Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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AisZZahrchsil Redaktion n. Slbmiiiiftiatioii: Wien, 11/, Novaragasse 27. Anabhängige Heiischrift für Mische Lerugspyeis- : Ganzjährig . . . ä. i*.— Halbjährig ... ft. 6 — | Telephon Sir. der Druckerei 15802. Inserate JtrfmjjfetL | Für Cultusveninle:! . j 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Kr scheint jeden Kreitng. Ganziahrlg . . . ft. io —; .! Abonnementsn. JnsertionSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Mott« : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ "tfiir Ausländ: Ganzjährig . . . s Mack | 6 Rubel aber lti Fcs. j i Ur. 8. Wien, 23. Februar 1906. Inhalt: Wahlreforin und jüdische Autonomie. — Lemberger Briefe. — Jesus und die Essäer-Orden. — Unter dem Schleier der Maja. — Aus der Wiener Kultusgemeiude. — Kaiser Franz Josef Ferienheim. — Tempelbauverein im VIII. Bezirk. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Zurückgefunden. — Alte und neue Synagogenmusik. Die geehrten Kerren Aöonnenten werden um freundliche Einsendung des Aöonnementsöetrages für das taufende Quartal ersucht._ M ahlrrform und jüdische Autonomie. Noch bevor die Details der Wahlkreiseinteilung und der Verteilung der Mandate bekannt wurden, konnte es als eine feststehende Tatsache gelten, daß die durch die zionistische und jüdischnationale Partei in Wien und in der Provinz mächtig angefachte Bewegung zur Erreichung einer jüdischen Vertretung im österreichischen Abgeordnetenhause bei der gegenwärtigen Wahlreform erfolglos geblieben ist. Sie scheiterte nicht allein an dem Widerstande der Regierung, sondern noch vielmehr an dem Widerstreben der gegenwärtig machthabenden und bei der Regierung Einfluß besitzenden offiziellen jüdischen Kreise, die es vorziehen, politische Schleppträger der Deutschen, Czechen und Polen zu sein. Dieses Moment muß besonders für die Zukunft festgehalten werden, weil wir der Ueberzeugung sind, daß einmal die Zeit kommen wird, wo der gegenwärtige Widerstand als ein Akt politischer Kurzsichtigkeit erkannt werden wird und man zu jener Zeit vollkommen im Klaren darüber sein soll, wer an dem Mißlingen schuld trägt. Eine strikte Antwort über die Stellung der Regierung zu dieser Frage hat der Obmann des zionistischen Aktionskomitees Dr. Schalit in einer jüngst beim Minister des Innern Grafen Bylandt-Rheidt stattgehabten Audienz erhalten, über welche folgendes Communiqus ausgegeben wurde: Samstag, den 17. d. M., wurde der Obmann des zionistischen Landeskomitees und des jüdischen Wahlrechtskomitees sür Oesterreich naeä. Dr. Schalit vom Minister des Innern Grafen Bylandt-Rheidt empfangen. Die Audienz war die Fortsetzung einer am 14. d. M. stattgefundenen Unterredung in der Dr. Schalit dem Minister des Innern folgende Forderungen bezüglich der Wahlreform formuliert hatte: Die Durchführung der nationalen Autonomie unter Anerkennung der jüdischen Nationalität, wie sie in den Versammlungen in Wien und in den Provinzen gefordert worden war, weiters die Einführung des Proportionalwahlverfahrens zum Schutze der Minoritäten, die Trennung der städtischen von den ländlichen Bezirken, für den Fall der Einführung nationaler Kataster die Schaffung eines jüdischen Wahlkatasters und schließlich die Schaffung entsprechender Wahlkreise in Galizien und in der Bukowina. Graf Bylandt-Rheidt erklärte, nachdem er die programmatischen Ausführungen des Dr. Schalit mit großer Aufmerksamkeit angehört hatte, in den von hohem Idealismus erfüllten Bestrebungen der Zionisten eine loyale und österreichische Politik zu erblicken, daß aber das Proportionalwahlverfahren für die Juden keineswegs günstig und daß es überhaupt in Oesterreich schwer durchführbar wäre, weil hierzu zunächst die Zusammenlegung mehrerer Wahlkreise zu einem großen Wahlbezirk erforderlich sei, wodurch die Wahlbezirke eine territoriale Ausdehnung gewinnen würden, die sowohl die einheitliche Organisation und Agitation als auch eine einheitliche Kontrolle unmöglich machen würden. Die Regierung habe es versucht, in der Vorlage allen berechtigten und derzeit erfüllbaren Wünschen der Juden nach Möglichkeit Rechnung zu tragen. Die weitere Unterredung ergab, daß die Forderung nach Durchführung der nationalen Autonomie aller Völker, und somit auch der Juden, derzeit nicht berücksichtigt worden sei. Dr. Schalit überreichte auch ein Memorandum bezüglich der Auslösung der zionistischen Vereine in Galizien. Diese Maßregel, sagte Dr. Schalit, sei eine Folge der vom Abgeordneten Dr. Byk gegen die zionistischen Organisationen begonnenen Agitation; die Auslösung vollzog sich stets in der Form, daß die Regierungsvertreter eine gleichlautende Entrüstungsdepesche vorwiesen, die die zionistischen Vertrauensmänner an Dr. Byk abgesendet hatten und in der eine statutenwidrige politische Betätigung erblickt wurde. Dr. Schalit beschwerte sich darüber, daß die staatliche Intervention, die bei den Judenexzessen von Zablotow und Uhnow nicht rechtzeitig bewirkt werden konnte, jetzt zugunsten der Politik eines Einzelnen so prompt funktioniert habe. Der Minister sicherte Dr. Schalit eine eingehende Priifung der Akten nach deren Einlangen zu und versicherte, daß bei legaler Agitation von seiner Person eine objektive und gerechte Haltung erwartet werden könne. Kemberger Kriese. Der höchst betrübende Widerstand einiger Gemeindeältester in Galizien gegen den lebenden Odem einer Renaissance der jüdischen Nationalität, welche sich seit einigen Jahren fühlbar macht, hat in den meisten jüdischen Kreisen großen Unwillen und herben Tadel hervorgerufen. Wenn es auch anzunehmen ist, daß der Abgeordnete welcher dem Polenklub angehört, alle Machinationen kannte, welche dort gegen das gerechte Verlangen unserer galizischen Stammesgenossen nach nationaler Anerkennung eingeleitet wurden und jede Anstrengung jüdischerseits zur Abwendung des harten Geschickes, als Zwickelvolk der dämm