdruck der Gefühle der Mehrheit der akademisch-jüdischen Jugend ist, in Anerkennung der begründeten Motive eifrigst unterstützen." Diesem Anträge fügte ein anderer Redner noch ein wichtiges Alinea hinzu, und zwar: „Sollte der hohe Senat diese Präposition nicht akzeptieren, wird die jüdisch-akademische Jugend sich als nationslos erklären." Unter ungeheurem Beifallsklatschen wurden beide Resolutionen in der Fassung der Referenten angenommen, und dies mit Stimmeneinhelligkeit, da das Minjan der antijüdischen Akademiker gleich nach der so mißliebig aufgenommenen Kontrarede, das Weite gesucht zu haben schien. *) Durch die mittlerweile erfolgte Erklärung des Ministers des Innern ist diese Befürchtung bereits bestätigt. Um aber den Sieg voll und ganz zu gestalten, begnügtesich das Vorbereitungskomitee nicht mit den Universitätshörern sondern lud auch die jüdischen Techniker zu einer gleichen Kundgebung ein, welche Freitag den 16. d. M. um 7 Uhr abends unter Teilnahme von 600 Hörern stattfand. Diese Versammlung, in welcher jedoch niemand vom Professorenkollegium erschienen war, zeichnete sich besonders dadurch aus, daß zwei polnische Hörer aus Warschau die Intentionen der jüdischen Kollegen mit Freude begrüßten, indem sie erklärten, daß sie glücklich seien, auf einem akademischen Boden zu stehen, auf dem die Söhne eines Volkes ihre nationalen Rechte fordern. Es fehlte aber auch nicht an einem polnischen Redner, welcher das Gegenteil behauptete. Unter stürmischem Beifall wurden schließlich auch hier die obigen Resolutionen mit Stimmeneinhelligkeit angenommen und die Versammlung in würdigster Weise um 11 Uhr nachts geschlossen. Wer vermag es, diese Erscheinung ignorieren, welche sich vor unseren Augen vollzieht, indem die akademische Jugend Galiziens im krassesten Gegensatz zu ihren Eltern und ihren assimilatorischen Erziehern und im Antagonismus zur galizischen Behörde und der polnischen Uuterregierung sich offen und freimütig zu der so unmodernen und allseitig verfolgten Nationalität bekennt und mit Begeisterung ausruft: „Wir sind Söhne des uralten jüdischen Volkes!" Wer dieses Zeichen der nahenden jüdischen Erlösung nicht anerkennt, dem geht jedes Vorgefühl und Verständnis für psychische und ethnogische Erscheinungen ab. Jung-Jsrael zieht vorüber, die Verführer aber haben das Nachsehen und ihr rückläufiger Kommandoruf verhallt in der diasporischen Wüste. Jesus und die Essiiee-Oeden. Von Dr. Georg Lomer. (Schluß.) Mit Annahme des weißen Essäer-Festgewandes und des „Schurzes" waren Jesus und Johannes Glieder des Bundes geworden. In dem nun folgenden Probejahr ging die innere Entwicklung der beiden verschiedene Wege. Johannes neigte mehr den Therapeuten*) zu, „die ihr Leben lang in Selbstbeschauung und einsamer Heiligkeit dem Geiste dienten", während Jesus das Wohl der Menschen fördern wollte. Hierin bestärkten ihn die älteren Brüder, welche schon lange darnach strebten, durch eine jüngere Kraft das Volk für die Ordensanschauungen zu gewinnen. Hierzu wählten sie Jesus und sie lehrten ihn, daß Gott nicht nur die Juden, sondern auch die Heiden glücklich machen wolle. Da aber das Wahre und Gute eher Eingang findet, wenn es in liebreicher Form kommt, so sollte Jesus auch Wohltäter sein; „denn Hilfe in Leibesnot und Krankheit ist des Bundes Pflicht und muß gelernt werden". So zogen die beiden in die Welt. Aus einer Rotte des Judas Gaulanites gewann sich Jesus als ersten Anhänger'den Galiläer Simon, welchen er von früher kannte. Ihn und viele andere machte er — zum grimmigen Zorn des Bandenführers Sadoc — dem räuberischen Handwerk! abspenstig/ In der Folgezeit, die er mit der Pflege Josefs in j Nazareth verbrachte, reiften dann weitere Pläne. „Er wollte j einen neuen Tempel schaffen — und damit eine neue Herrschaft j im Staate — aber nicht mit dem Schwerte, sondern mit der Kraft des Wortes der Wahrheit und mit der Reinigung des Lebens. Denn sein Sinn stand darauf, daß das jüdische Volk mehr Freiheit haben müsse von den Römern, da es in Frieden lebte, und durch die Unterdrückung das Gute im Volke absterbe. Aber bald wurde er gewahr, daß das Volk nicht in Frieden sich frei machen wollte, sondern durch Aufruhr." Man glaubte allgemein, die Zeit sei nahe, — wie prophezeiht sei — „wo die Herrschaft der Römer zu Ende ginge und Blut fließen müsse". Keiner fand sich, der so friedlich dachte wie Jesus. Erst auf der nächsten Reise nach Jerusalem lernte er Johannes, des Zebedäus Sohn, kennen, der ihm ähnlich war und darum sein Freund wurde. In Jerusalem traf er abermals mit seinem alten Vater Euphanias zusammen und teilte ihm seine Pläne mit. Damals wurde er auch durch Johannes in des Lazarus Haus zu Bethanien eingeführt, gewann ihn zum Freunde und faßte